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Scheidender Regisseur: „Die Theaterfusion hat keine Zukunft“

Greifswald/Stralsund Scheidender Regisseur: „Die Theaterfusion hat keine Zukunft“

Hannes Hametner verlässt das Theater Vorpommern und wechselt als Schauspieldirektor nach Pforzheim

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Theater heißt immer auch, Abschied nehmen zu müssen. Veränderungen gehören zum Beruf.Hannes Hametner Regisseur und Dramaturg

Greifswald/Stralsund. Neben den vielen Diskussionen um die Zukunft des Theaters in Vorpommern müssen Kunstfreunde jetzt auch noch eine neue Nachricht verkraften, die viele traurig stimmen dürfte. Nach zwei erfolgreichen Jahren am Theater Vorpommern verlässt Regisseur und Dramatur+g Hannes Hametner das Haus und wechselt nach Pforzheim. „Mir wurde dort die Schauspieldirektion angeboten“, erzählt der 45-Jährige. „Das ist eine große Aufgabe – da konnte ich nicht nein sagen.“

 

OZ-Bild

Szene aus dem Stück „Drei Mal Leben“ mit den Schauspielern Sarah Bonitz und Alexander Frank Zieglarski.

Quelle: Foto: Vincent Leifer

Der gebürtige Leipziger macht aber kein Geheimnis daraus, dass auch die bis zuletzt unsichere Situation über das weitere Bestehen des Theaters Vorpommern ein Grund für seinen Wechsel war. „Es war in den letzten Jahren nie klar, ob es eine Perspektive für mich gibt“, beschreibt der Familienvater, der zwischen Berlin und Greifswald pendelt. „Ich hatte keine planbare Zukunft. Vielleicht wäre es sonst anders gekommen, und wir hätten uns hier ein Haus gesucht.“

Denn an sich hat sich der Regisseur ausgesprochen wohl in der Hansestadt gefühlt. „Ich war gern hier, habe die Kollegen, die Stadt Greifswald und das Theater sehr liebgewonnen“, sagt er. „Theater heißt aber immer auch, Abschied nehmen zu müssen, Veränderungen gehören zum Beruf dazu.“

Einen großen Schwerpunkt legte Hametner in Vorpommern auf zeitgenössische, regionale Themen und Autoren. Er inszenierte beispielsweise das Stück „Kruso“ von Lutz Seiler, welches auf Hiddensee spielt oder das Monodrama „Der Hals der Giraffe“ der Greifswalder Autorin Judith Schalansky, was ebenfalls in Vorpommern angesiedelt ist. Diese sehr regionale Ausrichtung würde an einem gemeinsamen Theater Nordost nicht funktionieren, fürchtet er. „In meinen Augen hat die Theaterfusion keine Zukunft, Theater funktioniert regional“, sagt er. „Der gesamte Apparat wird bei einem Zusammenschluss mit Neubrandenburg und Neustrelitz größer und starrer. Ich finde, Stücke lassen sich nicht x-beliebig exportieren.“ Derzeit umfasst das Theater Vorpommern Spielstätten in Greifswald, Stralsund und Putbus auf Rügen. Eine Fusion mit den Häusern in Naubrandenburg und Neustrelitz würde das Einzugsgebiet um das Doppelte vergrößern.

Wie tief Hametner in die Regionalität einstieg, zeigte sich in „Der Biedermann“. Hier rollte er die Geschichte des Greifswalder Anatomen Hermann Voss auf, der in der Nazi-Zeit eine steile Karriere machte und sich in der DDR durchlavierte. Grauenhafte Details über Menschenversuche und den Handel mit menschlichen Skeletten kamen unter anderem durch eine Veröffentlichung des Historikers Götz Aly ans Licht. „Ich erinnere mich an eine ergreifende Szene während einer Veranstaltung zum Thema Hermann Voss im Krupp-Kolleg“, so Hametner. „Dort brach eine Zeitzeugin in Tränen aus und rief immer wieder ,Das ist doch alles erfunden!’“, erinnert er sich. „Die Situation war sehr erschütternd. Aber auch ein Anreiz, scheinbare Lebenswirklichkeiten immer wieder zu hinterfragen.“

