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Ein Nazi, eine Lehrerin – ein Abend

Greifswald Ein Nazi, eine Lehrerin – ein Abend

Neue Theaterreihe „Monodramen“ rüttelt mit „Biedermann“ und Judith Schalanskys Erfolgsroman wach

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Chiaretta Schörnig als Inge Lohmark in „Der Hals der Giraffe“.

Greifswald. Der Auftakt könnte fesselnder kaum sein: Zum Start seiner neuen Spielzeit-Reihe „Monodramen“ bringt das Theater Vorpommern am Donnerstag zwei Themen auf die Bühne, die an Aktualität und Spannung nichts vermissen lassen. Mehr noch: Beide Einpersonenstücke spiegeln anhand streitbarer Biografien deutsche Geschichte exemplarisch wider und haben obendrein einen regionalen Bezug. Kommen scheint Pflicht. Daran rüttelt auch nicht die Tatsache, dass Regisseur Hannes Hametner mit „Der Biedermann“ eine altbekannte Nazi-Biografie neu aufwärmt. Nämlich die des Anatomieprofessors Hermann Voss. Dem ging die „Veraschung“ von Polen 1941 an der Reichsuniversität Posen gar nicht schnell genug.

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Neue Theaterreihe „Monodramen“ rüttelt mit „Biedermann“ und Judith Schalanskys Erfolgsroman wach

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Die Polen sind augenblick- lich wieder sehr frech und infolgedessen hat unser Ofen viel zu tun.“Hermann Voss in Posen (1894-1984)

Alteingesessene werden sich vielleicht noch an den geachteten Wissenschaftler erinnern, lebte und wirkte er doch über zehn Jahre bis zu seiner Übersiedlung 1979 nach Hamburg in Greifswald. Sein Anatomisches Handbuch, der sogenannte „Voss/Herrlinger“, wird bis heute zu Lehrzwecken verwendet. Was viele damals jedoch nicht wussten oder aber bewusst tolerierten: „Voss war Nazi durch und durch.

Seine menschenverachtenden Gedanken hat er nicht formuliert, um sich aus karrieristischen Gründen jemandem anzudienen. Vielmehr hatte er das Herrenmenschenbild tief in sich drin“, sagt Dramaturg Sascha Löschner.

Ein Stoff, der nach Theater schreit, meint Hametner. „Wie funktioniert so ein Mensch, der sich mit jedem Gesellschaftssystem arrangiert“, fragte sich der Regisseur und recherchierte für die Inszenierung lange und intensiv. Dabei waren ihm nicht nur die Archive in Greifswald und Jena dienlich, wo Voss bis zu seiner Emeritierung 1962 das Anatomische Institut leitete. Vor allem die erhaltenen Tagebücher aus Posen lieferten tiefe und grausame Einblicke in das Denken von Hermann Voss. Wie war es möglich, dass dieser Mann zu DDR-Zeiten als „hervorragender Wissenschaftler des Volkes“ ausgezeichnet wurde?

„Ein ungeheuer spannendes Thema“, urteilt Schauspieler Lutz Jesse, der die Rolle des Hermann Voss als „große Herausforderung“ betrachtet. Ihm liege es fern, den Anatom „vordergründig in eine Ecke zu stellen“, vielmehr gehe es darum, „den Menschen mit all seinen Facetten zu zeigen“, so Jesse.

Viele Facetten hat auch die Biologielehrerin Inge Lohmark, Protagonistin im preisgekrönten Buch „Der Hals der Giraffe“ der gebürtigen Greifswalder Autorin Judith Schalansky: Zweites Monodrama am Donnerstag auf der Bühne. Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet Lohmark in einer Kleinstadt Vorpommerns. Doch dem Ort fehlt es an Kindern, die Schule soll schließen. Und so unterrichtet Lohmark ihre letzte 9. Klasse, bevor sie selbst ausgemustert wird...

„Durch die Wende sind etliche Menschen, aber auch wertvolle Dinge auf der Strecke geblieben. Unser Land wurde einverleibt“, sagt die gebürtige Leipziger Schauspielerin Chiaretta Schörnig, die Inge Lohmark mimt. Und sie fügt hinzu: „Wir brauchen keine 150 Krankenkassen, aber freies Schulessen schon.“ Ein Stück also, das der Ostalgie Raum gibt?

Keinesfalls! „Die Figur ist sehr ambivalent“, sagt Löschner, sie reize zum Widerspruch. Regisseur Hametner dazu: „Wir wollen sie nicht verraten, nicht vorführen und nicht heiligen, sondern ihre Zerbrechlichkeit zeigen, das Paradoxon herausarbeiten.“ Für Chiaretta Schörnig eine Wahnsinnsaufgabe – so ganz allein auf der Bühne.

Monodramen haben es selbst für gestandene Mimen in sich: Ein Schauspieler, ein nahezu leerer Raum, wenige Requisiten. „Alles spielt ab auf den Urgrund des Theaters – den spielenden Menschen, der unterhalten will“, sagt Sascha Löschner. Zurück zu den Wurzeln des Schauspiels. Und das nicht als Eintagsfliege, sondern gleich zehnmal in dieser Spielzeit! „Das ist einzigartig in Deutschland“, verdeutlicht Löschner und würdigt damit die Idee des neuen Oberspielleiters Reinhard Göber. Die Premiere ist übrigens ausverkauft, die nächste Vorstellung Ende Oktober.

Petra Hase

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