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„Will nicht mehr im Sandkasten spielen“

Greifswald „Will nicht mehr im Sandkasten spielen“

Der Greifswalder Maler Markus Gley ist rotzig wie ein Rocker – und so talentiert wie haltlos

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Markus Gley mit zwei seiner Werke, die zurzeit im OZ-Verlagshaus der Greifswalder Lokalredaktion zu sehen sind.

Quelle: Sybille Marx

Greifswald. Sonnenbrille, schwarze Jeans, Tattoos an den Armen, und hin und wieder diese Fäkalwörter: „Scheiße“, „Arschlöcher“, „pervers“. Ein bisschen wirkt Markus Gley wie ein rotziger Teenager. Dabei ist er schon 36 – und sagt, dass er sich wie 360 fühlt: „Ich hab’ so viel erlebt, dass jedes Jahr für zehn zählt.“

Ich hab’ so viel erlebt, dass jedes Jahr für zehn zählt.“Markus Gley, Künstler

Gley ist Maler, geboren in Greifswald, ausgebildet an der Universität der Künste in Berlin, glücklich gewesen zuletzt in Frankreich, gestrandet jetzt wieder in Greifswald. Ein Besessener, der im nächtlichen Rausch Leinwände mit überbordenden Linien und Punkten übersät. Aus Punkten werden Striche, werden Männchen, Fratzen, Drachen, die im grellen Dickicht der Farben kaum Halt zu finden scheinen. Es wuselt, es wimmelt, es leuchtet, es drängt sich dem Betrachter auf, und manchmal ragen Scherben in den Raum. Befremdend und zugleich harmonisch wirken viele seiner Werke. „Das ist meine Art, mich auszudrücken“, sagt er.

Zwei seiner Bilder, 2014 in Berlin entstanden, ruhiger im Gestus, hängen jetzt im Eingangsbereich der OZ-Lokalredaktion, als Teil der kleinen Ausstellungsreihe „Kunstmoment“. Beiden liegen Porträtfotos zugrunde, die Gley auf Leinwand druckte. Das eine ein verschwommenes Selbstporträt, für das er sich rote Farbe ins Gesicht geklatscht hat wie Blut. Das andere ein Foto von seinem verstorbenen Lieblingssänger Layne Staley der Band Allison Chains. Auf beide hat er seine typischen Punktlinien gesetzt, die zum Teil an Tentakel erinnern, zum Teil an Aboriginee-Muster oder Miró, hier scheint eine Träne herunterzutropfen, dort krabbelt ein Käfer mit dümmlich-seligem Lächeln dem Künstler aufs Kinn.

„Psycholandkarten“, nennt der Berliner Künstler und Kunstprofessor Joachim Becker Gleys Werke, weil der Maler darin immer wieder sich selbst und seinen Schmerz zeige: über Gewalt, verlorene Freunde, verlorene Liebe.

Und vielleicht auch verlorene Harmonie: Als der Junge neun Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Damals, erzählt Mutter Michaela Gley in Greifswald, habe Markus zu malen begonnen. Heute sei das Malen sein Halt im Leben, sein Lebensinhalt.

Professor Becker kennt Gley von der Universität der Künste in Berlin, wo der Greifswalder von 2005 bis 2009 als Meisterschüler bei Beckers Kollegen Professor Burkhard Held studiert hat. „Das war Freiheit, das war wie Urlaub“, sagt Gley. Als einer von hunderten jungen Leuten hätte er sich damals um einen Studienplatz im Fach Bildende Kunst beworben – und sein Glück kaum fassen können, als er genommen wurde.

Überhaupt: die Dinge fassen, ruhig reagieren – wer das kann, ist nicht Markus, sagt seine Mutter. „Er ist hochsensibel“, fühle und sehe alles doppelt so intensiv wie andere, darum auch die Sonnenbrille, sei grenzenlos in seiner Trauer und genau so in seiner Freude. „Würde man das wegtherapieren, könnte er nicht mehr malen.“

Aber Markus Gley malt und macht Musik, spielt Gitarre, Schlagzeug, Klavier und weitere Instrumente, in mehreren Bands. „Ich kann und will nichts anderes“, sagt er. Nur leider sei dieser „beschissene“

Kunst-Betrieb so „pervers“. Wer von Kunst oder Musik leben wolle, der müsse sich zum Sklaven machen. „Ich bin kein Sklave, ich mach’, was ich will.“

In Greifswald will seine Mutter jetzt das Management für ihn in die Hand nehmen, Galerien aufsuchen, damit Gley wieder in größerem Stil Bilder ausstellt und verkauft, wie schon in Berlin für ein paar Jahre. „Ich will nicht mehr im Sandkasten spielen“, sagt Markus Gley selbst. Entweder es finde sich jetzt eine Galerie, die seine Werke für ordentliche Summen verkaufe. „Oder ich beantrage weiter Hartz IV.“

Sybille Marx

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