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Greifswald Lebendige Bibliothek: Erzähl doch mal!
Vorpommern Greifswald Lebendige Bibliothek: Erzähl doch mal!
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07:26 27.06.2016
Haben sich bei Annette Riesinger (r.) als Zeitzeugen gemeldet: Samer Sanyuor und Bernd Frisch. Quelle: Sybille Marx

Wenn Berndt Frisch hört, wie manche Greifswalder über Flüchtlinge aus Syrien oder anderen Ländern schimpfen, schießt der Ärger in ihm hoch. „Die wollen doch nur eine tolle Wohnung“, habe eine ältere Dame mal gesagt. Der 72-Jährige schüttelt den Kopf. „In Syrien ist Bürgerkrieg!“, sagt er. Und überhaupt: „Flucht gab es immer, und meistens war Krieg der Auslöser.“

Frischs eigene Eltern wurden 1945 aus dem Sudetenland vertrieben. Eben deshalb hat sich der Mann jetzt entschieden, bei einem Zeitzeugenprojekt der Stadt mitzumachen: An zwei Terminen im September (16. und 24.) soll in der Alten Sternwarte mitten in der Altstadt eine lebendige Bibliothek entstehen: Menschen, die aus der DDR, im Zuge des Zweiten Weltkriegs oder aus aktuellen Krisenregionen fliehen mussten, sollen wie Bücher in einem Lesecafé bereit stehen – und den Besuchern ihre Geschichten erzählen.

„Wir wollen, dass möglichst viele Greifswalder durch die lebendige Bibliothek über das Thema Flucht ins Gespräch kommen“, erklärt Christine Dembski, Präventionsbeauftragte der Stadt. Zusammen mit Annette Riesinger vom Quartiersbüro der Caritas und Ines Gömer, der Gleichstellungbeauftragten der Stadt, hat sie das Projekt initiiert, in der Hoffnung, „dass es ein friedliches und offenes Miteinander in Greifswald fördert“.

Über zehn Zeitzeugen haben sich bereits gemeldet, darunter der 27-jährige Syrer Samer Sanyuor, mit dem Berndt Frisch einmal pro Woche Deutsch übt, aber auch viele Ältere, die wie Frischs Familie zu den Vertriebenen zählen. „Manche haben am Telefon geweint und waren ganz berührt davon, dass sich überhaupt noch jemand für ihre Geschichte interessiert“, erzählt Ines Gömer. Schon das zeige, wie wichtig das Projekt sei. Im Grunde sei es doch auch so: „Fast in jeder Familie gibt es irgendeine Berühung mit dem Thema Flucht.“

Das Anne-Frank-Zentrum in Berlin hatte das Projekt ausgeschrieben und fördert den Aufbau von „Lebendigen Bibliotheken“ nun in vier Städten Mecklenburg-Vorpommerns mit Geld und Know-How (die OZ berichtete). In einer Schulung des Zentrums haben sich die Greifswalder Koordinatoren inzwischen mit Vermittlungsmethoden und psychologischen Aspekten zu Flucht und Erinnerung vertraut gemacht.

„Diese lebendigen Bücher sind Schätze, auf die wir gut aufpassen müssen“, sagt Christine Dembski nun. Oder wie Ines Gömer erklärt:„Wenn jemand traumatische Dinge erlebt hat, die ihn immer noch belasten, kann er sicher nicht vor Fremden darüber reden.“ Aber möglich sei vielleicht, dass er seine Geschichte einmal erzähle, und sie als Podcast zum Anhören bereitstehe. Solche Fragen gelte es vorher abzuklären. Und: „Die Zeitzeugen müssen sich darüber klar werden, was genau sie den Besuchern erzählen wollen.“ Damit alles einen roten Faden habe und Gespräche von 20 bis 30 Minuten entstünden.

Berndt Frisch war erst zwei Jahre alt, als seine Eltern vertrieben wurden. Und trotzdem: Diese Flucht habe sein Leben geprägt, sagt er. Bei einer Großbäuerin in Sachsen-Anhalt kam die Familie erst mal unter. An ständigen Hunger erinnert sich Berndt Frisch und an das Gefühl, nie wirklich willkommen zu sein. „Wir waren die Umsiedler.“ Auch deshalb will er heute Samer Sanyuor helfen, schneller Deutsch zu lernen und in Greifswald heimisch zu werden.

Das Anne-Frank-Zentrum

Das Anne-Frank-Zentrum Berlin fördert das Projekt „Generationen im Dialog über Flucht in Geschichte und Gegenwart“ in Greifswald mit 3000 Euro, Materialien und Schulungen.

Das Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. Es bietet Ausstellungen und Projekte zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust an, aber auch mit Antisemitismus und Diskriminierung heute. Mehr Infos zum Greifswalder Projekt unter ☎ 03834/8536-1256, E-Mail: praevention@greifswald.de

Sybille Marx

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