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Längst vergessene Inschriften entschlüsselt

Greifwald Längst vergessene Inschriften entschlüsselt

Uralte Inschriften – in Grabplatten gemeißelt, auf Stein oder Holz geschrieben oder in das Metall von Kelchen graviert - werden von Greifswalder Wissenschaftlern untersucht.

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Ziegelstein mit Inschrift

Quelle: Photographer: Juergen Herold

Greifwald. Uralte Inschriften – in Grabplatten gemeißelt, auf Stein oder Holz geschrieben oder in das Metall von Kelchen graviert. Und kaum jemand weiß, was da geschrieben steht. Das wollen die Greifswalder Wissenschaftlerin Christine Magin und ihr Kollege Jürgen Herold ändern: Sie erfassen, untersuchen und veröffentlichen Inschriften in Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl beide schon 2002 begonnen haben, werden sie noch Jahre beschäftigt sein.

„Genauigkeit“, sagt Magin, sei die wichtigste Eigenschaft für ihre Arbeit. „Und: Man darf nicht zimperlich sein.“ Manchmal müsse sie in alten Gemäuern bis in die letzte Ecke kriechen. Für ihre Arbeit sind viele Fachkenntnisse gefragt: Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie, Wappenkunde und Paläographie – die Lehre alter Schriften. „Oft sind wir die ersten, die Inschriften genau untersuchen und damit als Quellen zugänglich machen“, erklärt Herold fasziniert.

In den Hansestädten Mecklenburg-Vorpommerns sind viele Inschriften auf Grabplatten aus Stein zu finden. Magin: „Diese Platten waren sehr teuer, da sie zum Beispiel erst von der Insel Gotland hierher gebracht werden mussten.“ Und so wurden sie über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder neu beschriftet. Die Fußböden der Kirchen sind bis heute teils dicht mit den Platten belegt. Teilnehmer von Führungen, die Magin darauf hinweist, ändern ihr Verhalten, wenn sie eine Kirche betreten. „Vor unseren Führungen schauen die Gäste meist nach oben, um die Größe der Räume zu bewundern. Danach wissen sie, was sie alles entdecken können, wenn sie nach unten blicken“, berichtet Magin stolz.

In der St.-Nikolai-Kirche Stralsund zum Beispiel: Hier erfassten Magin und Herold zusammen mit Studenten der Uni Greifswald Inschriften wie die auf dem Totenschild des früheren Bürgermeisters Nicolaus Steven. Annemarie Wossidlo, Küsterin der Gemeinde, freut sich bereits auf die Buchveröffentlichung der Ergebnisse aus Stralsund Ende 2016. „Dann können wir Anfragen zur Familiengeschichte aus den USA oder Schweden noch genauer beantworten.“

Auch Heiko Schäfer vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV profitiert: „Die Arbeitsstelle Inschriften hilft uns bei anspruchsvollen Funden weiter, da sie über ein hochspezialisiertes Fachwissen verfügt.“ Ein besonderer Fall, so Herold, sei die 500 Jahre im Mauerwerk der Wismarer Georgenkirche verborgene Inschrift auf einem Ziegelstein, die bei Sanierungsarbeiten entdeckt wurde. Der Verfasser wollte wohl seinem Ärger über mangelhafte Leistungen der Mitarbeiter des Ziegelhofs Luft machen: „Die hier von diesem Werk taugen alle gar nichts.“ Bemerkenswert daran: Der Schreiber war ein gebildeter Mann – vielleicht jemand vom Pfarrklerus, der etwas mit der Verwaltung der fabrica, der Bauhütte, zu tun hatte. Die Schrift wurde vor dem Brennen in den noch nicht getrockneten Rohling eingeritzt. Als Unmuts-Äußerung war sie nicht für die Öffentlichkeit gedacht, verschwand also in der Mauer.

Für Magin und Herold ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende: „Bis 2030 wird es dauern, um die Bestände von Rostock, Schwerin und der vier Landkreise entlang der Ostsee zu erforschen“, sagt Herold. Für das Landesinnere gibt es noch keine Pläne. Finanziert wird die Arbeit vom Land MV und der Akademie der Wissenschaften Göttingen.

Thomas Luczak

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