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Greifswald „Diese Arbeit ist wie eine Droge“
Vorpommern Greifswald „Diese Arbeit ist wie eine Droge“
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07:04 06.09.2013
Was die Rolle seines Lebens war? Die gibt‘s nicht, sagt Jesse. Jede neue Rolle sei eine Herausforderung, der er gern ins Gesicht sieht. Quelle: Peter Binder
Greifswald

In den ersten Jahren kam sie noch manchmal, diese Frage von Freunden oder Kollegen: Willst Du nicht auch mal weg von hier? An eine andere Bühne? Heute fragt keiner mehr, jeder weiß: Dieser Lutz Jesse bleibt, der gehört hierher, nach Greifswald, zum Theater, zum Schauspiel.

„Weggehen nur um des Weggehens willen — das wollte ich nie“, sagt Jesse, der in Wackerow aufwuchs. Wenn schon, hätte es wohl ein richtig gutes Engagement sein müssen, das ihn weglockte. „Aber Greifswald hat es doch auch verdient, dass gute Schauspieler hier bleiben“, sagt er verschmitzt.

Als Stadttheater mit breitem Repertoire biete ihm das Haus zudem viel Abwechslung. Vor 30 Jahren, im Spätsommer 1983, stand Jesse das erste Mal vor dem Greifswalder Publikum, 24-jährig, gerade fertig mit der Schauspielausbildung in Rostock. Als Riese im Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ stapfte er über die Bühne. Seitdem hat er in 152 Inszenierung am Theater mitgespielt und so unterschiedliche Rollen wie den arbeitslosen Stripper „Graham“ in der umjubelten Komödie „Ladys Night“ verkörpert oder in „Das Fest“ den alten Vater, der seine Kinder missbrauchte und zur Rede gestellt wird.

Gerade die Rolle im „Fest“ findet Regisseurin Uta Koschel bemerkenswert, wenn sie sagen soll, was sie an Jesse schätzt. „Dieser Vater ist ja eine sehr negative Figur, aber Lutz hat es geschafft, ganz viel Menschliches reinzubringen“, sagt sie. Weil er mit Ernsthaftigkeit, mit Leidenschaft herangehe.

Gleichzeitig gilt Jesse bei der Arbeit als auffallend fröhlich und verspielt. Neulich bei einer Probe für das Stück „Gyges und sein Ring“ etwa: In der ersten Szene tritt Jesse mit einem Kissen in den Händen auf die Bühne, darauf gebettet eine Krone und ein Schwert. Das Bühnenbild macht es ihm schwer — breite Gummibänder spannen sich von oben nach, ständig bleibt Jesse hängen. Doch statt genervt zu sein, macht er ein Spiel daraus, schiebt sich absichtlich gegen die Bänder, dreht sich wie ein Tänzer hindurch. „Er verbreitet gute Laune“, sagt Schauspielkollegin Claudia Lüggenegger, „weil er im positiven Sinne albern ist“. Mit ihm könne man immer scherzen, sagen auch andere.

Was auf der politischen Bühne passiert, seit Mathias Brodkorb Kultusminister von MV ist, macht Jesse allerdings wütend. Die Theater Stralsund und Greifswald seien 1994 fusioniert, „und das war gut“, meint er. Aber nun sei die Grenze des Leistbaren erreicht. Mit Neustrelitz auch noch zu fusionieren, sei unmöglich. „Wir Schauspieler sind doch keine gefrorenen Schweinehälften, die man quer durch die Republik karren kann!“

Dass sich bei den Proben meist seine gute Laune durchsetzt, hat einen guten Grund. Auch wenn am Theater in den vergangenen 30 Jahren zig Stellen gestrichen wurden, Besucherzahlen runtergingen und Jesse mit Sorge sah, wie mancher Intendant dem Haus mehr schadete als nutzte: „Ich habe nie gedacht: Ich will nicht mehr“, sagt er. „Schauspielen ist wie eine Droge.“ Dieses kribbelnde Lampenfieber, diese Momente, wenn das Publikum vor Vergnügen grölt oder plötzlich still wird vor Betroffenheit. Die machen glücklich. Und jede neue Rolle bringe ein neues Thema mit sich. Nur eines mag Jesse nicht:

lange Monologe. „Ich brauche Fleisch und Blut neben mir“, sagt er. Die Interaktion mit den Kollegen sei doch das Reizvolle. „Nicht umsonst heißt mein Beruf ja auch Schauspieler.“

30 Jahre am Theater
190 Rollen in 152 Inszenierungen spielte Lutz Jesse in den vergangenen drei Jahrzehnten.

14 verschiedene Intendanten hatte das Greifswalder Theater in den Jahren 1983 bis 2013. Seit 2009 bestimmt Dirk Löschner den Kurs des Hauses.

1994 fusionierten die Theater Stralsund und Greifswald. Vorher arbeiteten 50 Schauspieler in zwei Ensemblen. Heute gibt es nur noch eins mit 15 Schauspielern.

Sybille Marx

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