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Greifswald Wie sollten wir reden und schreiben, Herr Professor?

Frauen in der Sprache sichtbar machen – angemessen oder umständlich? Der Greifswalder Wissenschaftler Jürgen Schiewe gibt Antworten

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Greifswald. Der renommierte Sprachforscher Jürgen Schiewe setzt sich für die gendergerechte Sprache ein. Was genau ist das, wofür sie gut ist und was halten eigentlich Studentinnen davon? Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit dem Greifswalder Professor.

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Frauen in der Sprache sichtbar machen – angemessen oder umständlich? Der Greifswalder Wissenschaftler Jürgen Schiewe gibt Antworten

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Herr Schiewe, was ist eigentlich eine gendergerechte Sprache?

Jürgen Schiewe: Sprache wirkt immer auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Mit Sprache konstruieren wir Wirklichkeit. Die ausschließliche Verwendung von männlichen Formen wie „Student“ blendet das andere Geschlecht aus, sodass die Wahrnehmung der Wirklichkeit männlich eingefärbt ist. Eine gendergerechte Sprache will Geschlechter im Sprachgebrauch sichtbar machen.

Wann kam diese Idee auf?

Der Gedanke stammt aus den USA. Insbesondere Sprachforscherinnen beschäftigten sich dort schon in den 1960er Jahren mit der Idee einer geschlechtsneutralen Sprache. In den 1970er und 1980er Jahren wurde das Thema dann auch in der Öffentlichkeit diskutiert. Ziel war zunächst, vor allem Frauen sprachlich sichtbar zu machen. Im Laufe der Zeit ist das binäre Geschlechtermodell – sprich „Frau oder Mann“ – aufgebrochen worden. Es gibt Menschen, die in dieses Konstrukt nicht einzuordnen sind. Die heutige gendergerechte Sprache versucht auch diesem Umstand gerecht zu werden.

Wie sehr wird die gendergerechte Sprache an der Universität selbst akzeptiert?

Die Uni Greifswald bemüht sich, auch sprachlich niemanden auszuschließen. In den Studienordnungen wird beispielsweise konsequent von „Studierenden“ statt nur von „Studenten“ gesprochen. Aber es gibt auch Kollegen und durchaus auch Kolleginnen, die völlig gegen das Gendern sind. Häufiges Argument ist die vermeintliche Aufblähung der deutschen Sprache. Doch wenn man mit der Sprache alle Geschlechter sichtbar machen will, muss man auch einen ungewöhnlichen Sprachgebrauch in Kauf nehmen.

Es gibt ja ganz unterschiedliche Varianten. Immer die weibliche und männliche Form zusammen verwenden, die Variante mit dem Sternchen in der Schriftform, vergleichsweise neue Wortschöpfungen wie Studierende oder der Wechsel zwischen männlicher und weiblicher Form. Welche Sprach- und Schreibweise empfehlen Sie?

Ich selbst – und damit bin ich recht konservativ – bevorzuge in schriftlichen Texten das große Binnen-I wie in „StudentInnen“ oder auch substantivierte Partizipien, also „Studierende“. Mündlich scheint mir die Beidnennung angemessen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Studierenden?

Es gibt viele Studierende, die sich konsequent für eine geschlechtergerechte Sprache einsetzen und sie auch praktizieren. Die Mehrheit steht nach meinem Eindruck dem Thema heutzutage allerdings gleichgültig gegenüber. Junge Leute nehmen das Problem vielleicht weniger wahr, weil sie gar nicht mehr so deutlich eine soziale Benachteiligung der Frauen sehen wie die Generationen davor. In vielen Bereichen hat sich ja bereits ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen: Wirtschaft, Verwaltung, Politik. Heute können auch Frauen vermehrt in Führungspositionen aufsteigen, auch wenn sie sicherlich immer noch nicht voll gleichberechtigt sind.

An ihrer Universität gibt es viele Studentinnen, die den neuen Sprachgebrauch lästig finden.

Nun, manche Frauen sind dagegen, weil sie sprachlich nicht explizit hervorgehoben werden wollen. Sie möchten nicht als „Quotenfrau“ behandelt werden. Wenn aber eine Studentin sagt: „Ich möchte Lehrer werden“, fällt mir das schon auf.

Wie sieht es Ihrer Einschätzung nach außerhalb der Universität aus? Wird dort gegendert? Ist es akzeptiert?

Das ist natürlich recht unterschiedlich und hängt ganz stark von gesellschaftlichen und politischen Einschätzungen und Positionen ab. Es gibt Kreise, in denen man sich über das Gendern lustig macht, und andere, in denen man sich um eine sprachliche Gleichbehandlung der Menschen bemüht.

Was sagt es denn heute über Personen aus, die nicht gendern? Ist das in Ordnung? Oder rückwärtsgewandt?

Ich bin weit davon entfernt, irgendjemandem einen bestimmten Sprachgebrauch vorschreiben zu wollen. Aber ich wünsche mir, dass man gerade in der Frage des Genderns eine bewusste, reflektierte Entscheidung trifft. Wenn diese Entscheidung dann lautet: „Ich will nicht gendern“, dann ist das selbstverständlich in Ordnung. Allerdings sagt man mit seinem Sprachgebrauch immer auch etwas über sich selbst aus. Das sollte man bei jeder Entscheidung bedenken.

Interview: Alexander Salenko

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