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Hanshagen Letzte Fluchtmöglichkeit verpasst

Zeitzeugenbericht über Erlebnisse in der Försterei Koch bei Hanshagen aus dem Jahr 1945.

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Friedrich Wilhelm Kaiser 1945 auf dem Förstereigelände.

Quelle: eob

Hanshagen. Der geborene Stettiner Friedrich Wilhelm Kaiser (81) erwarb 1952 in Pasewalk das Abitur und lebt heute in Berlin. Der OZ stellte er seine Erinnerungen an den April 1945 zur Verfügung.

Am Mittag des 26. April 1945 flüchteten wir aus Pasewalk mit einem der letzten Züge in Richtung Greifswald. Vor Abfahrt des Zuges wünschten uns einige „Nähmaschinen“, so nannten wir die offenen Doppeldecker der ruhmreichen sowjetischen Luftwaffe, eine gute Fahrt durch ihre Bomben, die um den Bahnhof herum einschlugen. Man schonte bewusst die Funktionsfähigkeit der Eisenbahnanlagen, weniger die Bevölkerung.

In Groß Kiesow endete die Fahrt. Wir mussten aussteigen und wurden mit Pferdewagen zur Försterei Koch bei Hanshagen gebracht. Sie lag etwa 100 Meter entfernt von der Chaussee Anklam-Greifswald im Wald. Die Chaussee war voller Flüchtlingstrecks, Militärkolonnen und Sanitätsfahrzeugen: Alle fuhren Richtung Westen. Zur Front Richtung Anklam fuhr kein Militärfahrzeug.

Die kleine Försterei war bereits voll belegt mit Flüchtlingen. Zufällig entdeckten wir „das schwarze Schaf „ unserer Familie, ein KPD — Mitglied aus Stettin. Das sollte sich später positiv für uns auswirken. Wir „Kinder“, ich war 13 Jahre alt und bin noch siegessicher in Jungvolkuniform unterwegs gewesen, spielten unbekümmert. Wir rösteten uns geklaute Kartoffeln am Lagerfeuer auf dem Feld und sangen fröhliche Lieder. Die Erwachsenen überlegten wie und womit man weiter nach Westen flüchten könnte.

Am 28. April abends ebbten der Flüchtlingsstrom und der gesamte Straßenverkehr zusehends ab, bis schließlich nur noch einzelne versprengte Militärfahrzeuge vorbei fuhren. Aus der Ferne hörten wir Kanonendonner. Der Himmel Richtung Anklam begann sich zu röten. Diese Art Feuerschein kannten wir schon aus Pasewalk, wenn Stettin nach einem Luftangriff brannte. Meine Mutter schmiss meine Uniform in das Klo auf dem Hof. Unsere gesamte Familie lief zur Straße, um noch einen LKW zu erwischen. Tatsächlich hielt ein Militärwagen an. Der Fahrer rief uns zu, wir sollten uns beeilen, die Russen sind schon hinter Anklam und in wenigen Stunden hier. Ich machte ein Höllenspektakel, wollte nicht auf den Lkw. Da gab der Fahrer Gas und die letzte Chance hatte unsere Familie durch mich verspielt. Es war das letzte Fahrzeug an diesem Abend.

Die Nacht vom 28. zum 29. April werde ich nie vergessen. Alle blieben angezogen und versammelten sich in den Räumen des Hauses und warteten. Der Kanonendonner war inzwischen verstummt.

Es war eine mondhelle Nacht. Die Chaussee war wie leer gefegt. Kein Auto, kein Mensch zu sehen. Die Lampen im ganzen Haus waren ausgeschaltet. Alle lauschten in die Dunkelheit hinein. Plötzlich brüllte eine Kuh im Stall. Wir zuckten zusammen, aber es traute sich keiner auf den Hof zu gehen. Selbst der Förster nicht, der uns noch vorher seine schussbereite Pistole zeigte. Damit wollte er seine Frau verteidigen, wenn sich ein Russe an ihr vergehen sollte. Die Erwachsenen überredeten ihn schließlich, das zu unterlassen, weil er damit alle in Lebensgefahr bringen würde.

Kurz nach Mitternacht sahen wir zwei dunkle Limousinen in Richtung Anklam fahren. Weit nach Mitternacht, es muss so gegen 3.30 Uhr gewesen sein, fuhren wieder zwei Wagen vorbei, dieses Mal in Richtung Greifswald. Gleich, nachdem diese Wagen die Försterei passiert hatten hörten wir für einen kurzen Moment Maschinengewehrfeuer. Als es hell wurde fuhr ein Radfahrer in russischer Uniform in Richtung Greifswald vobei, der zehn Minuten später zurückkam. Nach etwa 15 Minuten fuhr ein kleiner Panzerspähwagen der Roten Armee aus Anklam kommend vorbei. Diesem folgten nach gut einer halben Stunde die ersten russischen Kampftruppen.

Vier Mann kamen den Weg von der Chaussee zur Försterei, mit Maschinenpistolen im Anschlag, zu Fuß hoch. Unser KPD-Mann ging ihnen mit weißer Fahne und erhobener rechter, zur Faust geballter Hand, dem Kommunistengruß, entgegen. Es waren sowjetische Offiziere. Zwei waren Deutsche aus dem Rheinland und gehörten dem Nationalkommitee Freies Deutschland an. Sie sagten, dass eine Gruppe von Parlamentären, der Professoren der Universität Greifswald und der stellvertretende Stadtkommandant angehörten, im Namen des Stadtkommandanten die kampflose Übergabe der Stadt Greifswald angeboten hat. Die Verhandlungen mit der sowjetischen Seite hätten in der Schmiede an der Kreuzung Anklam-Greifswald/ Wolgast-Jarmen stattgefunden. Nun war uns auch klar, wer in den beiden Limousinen gesessen hatte. (wird fortgesetzt)

Erinnerungen an die kampflose Übergabe
An die kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee am 30. April 1945 wird die OSTSEE-ZEITUNG unter anderem durch Erinnerungen von Zeitzeugen auf den nächsten Historischen Seiten berichten.

Die Greifenfedern und der Seniorenbeirat steuern zwei Beiträge ihres Gemeinschaftsprojektes „Mein Greifswald“ bei. Es werden vor allem noch weitere Geschichten der Jahre 1945 bis 1989 mit Greifswald-Bezug gesucht. Zum Beispiel zur Währungsreform 1948, dem Wiederaufbau der Betriebe oder dem Bau des Strandbads Eldena 1972.

Meldungen werden im Seniorenbüro erbeten, ☎ 844 634.

Wilhelm Kaiser

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