Andere Gänsehautmomente sind in seiner Erinnerung deutlich positiver besetzt. Der Premierenapplaus zu „Der Volksfeind“, bei dem er als Dramaturg tätig war, habe ihn regelrecht umgehauen. „Das gesamte Publikum ist aufgestanden, hat applaudiert und ,Bravo’ gerufen“, erzählt er. „So etwas habe ich vorher erst ganz selten erlebt. Das ist ein Gefühl, als ob das Publikum einen umarmen würde.“

Überhaupt, das Publikum! „Anspruchsvoll und kritisch, aber auch treu und begeistert“, beschreibt er die hiesigen Theaterbesucher. Auch sie werden ihm fehlen. „Ich habe sehr genossen, dass man bei den öffentlichen Proben, bei den Matinees und allgemein in einer kleinen Stadt wie Greifswald schnell mit den Menschen in Kontakt kommt und sich austauschen kann. Man ist mittendrin.“

Sein letzter Spaziergang in Greifswald wird ihn vermutlich nach Wieck führen. „Ich liebe den Weg am Ryck entlang sehr“, sagt er. „Dann gibt es noch ein Bier und ein Fischbrötchen als Belohnung. Leicht fällt mir der Abschied nicht.“

Ein Stück, drei Versionen, vier Schauspieler

Eine Situation und drei Szenarien, wie die Geschichte weitergehen könnte. Das Stück „Drei Mal Leben“ von der zeitgenössischen Autorin Yasmina Reza beschäftigt sich mit der immer wieder reizvollen Frage „Was wäre wenn?“

Ein Pärchen bekommt überraschend Besuch von einem befreundeten Paar. Unglücklicherweise früher als verabredet. Die angespannte Situation wird in ihren drei Variationen zur Projektionsfläche für viele große Themen des Theaters. Liebe und Macht, Alltag und Rivalität sowie Nähe und Distanz. In der von Hannes Hametner inszenierten Komödie werden die Zuschauer Zeuge der Alltagssorgen überforderter Mittelstandseltern, deren Eheproblemen und Karriereplänen.

„Das Stück ist kein klassisches Regiestück“, erklärt Hannes Hametner. „Es lebt von der Tiefe, Durchlässigkeit und Lebendigkeit des Schauspiels. “ Die vier Schauspieler Marvin Rehbock, Anne Greis, Alexander Frank Zieglarski und Sarah Bonitz sind ihm durch seine Zeit am Theater gut bekannt.

Info: Premiere in Greifswald am Sonnabend 20. Mai, 19.30 Uhr großes Haus; Premiere Stralsund: 26. Mai, 19.30 Uhr im großen Haus

Moskau, Münster, Magdeburg: Hannes Hametner kam viel rum

Hannes Hametner wurde 1971 in Leipzig geboren und studierte Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Es folgten Inszenierungen an den Theatern Leipzig, Jena, Moskau, Magdeburg, Konstanz, Erlangen, Berlin, Stendal, Koblenz, Münster und anderen Städten. Hannes Hametner arbeitet zudem als Dozent für Schauspiel und Dramaturgie und führte Regie bei zahlreichen Hörbuchproduktionen.

Seit der Spielzeit 2015/2016 ist er Dramaturg und Regisseur am Theater Vorpommern. Nach seiner Inszenierung von Shakespeares „Der Sturm“ in der vergangenen Spielzeit beschäftigte er sich in dieser Spielzeit erneut mit dem Thema Utopie und Freiheit. Mit der Inszenierung des Stücks "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza verabschiedet sich Hannes Hametner vom Theater Vorpommern. Ab der nächsten Spielzeit ist er als Oberspielleiter am Theater Pforzheim engagiert.

Anne Ziebarth

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