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Greifswald Kreis will mehr Teilhabe ermöglichen
Vorpommern Greifswald Kreis will mehr Teilhabe ermöglichen
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00:01 22.07.2017

Im Landkreis Vorpommern-Greifswald leben aktuell etwa 29 000 Menschen mit Schwerbehinderungen. „Das sind fast 6000 mehr als zehn Jahre zuvor – und das bei rückläufiger Bevölkerungstendenz“, verdeutlicht Sozialdezernent Dirk Scheer. Der Anteil Schwerbehinderter an der Bevölkerung stieg von 9,1 auf 12,2 Prozent – es ist der höchste seiner Art unter den Landkreisen in MV, wie aus dem jüngst vom Kreistag beschlossenen Teilhabekonzept hervorgeht.

Auch Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Behinderungen sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Der Kreis hat deshalb ein Teilhabekonzept erarbeitet. Quelle: Foto: Fotolia

Das 33-seitige Papier beinhaltet 18 Ziele, um Menschen mit Behinderungen, aber auch Beeinträchtigungen verschiedener Art, am gesellschaftlichen Leben besser teilhaben zu lassen. Das Konzept ist damit zugleich eine Antwort auf das Ende 2016 verabschiedete Bundesteilhabegesetz. Der Landkreis formuliert darin ein ganzes Paket von Maßnahmen, die Menschen aller Altersgruppen betreffen.

Förderung von Kindern und Jugendlichen

Um Kinder mit milieubedingten Entwicklungsverzögerungen oder Lernstörungen rechtzeitig zu unterstützen, soll deren Förderbedarf künftig spätestens bis zur Vollendung des 5. Lebensjahres flächendeckend erkannt und den Eltern verständlich gemacht werden. Der Kreis will das Netzwerk „Frühe Hilfen“ dazu weiter ausbauen und sich mit 25 000 Euro an diesem bundesgeförderten Programm beteiligen. Außerdem sollen weitere Erzieher zu Elternberatern und -begleitern qualifiziert werden. Ihre Aufgabe ist es, Müttern und Vätern Wissen für den Umgang mit Entwicklungsverzögerungen zu vermitteln.

Bewährt habe sich nach Einschätzung des Gesundheitsamtes auch der Babybesuchsdienst, der milieubedingte Entwicklungsrisiken aufspürt und Hilfebedarf erkennt. Allerdings sei der Bedarf weitaus größer als es die Personaldecke zulasse. Aktuell widme sich im Kreis lediglich eine Kinderkrankenschwester zehn Stunden pro Woche dieser Tätigkeit, sodass sie bislang nur in den Bereichen Anklam und Wolgast unterwegs ist. „Dieses Modell“, heißt es, „soll auf die Standorte Pasewalk, Greifswald und Insel Usedom ausgeweitet werden.“ Geplant ist, ab 2018 zwei Vollzeitkräfte einzusetzen.

Ein weiteres Ziel: der Einsatz von Integrationshelfern. Laut Einschätzung der Sozialplaner „sind die personellen und sachlichen Voraussetzungen einer inklusiven Schulbildung noch nicht gegeben“. Und weiter: „Gesellschaftlich findet sie noch keine durchgehende Akzeptanz.“ Um die Hilfen künftig besser zu koordinieren, soll im Kreis ein Kommunikationssystem entstehen, an dem Erziehungsberechtigte und Verantwortungsträger beteiligt sind.

Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigungen

Darüber hinaus schreibt sich der Landkreis auf seine Fahnen, junge Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder starken Verhaltensauffälligkeiten nach ihrem Schulabschluss besser zu betreuen.

Ziel ist es, „ihre Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen“. Beispielsweise wird angeregt, ein Angebot der Tagespflege zu schaffen, das mit Maßnahmen der Eingliederungshilfe kombiniert ist. Außerdem sollen Menschen mit erheblichen Leistungsminderungen mehr und vielfältigere Beschäftigungsangebote außerhalb von Werkstätten erhalten.

„Barrierefreien und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe der Kommunen“, sagt Kreistagsmitglied Erik von Malottki (SPD), der sich in Greifswald auch in der AG „Bezahlbarer Wohnraum“ engagiert. Das Teilhabekonzept fordert konkret, dass bis 2020 jedes Jahr zusätzliche Wohnmöglichkeiten für 60 bis 70 Personen mit Beeinträchtigungen geschaffen werden – Barrierefreiheit vorausgesetzt. Außerdem sollen neue Möglichkeiten geschaffen werden, die ein ambulantes, betreutes Wohnen ermöglichen, statt mehr stationäre Plätze zu schaffen.

Tagesstruktur und Alltagsgestaltung

Nicht zuletzt umfasst das Teilhabekonzept des Kreises eine Reihe von Vorschlägen, um mehr tagesstrukturierte Angebote für Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen zu etablieren. Als Ideenschmiede könnten Sozialraumkonferenzen dienen, die Verwaltungen und Dienstleister zusammenführen. Dabei sollen auch jene Menschen nicht außer Acht gelassen werden, die altersbedingt aus Werkstätten ausscheiden.

In der Summe hat sich der Kreis mit diesem Papier sehr ehrgeizige Ziele gesteckt, deren Finanzierung jedoch noch völlig unklar ist. Zwar gibt es eine erste Übersicht zu einzelnen Kosten, doch der gesamte Finanzbedarf sei noch nicht bezifferbar, so Sozialdezernent Scheer.

Fragwürdiger Beschluss

Der Beschluss zum Teilhabekonzept des Landkreises wurde auf der jüngsten Kreistagssitzung zwar mehrheitlich abgenickt. Doch Gremiumsmitglied Gregor Kochhan (Alternative Liste) hat Landrätin Barbara Syrbe (Linke) im Nachhinein gebeten, den Beschluss zu beanstanden. Grund: AfD-Kreistagsmitglied Gunter Jess hatte zum Konzept einen Änderungsantrag eingebracht, über den Kreistagspräsident Michael Sack abstimmen ließ. Das Kuriose daran: Niemand im Saal kannte den kompletten Wortlaut des Änderungsantrages, da Jess unterbrochen wurde. Sack hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass derartige Änderungen schriftlich eingebracht werden müssen. Sozialdezernent Dirk Scheer erklärte daraufhin, dass die Verwaltung den Antrag inhaltlich durchaus mittragen“ könne. Und so stimmten kurzerhand 16 Abgeordnete für die Änderungen von Jess bei sechs Gegenstimmen und vielen Enthaltungen, wobei offensichtlich nicht alle Kreistagsmitglieder ganz bei der Sache waren, wie das anschließende Gemurmel verdeutlichte.

„Auch ich muss mir sagen lassen, dieses im Moment der Abstimmung nicht ganz erfasst zu haben, da ich sonst mit einem Geschäftsordnungsantrag hätte reagieren müssen“, räumt Kochhan, der mit nein stimmte, ein. Wie trotzdem 16 Ja-Stimmen zustande kommen konnten, „ohne dass es einen vollständigen Antrag – schriftlich oder mündlich – gegeben hat, ist mir schleierhaft und hinterlässt einen bitteren Geschmack“, so Kochhan.

Der Antrag von Gunter Jess bezog sich im Übrigen auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen und hatte unter anderem folgende Ergänzung zum Inhalt: „Insbesondere sind auch die individuellen milieubedingten Ursachen von kindlichen Entwicklungsverzögerungen bzw. -störungen zu identifizieren. Hilfsaktivitäten für die beeinträchtigten Kinder müssen begleitend auch die Verbesserung der individuellen Milieuursachen der Beeinträchtigungen anstreben.“ ph

Petra Hase

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