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„Wahr ist das, was nützt“

Greifswald „Wahr ist das, was nützt“

Reinhard Göber inszeniert Ibsens „Volksfeind“ – ein topaktueller Klassiker mit viel Zündstoff

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Katrin Stockmann (Susanne Kreckel), Redakteur Hovstadt (Julius Robin Weigel), Dr. Thomas Stockmann (Alexander Zieglarski) und Redaktionsmitarbeiter Billing (Ronny Winter) in der neuesten Schauspielproduktion des Theaters Vorpommern „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen.

Quelle: Foto: Vincent Leifer

Greifswald. Die Sonne lacht, der Tourismus boomt und die Urlauber bescheren den Geschäftsleuten der Kleinstadt an der Ostsee volle Kassen. Doch die liebliche Idylle trügt.

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Reinhard Göber inszeniert Ibsens „Volksfeind“ – ein topaktueller Klassiker mit viel Zündstoff

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Badearzt Dr. Stockmann macht eine grausige Entdeckung: Bakterien im Wasser verwandeln die Küstenregion schleichend in eine Todeszone. Eine Horrornachricht, die nach Öffentlichkeit schreit.

Allerdings: Wer will sie hören – die Wahrheit, die zum Feind wirtschaftlicher Interessen wird?

Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ erlebte vor 127 Jahren die deutsche Erstaufführung und hat offenkundig nichts von seiner Aktualität verloren. Am Freitag ist das gesellschaftskritische Drama, am Theater Vorpommern von Oberspielleiter Reinhard Göber neu inszeniert, erstmalig in Greifswald zu erleben. Und der Regisseur ist auf diese Premiere so gespannt wie lange nicht: „In Stralsund feierte das Stück beim ersten Mal 16 Vorhänge. Das ist eine Revolution“, kommentiert Göber noch ganz geflasht die Resonanz des Publikums am Sund.

Liegt es am Thema, dass der „Volksfeind“ so berührt? Sind es die Talente der Darsteller oder einfach das Bedürfnis der Besucher, sich mit aktuellen Problemen auseinanderzusetzen? Fakt ist: Göber und seine Mitstreiter treffen den Nerv der Gegenwart, thematisieren in Zeiten von Fake News, Brexit und Trumpscher Schlagzeilen- Politik unser Verständnis von Demokratie. Und sie gehen humorvoll, aber bestimmt den Fragen auf den Grund: „Wie funktioniert Meinungsbildung? Wie setzt sich Wahrheit gegenüber der Mehrheit durch“, so Dramaturg Hannes Hametner. Das Ganze auch noch dramatisch verpackt: Es geht um nichts Geringeres als um die Qualität des Badewassers vor unserer Haustür. Experten beobachten im Zuge des Klimawandels seit Jahren eine verstärkte Konzentration von Vibrionen in der Ostsee, die in Einzelfällen bereits zu schwerwiegenden Erkrankungen führten.

Für Reinhard Göber ist es erstaunlich, dass Ibsen sich schon vor 130 Jahren mit Fragen auseinandersetzte, die uns noch heute fesseln: „Am Ende geht es um Profit oder Wahrheit.“ Reichlich Grund, den norwegischen Dramatiker nach „Hedda Gabler“ erneut auf die vorpommerschen Bühnen zu holen. „Es ist meine siebte Ibsen-Inszenierung“, sagt der gebürtige Berliner, der an vielen Theatern dieser Republik seine Visitenkarte hinterlassen hat. Dabei seien ihm die Klassiker noch immer die liebsten: „Es sind tolle Stoffe und tolle Rollen“, schwärmt Göber, der sich zum Spielzeitauftakt Goethes Faust vornahm.

Frank Zieglarski, der im Stück Dr. Stockmann mimt, kann dem nur zustimmen: „Die Rolle ist eine absolute Herausforderung. Der Arzt spricht Dinge an, die auf Gegenwehr stoßen“, sagt er. Ein Mann, der in Konflikt gerät mit seinem Bruder, dem Bürgermeister (Markus Voigt), dem die Interessen der Stadt wichtiger sind als die mögliche Gefahr. Im Laufe des Stücks bleibe der Arzt seiner Linie zwar treu, zwinge die Gesellschaft, sich zu hinterfragen. „Doch die Außenwahrnehmung ändert sich“, sagt Zieglarski. Der Volksfreund wird zum Volksfeind. „Durch seine Umgebung, die praktisch nicht reagiert, wird er am Ende radikalisiert“, fügt Göber hinzu. Unterm Strich gelte: „Wahr ist das, was nützt!“

Und das Publikum? Wie würde es entscheiden, stünde es vor der Wahl? Eine spannende Frage, die zum Schluss Gestalt annimmt. Theater ist nicht zum Berieseln da. Theater ermutigt zur Auseinandersetzung – mit fremden wie mit eigenen Überzeugungen. Insofern erinnert die Inszenierung auch ein wenig an „Terror“. Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück dürfte bei vielen noch immer nachwirken. Möglich, dass der „Volksfeind“ einen ähnlichen Nachhall erzeugt.

Ein Volksfeind

Das Stück stammt aus der Feder des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (1828-1906). Er schrieb es 1882 als Antwort auf die Kritik an seinen Dramen „Nora oder ein Puppenheim“ und „Gespenster“, die damals als skandalös betrachtet wurden, da sie sich gegen herrschende Konventionen wandten.

Die Inszenierung von Reinhard Göber feiert in Greifswald am 31. März, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Theaters Vorpommern Premiere. Giovanni de Paulis zeichnet als Gast für Bühne und Kostüme verantwortlich, die Dramaturgie liegt in den Händen von Hannes Hametner.

Weitere Aufführungen in Greifswald: 3. April, 10 Uhr; 30. April, 18 Uhr; 12. Mai und 9. Juni je 19.30 Uhr.

Petra Hase

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