Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
„Bislang sind sie noch alle gestorben“

Greifswald „Bislang sind sie noch alle gestorben“

Von Leichenbittern und Nachzehrern: Die Schwarze Witwe enttabuisiert den Tod - auf dem Friedhof

Voriger Artikel
Ultimate Frisbee, Violinklänge und Kunsthandwerk
Nächster Artikel
Wenn Haarfarbe und Figur gehen ...

Eine Friedhofsgeflüster-Tradition: Anhand der Seifenblasen soll klargemacht werden, dass alles vergänglich ist – und sei es noch so schön.

Quelle: kl

Greifswald. Dunkelheit legt sich über den Alten Friedhof. Am Eingang wartet am Freitagabend murmelnd eine Menschentraube. Mittendrin eine Frau in edlem, aber schlichtem Kleid, Hut, Handschuhe – die Schwarze Witwe. Doch mitnichten geht es hier um eine schwermütige Trauerfeier. Fröhlich singt sie jedem ein „Hallo“ entgegen und lacht und kichert.

Eine Frau schüttet die Asche ihres Mannes ins Klo. Da wird sie gefragt, warum sie das macht. „Er wollte eine Seebestattung“, erklärt sie. „Aber wie er dahin kommt, das ist sein Problem.“

Schwarzer Humor der Schwarzen Witwe

Friedhofsgeflüster II

Von Leichenwache, Leichenraub und Leichenfett: 13. August, 19 Uhr,

Alter Friedhof.

Anmeldung: ☎ 0151 / 56 333 549

www.anja-kretschmer.de

Weitere Termine : 22. Oktober,

11. November, 3. Dezember

Die 90-minütige Führung, für die Kunsthistorikerin Anja Kretschmer in die Rolle einer nicht allzu betrübten jungen Dame in Schwarz geschlüpft ist, geht nicht nur über die Begräbnisstätte an der Wolgaster Straße, sondern auch zurück ins Jahr 1889. „Ich werde berichten, wie damals mit dem Sterben und der Trauer umgegangen wurde“, kündigt sie an. „Sie haben ja heutzutage die Endlichkeit weit von sich weggeschoben. Aber“, so resümiert sie beschwingt, „bislang sind sie noch alle gestorben.“

So erfahren die Teilnehmer auf unterhaltsame Weise allerhand Interessantes und Skurriles. Etwa, dass Rabe und Krähe als Todestiere galten, weil sie „Starb“ rufen, ebenso Kauz und Eule, deren Laute sich wie „Komm mit“ anhören. Auch Tauben zählen dazu, denn ihr Rufe klinge wie „Tutenfru“ – Totenfrau. Alle Geschichten und Begebenheiten seien wahr, versichert die Schwarze Witwe und erlaubt ihrem Publikum zu lachen. „Das erleichtert, nicht wahr?“

Wenn jemand gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts verstarb, so wie ihr Mann „wirklich ganz plötzlich und unerwartet“, schloss sich eine Reihe von Ritualen an: Zunächst, so berichtet es die Witwe, sei das Fenster geöffnet worden, damit die Seele freigelassen werden konnte. Die Uhr wurde angehalten, um den Todeszeitpunkt zu notieren und auch die Spiegel hängte man aus abergläubischen Gründen an. Der Körper musste drei Tage lang aufgebahrt werden. In der Zeit ging eine Leichenbitterin von Haus zu Haus und verbreitete die Nachricht vom Tod. Sogar dem Vieh erzählte sie es. Beim Leichenschmaus nach der Beerdigung sei es dann schon mal so feucht-fröhlich zugegangen, dass gleich die nächste Beisetzung geplant werden musste. Hinterbliebene Frauen hatten aufgrund der „Leichenverordnung“ zahlreiche Regeln zu befolgen, die nicht nur die Trauerzeit, sondern auch die zu tragende Kleidung festlegten. „Nicht zu viel Spitze, sehr schlicht, sogar die Unterwäsche wurde vorgeschrieben“, sagt die Witwe. „Die Unterwäsche! Können Sie sich das vorstellen? Wie soll das denn kontrolliert werden?“, fragte sie das Publikum, um sich selbst zu antworten: „Na ja, es kommt darauf an, wer denn da zum Kontrollieren kommt.“

Gespannt lauschten die rund 80 Zuhörer auch den Ausführungen zu den Nachzehrern, also den Verstorbenen, die nach ihrem Tod bis zu neun Familienangehörige nachholten. Um das zu verhindern, hielt es manch einer für nötig, die Leiche um Mitternacht wieder auszubuddeln und ihr mit einem Spaten endgültig den Garaus zu machen.

Es verwundert, wie stark sich der Blick auf den Tod in nicht einmal 130 Jahren gewandelt hat: Von einem mit Aberglauben und Mythen durchsetzten hin zu einem maximal tabuisierten Thema. „Der Tod hat damals viel stärker zum Leben dazugehört“, erklärt Kretschmer im Anschluss. Durch die „Professionalisierung des Todes“, etwa durch Bestattungsunternehmen und Krematorien, sei den Hinterbliebenen vieles abgenommen worden, den heute seltsam anmutenden Bräuchen die Grundlage entzogen worden.

Kretschmer ist freie Rednerin auf Trauerfeiern. Auch von den Führungen, die sie seit fünf Jahren auf Friedhöfen in Norddeutschland anbietet, kann die 35-Jährige leben. Kretschmer weiß so viel über das Thema, weil sie ihre Doktorarbeit über Familiengrüfte geschrieben hat. Um sie geht es im zweiten Teil des Friedhofgeflüsters.

Kai Lachmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Kultur
Verlagshaus Greifswald

Johann-Sebastian-Bach-Str. 32
17489 Greifswald

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag
10.00 bis 17.00 Uhr
Freitag
10.00 bis 15.30

Leiterin Lokalredaktion: Katharina Degrassi
Telefon: 0 38 34 / 79 36 74
E-Mail: greifswald@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Physik,Kernphysik,Wendelstein,Plasmaphysik,Atome Teaser der den User auf die Themenseite führen soll image/svg+xml Image Teaser Wendelstein 7-X 2015-09-23 de Themenseite Wendelstein 7-X In der Fusionsanlage des Max-Planck-Instituts in Greifswald wird erforscht, ob sich die Kernfusion zur Energiegewinnung eignet. Hier finden Sie Artikel, Videos und viele weitere Informationen zum Thema.
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.