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Anderson in Klempenow

Klempenow Anderson in Klempenow

Nicht weit von Greifswald steigt das vielleicht bedeutendste Filmfest im Nordosten.

Klempenow. Liedermacher Wolf Biermann nannte ihn ein Arschloch. Das war 1991 und sorgte bundesweit für Aufsehen. Ausgerechnet Sascha Anderson, Star der in den 1980er-Jahren von ihm mitbegründeten rebellischen Dichterszene im Ostberliner Prenzlauer Berg, hatte Freunde jahrelang an den Staatssicherheitsdienst der DDR verpfiffen. Das ist inzwischen lange her, doch von den Betroffenen nicht vergessen. Regisseurin Annekatrin Hendel (50) hat sie und den Verräter befragt. Entstanden ist ein bewegender Dokumentarfilm, der am Sonnabend auf Burg Klempenow ausgestrahlt wird.

Anderson in Klempenow — das hatte Christian Herfurth noch gefehlt. Monatelang hatte der 32-Jährige am Programm für das diesjährige Klempenower Filmfest gefeilt. Er wurde das Gefühl nicht los, dass „irgendetwas noch nicht rund“ ist. Da sagte der Verleiher der Anderson-Doku zu. Ein Glücksfall! Für Herfurth die Krönung des Ganzen. Dass auch Grimme-Preis-Trägerin Annekatrin Hendel nach Klempenow kommt, um mit dem Publikum über ihren Streifen zu reden, macht die Sache geradezu perfekt.

Christian Herfurth verschlingt Filme wie andere Bücher. Stets auf der Suche nach Geschichten, die persönliche Lebensumstände und globale Zusammenhänge vor Augen führen. Das von ihm und seiner Lebenspartnerin Undine Spillner organisierte Filmfest ist längst eine große Nummer im ländlichen Kulturbetrieb des Nordostens. In Vorpommern und Ostmecklenburg sucht es seinesgleichen. Drei Tage Filme, die nicht Mainstream sind, die keine großen Kinosäle füllen, aber viele Eindrücke hinterlassen — das macht es spannend, das ist der Anspruch des Klempenower Festes und zugleich seine Stärke.

Wer das Filmfest besucht, wird danach einiges zu erzählen haben.

„Wir bauen den früheren Stall um“, sagt Undine Spillner. „Er wird zum Kinosaal mit ansteigenden Sitzreihen und einer elf Quadratmeter großen Leinwand.“ Hundert Leute, schätzt Spillner, finden so Platz. „Es gibt Besucher, die gucken das ganze Wochenende. Die sind danach völlig zerschlagen und müssen sich erstmal ein Kanu mieten, um wieder zu sich zu kommen.“ Dass mit dem Kanu sei gar kein Problem, gleich um die Ecke fließe die Tollense, gebe es eine Station. Wer nach Klempenow findet und der vielen interessanten Streifen wegen bleiben möchte, kann auf dem Festgelände zelten.

Alternativ wie das Filmprogramm ist die Band, die am Samstagabend aufspielen wird. „Herbst in Peking“, so ihr Name, war 1987 in Ostberlin gegründet worden und machte schnell mit gesellschaftskritischen Standpunkten von sich reden. Ihr Lied „Bakschischrepublik“ wurde zur Wendezeit die Hymne der DDR-Rockszene. Damals waren Herfurth und Spillner Kinder. Er in Berlin, sie im Tollensetal. „Ich war zehn, als mich meine Eltern zu Jahrmärkten auf die Burg Klempenow mitnahmen“, erinnert sich Spillner. Als Teenager habe sie hier Besucherkarten bei einem Konzert abgerissen. Sie ist dann nach Berlin gegangen, studierte Kulturmanagement und lebte die Großstadt. 2011 kehrte sie schließlich zurück, Christian Herfurth an ihrer Seite. „Wir haben das Filmfest geerbt“, sagt Spillner (32) und spielt auf dessen schon 10-jährige Geschichte an. Die Filmemacher kämen gerne, „weil es hier so schön ist“.

Das Programm
Das Filmfest auf Burg Klempenow geht über drei Tage. Es beginnt am Freitag und endet am Sonntagabend.



Am Freitag sind folgende Filme zu sehen: 15.30 Uhr — „Pfade durch Utopia“ (Frankreich 2012), eine Entdeckungsreise vom illegalen Klimacamp über eine von Schülern selbstverwaltete Schule bis zur Freie-Liebe-Kommune. 18.15 Uhr — „Harvest“ (Niederlande 2013): Ünerbittliche Staatsmacht schlägt Rebellion von Olivenbäumen nieder. 18.30 Uhr — „Frohes Schaffen“ (Deutschland 2013), eine humorvolle bis schmerzhafte Abrechnung mit dem Lebenssinn Arbeit. 20.30 Uhr — „In Samartien“ (D, 2013), ein Film über Menschen, die optimistisch sind, dass kulturelle und nationalstaatliche Grenzen durchlässig werden.
Sonnabend: 12 Uhr — „Sadhu“ (Schweiz 2012), über einen Hinduheiligen, der jahrelang in selbstgewählter Isolation im Himalaya lebte. 14 Uhr — Kurzfilme: „Häuser erhalten, Räume eröffnen“ (D, 2014), „Echo“ (D 2012), „Mad Sausage“ (NL 2013), „Elsbeth Maschke in Crashland“ (D 2013). 15.30 Uhr — „Journey to Jah (D, Ch 2013), mit Musik gegen Armut, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Ab 17.30 Uhr Kurzfilme, darunter „Atlas“ (D 2011), „Three Stones für Jean Genet“ (D 2014), „Vom Verschwinden“ (D 2011), „Widerständige Saat“ (D 2011). 19 Uhr — der Berlinale-Film „Anderson (D 2014), über das Doppelleben des DDR-Underground-Popstars und Stasispitzels Sascha Anderson. Zu Gast ist die Regisseurin Annekatrin Hendel, die 2013 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Sonntag: ab 12 Uhr Kurzfilme für Kinder. 14 Uhr — „Tanzträume“ (D 2009), ein Film über die Entwicklung junger Tänzer. Ab 16 Uhr Kurzfilme: „Wind“ (D 2012), „Chaja & Mimi“ (D 2013), „Luminaris“ (Argentinien 2011). 16.30 Uhr — „Population Boom“ (Österreich 2013), eine Auseinandersetzung mit der angeblich drohenden Überbevölkerung der Erde. Ab 18 Uhr Kurzfilme: „Blauer Traum“ (D 2013), „Circuit“ (D 2013). 19.30 Uhr — „Act of Killing“ (Dänemark, Norwegen, Großbritannien 2012), ein Film über den Militärputsch in Indonesien 1965, die Täter und die Opfer.
Einige gucken fast alle Filme.“Undine Spillner,
Organisatorin

 



Sven Jeske

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