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Greifswald Landkreis siedelt Flüchtlinge um

Unbarmherzig oder sinnvoll? Die Verwaltung will weg von der dezentralen Unterbringung / Helfer sehen das kritisch

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Saeed Zolfaghari (l.) und seine Mutter Fariba Sedaghat mussten in die Brandteichstraße umziehen.

Quelle: Foto: Kai Lachmann

Greifswald. Aus Sicht von Flüchtlingshelfern ist es unbarmherzig, die Verwaltung hingegen findet es äußerst sinnvoll: Der Landkreis Vorpommern-Greifswald ist seit Monaten dabei, viele seiner ehemals 500 Flüchtlingswohnungen im Kreis zu kündigen und einzelne Personen in Heime oder andere Wohngemeinschaften umzusiedeln. Das erklärte Ziel: Weg von vielen kleinen Unterkünften, die verstreut auf der Landkarte liegen, hin zu größeren an möglichst wenigen Standorten. Kurz gesagt: zentral anstatt dezentral.

„Dieser ,Flickenteppich’ war viel zu aufwendig“, sagt Kreissprecher Achim Froitzheim. Die Verwaltung habe seit Herbst 2015 nur deshalb so viele Wohnungen angemietet, weil immer mehr Flüchtlinge in der Region ankamen und das neue Asylbewerberheim in Greifswald noch nicht fertig war.

„Jetzt, da viel weniger Flüchtlinge kommen und die Gemeinschaftsunterkunft in der Brandteichstraße fertig ist, stehen wir vor einer ganz anderen Situation“, sagt Froitzheim. Jetzt sei es sinnvoll, jene Wohnungen wieder loszuwerden, die besonders abgelegen oder noch gar nicht bewohnt waren, und das neue Heim zu nutzen.

Nach Angaben der stellvertretenden Kreissprecherin Anke Radlof lebten Mitte Januar noch 888 Flüchtlinge in 368 dezentralen Wohngemeinschaften. Für 114 dieser Wohnungen laufe nun die Kündigungsfrist, sagte sie. 29 Personen werde man umsiedeln – voraussichtlich in eines der großen Heime in Greifswald, Wolgast, Anklam oder Torgelow. Gemäß Paragraf 60 des Asylgesetzes habe die Ausländerbehörde auch das Recht dazu.

Dass Flüchtlinge umziehen sollen, weil es praktischer und billiger ist, findet die Greifswalder Lehrerin Anne Wolf zynisch. „Es geht schließlich um Menschen“, sagt sie. Und einer ihrer Schüler, der 18-jährige Saeed Zolfaghari, und seine Mutter Fariba Sedaghat aus Afghanistan hätten schon im Herbst erlebt, was es bedeuten kann, auf Beschluss des Kreises umziehen zu müssen.

In Greifswald wohnten sie in einem Block im Ernst-Thälmann-Ring. Im Oktober, so schildert es der junge Saeed, sei der Integrationsbeauftragte des Landkreises, Ibrahim Al Najjar, zu ihnen gekommen, habe ihnen einen Zettel gezeigt und erklärt: Die Familie müsse innerhalb von einer Woche in eine andere Wohnung in der Brandteichstraße umziehen. „Ein Schock“, sagt Saeed. Eine schriftliche Erklärung sei ihnen nicht ausgehändigt worden. Weitere 30 Personen mussten ebenfalls ausziehen, sagen Saeed und Wolf. Der Kreis hatte den Mietvertrag für diese Wohnungen gekündigt, bestätigt Kreissprecherin Radlof.

„Damit reißt man die Leute aus ihrem Umfeld gleich wieder heraus“, sagt Anne Wolf, die Saeed und seine Mutter gut kennt. „Die Mutter war anfangs so verzweifelt in Greifswald, hatte Heimweh und keinen Mut, Deutsch zu lernen", schildert sie. Im Begegnungszentrum Mole, das ganz in der Nähe lag, habe sie endlich erste Kontakte geknüpft. „Das ist nun alles wieder weg.“ Auch, dass Saeed und seine Mutter in der Brandteichstraße gelandet sind – in einer Wohnung gegenüber dem großen Flüchtlingsheim –, findet Anne Wolf bedenklich. „Wie sollen sich Flüchtlinge integrieren, wenn wir sie in Viertel abschieben, in denen nichts ist und sonst keiner wohnt?“

Auch von der Flüchtlingsbeauftragten des Pommerschen Kirchenkreises kommt Kritik an der Umsiedlungspolitik im Land. Nicht nur Vorpommern-Greifswald, auch Vorpommern-Rügen hatte beschlossen, zum Prinzip der zentralen Unterbringung zurückzukehren. Fatal, findet Christine Deutscher, das sei sehr kurzfristig gedacht. „Für den sozialen Frieden und das Miteinander in der Gesellschaft ist es notwendig, geflüchtete Menschen nicht in Massenunterkünften, sondern in kleineren Gruppen an vielen Orten unterzubringen.“ Kreissprecherin Anke Radlof betont, mit allen Betroffenen versuche man eine annehmbare Lösung zu finden.

Im Fall von Saeed war der erste Schock schlimmer als das tatsächliche Geschehen. Zwar kam die Nachricht sehr plötzlich. Der Landkreis habe ihm und seiner Mutter aber beim Umzug geholfen, erzählt der Schüler. Die neue Wohnung war schon mit dem Nötigsten ausgestattet. Und angenehmer als die alte finden Saeed und seine Muter sie auch. „Die Nachbarn hier sind ruhiger“, sagt der 18-Jährige.

Allerdings: Nicht nur zwei, sondern fünf Betten hat der Kreis in der Wohnung deponiert – Zeichen dafür, dass er jederzeit drei weitere Flüchtlinge einquartieren kann.

Sybille Marx

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