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Greifswald Ungeliebte Denkmale: Verbuddeln und verdrängen?
Vorpommern Greifswald Ungeliebte Denkmale: Verbuddeln und verdrängen?
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07:03 05.09.2013
Der Bronzetiger im Innenhof des Landesmuseum. Quelle: pl
Greifswald

Man könnte es fast für einen Scherz halten, was ein paar Männer da in den 70er Jahren auf dem Innenhof des Pommerschen Landesmuseums taten: Sie hoben eine Grube aus, karrten den lebensgroßen Bronzetiger des Künstlers Philipp Hart heran und versenkten ihn darin. Erde drüber, fertig. Verschwunden war ein Stück ungeliebte Kunst von 1936, auf Wunsch des damaligen Museumsdirektors.

Skurrile Geschichten wie diese wird der bundesweite „Tag des Offenen Denkmals“ diesmal in Greifswald ans Licht bringen. Das Motto, das von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für 2013 ausgegeben wurde: „Jenseits des Guten und Schönen. Unbequeme Denkmale.“ Nicht nur architektonische Schmuckstücke sollen Kirchen, Kommunen und Vereine den Besuchern an diesem Sonntag also zeigen, sondern auch Gebäude, Skulpturen oder andere Denkmale, an denen sich spätere Generationen stießen oder heute noch stoßen.

Wie an dem Tiger. Der damalige Museumsdirektor betrachtete das Tier mit den dicken Pranken und dem aufgerissenen Maul als nationalsozialistische Kunst, erklärt Museologe Kai Kornow vom Landesmuseum.

Kornows Meinung: „Damit tat man dem Künstler unrecht.“ Phillip Hart habe zwar Tiere gestaltet, die Macht ausstrahlten und von ihrer Ästhetik den Geschmack der Nazis trafen. Deshalb standen zwei seiner Tigerplastiken auch lange vor dem Fliegerhorst Ladebow. „Aber Hart gehörte nicht zu den Künstlern, die etwa Bomben werfende Soldaten in Szene setzten.“

Und überhaupt: Darf man ein Denkmal einfach verscharren, wenn es den Zeitgeist nicht mehr trifft oder gar eine Zeit und einen Geist verkörpert, für den wir uns heute schämen? Der Greifswalder Bauhistoriker André Lutze sieht das kritisch. Ähnliches wie mit dem Tiger passierte in den 1990er Jahren auch mit dem Bildnis eines Greifswalder Philosophie-Professors, erzählt Kathleen Strebe von der Kustodie der Uni. Hermann Schwartz, gemalt 1933, war auf dem Bild zu sehen. Weil Schwartz der NSDAP sehr nahe stand, hängte der Rektor der Universität Greifswald es in den 1990er Jahren über Kopf. 2001 wurde es dann ganz abgehängt.

„Sowas regt mich auf“, sagt André Lutze. „Wer sind wir denn, dass wir solche Entscheidungen treffen?“ Dahinter stecke Hochmut und wohl auch der Wunsch zu verdrängen. „Wenn wir wegräumen, was wir nicht mehr gut und schön finden, räumen wir die Geschichte gleich mit weg“, meint der Bauhistoriker. Viel sinnvoller sei es doch, ungebliebte Denkmale immer wieder zum Thema zu machen und zu analysieren: „Wie hat sich der Blick auf ein Objekt im Laufe der Zeit gewandelt? Und was sagt das über die jeweilige Zeit aus?“

Der umstrittene Tiger steht heute im Innenhof des Landesmuseums — abseits der großen Besucherströme, aber erkennbar. Wann er aus seinem Grab wieder herausgeholt wurde und warum er eine Lötnaht am Schwanz trägt, verrät Kornow am Sonntag im Museum um 11 und 13 Uhr (Eintritt: 2 Euro).

Der Denkmaltag am Sonntag — Eine Auswahl
Das alte E-Werk als Kirche, geöffnet 10 bis 16 Uhr, Marienstraße 22

Medizinischer Alltag in der DDR, 10 Uhr, Vortrag, W.-Rathenaustr. 48

Wallrundgang, 11 Uhr: Spuren des alten Botanischen Gartens auf dem Wall (ab Bahnhofstr. 16)

Dom, 11.30 Uhr: Wie geht‘s weiter mit der Domsanierung? 17 Uhr: Benefizkonzert des Frauen- und Jugendchors Marienkirche, 12 Uhr: Konfirmanden führen mit Handy und QR-Code durch die Kirche; 15 Uhr Orgelkonzert

Stadtführung ab 12.30 Uhr zum Thema „Unbequeme Denkmale“ (Rathaus) Klosterruine Eldena, 15 Uhr: Warum stehen Ruinen wie diese noch?

Museumswerft, 17 Uhr: Traditionsschiff Lovis vor dem Aus? 19 Uhr Film: Das geheimnisvolle Wrack (Defa) Mehr Termine im Heft zur Aktion bei der Stadtinfo und im Rathaus, www.tag-des-offenen-denkmals.de

Sybille Marx

Am 7. September um 19.30 Uhr findet im St. Spiritus, Lange Straße 49/51, ein Konzert mit The Doors of Perception statt. The Doors standen für Rebellion.

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Kunst-Workshop für jedermann in Weitenhagen.

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Diesen Sonnabend startet hier ein turbulentes Theater-Open-Air. Bis zum 14. September ist es täglich zu sehen.

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