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Loslassen – und einfach nur Kind sein

Greifswald Loslassen – und einfach nur Kind sein

Die Kita „Regenbogen“ bietet den Kleinen Sport-, Tanz- und Gesundheitsprojekte und lässt dennoch Freiräume

Greifswald. Manchmal gibt es einfach nichts Wichtigeres, als die Socken auszuziehen und die Füße herzuzeigen. Dann ist es egal, ob man gerade mit seinen Freunden beim Mittagessen ist. Vor allem, wenn diese auch noch anfangen, das nachzumachen. „Sehr schön“, lobe ich anerkennend. „Und jetzt nehmt ihr bitte die Füße wieder vom Tisch und esst weiter, ja?“ Mein Sitznachbar versucht sich kurz danach selbst Tee einzuschenken. Das klappt eigentlich ganz gut, allerdings nimmt er keinen Becher, sondern schüttet sich ein paar Schlückchen direkt auf die Hand.

Ein Mittagessen in einer Kita kann viele besondere Momente hergeben. Kinder sind einfach hübsch anarchistisch. Wie alles andere müssen auch gesellschaftliche Konventionen und Verhaltensregeln ja erst langsam gelernt werden. Und weil Kita-Kinder oft noch nicht so weit sind, kommen sie auf Ideen, die Erwachsenen nicht mehr einfallen würden. Den Mund aufreißen und sich gegenseitig das Gekaute zeigen? Klar. Und weil es so viel Spaß macht, gleich noch einmal. Und noch einmal. Und dabei hochspringen. Und ,Bäääääh’ rufen. Das macht Spaß!

Was ich damit sagen will: Meinen Tag als Erzieher in der Kita „Regenbogen“ in Schönwalde I genieße ich in vollen Zügen. Als ich zu Beginn mit der Gruppe und den beiden Erzieherinnen Angela und Franzi nach draußen auf den Hof gehe, habe ich noch einige Berührungsängste. Alle duzen sich hier, Kinder, Erzieher, Eltern. Doch selbst das Duzen fällt mir anfangs gar nicht so leicht.

Aber was soll ich hier eigentlich tun? Die Kinder spielen in der Sandkiste, werfen Bälle und rollern auf Miniautos durch die Gegend. Tja. „Manchmal muss man einfach loslassen und den Kindern ihre Freiräume lassen“, sagt Erzieherin Angela. Dann sei auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, dass das auch ein Knochenjob sein kann. Wobei er sicherlich weniger körperlich, sondern eher nervlich fordert. Mir fällt dabei eine betont ehrliche Anzeige einer anderen Kita ein, in der es hieß: „Sie arbeiten gern bei 300 Dezibel, beherrschen das Wort ‚Nein‘ in 24 Sprachen und verkraften das permanente Sitzen auf Zwergenstühlen?“

Die kleine Charise reißt mich aus den Gedanken und zeigt mir, dass sie ein kleines leeres Schneckenhaus in der Hand hat. Ich tue beeindruckt, sie lässt es fallen. Hm. Ich sage: „Schau mal, da vorne ist noch eine ganz große Schnecke“ und zeige ins Nichts. „Wo denn?“ fragt sie. „Na da vorne, in der Phantasie“, antworte ich und finde mich originell. Sie schaut mich nur verdattert an. Ich versuche noch einmal, überzeugend dreinzublicken. Doch Charise spaziert davon. Na toll.

Ich versuche, mich in der Sandkiste nützlich zu machen und schaufele mit den Kleinen Eimer voll, die sie danach einfach freudestrahlend wieder auskippen. Nebenbei unterhalte ich mich mit Angela. Sie sei sehr zufrieden hier. Auch ihre Kollegin Franzi hat große Freude an dem Job. Irgendwie bewundere ich ihren Draht zu den Kindern, wie sie alles gleichzeitig machen, aufpassen und loslassen, Freiräume bieten und Angebote schaffen, Konflikte klären und sie die Kinder untereinander klären lassen. Und das alles mit einer angenehm ausgeglichenen und versierten Art.

In der Kita „Regenbogen“ wird sehr auf die Bedürfnisse der Kinder geachtet. Es gibt sogar eine Niederschrift von 17 Kinderrechten, die alle 20 Erzieher zu respektieren haben. Darunter sind zwei männliche. Sie betreuen 171 Kinder, 48 davon im Krippenalter.

Danach setze ich mich auf eine Decke und schaue mit den Kindern Bilderbücher an. Das finden sie super. Sechs oder sieben Kinder wollen am liebsten immer wieder dasselbe von vorne durchblättern. So langsam bekomme ich sogar eine Ahnung davon, wie ich den Kleinen auch etwas beibringen kann. „Und wo ist auf dem Bild ein Seestern?“ Der kleine Basti zeigt erst auf die Sonne. „Nein, das ist die Sonne.“ Dann wandert sein Finger auf den Seestern. „Richtig!“ Auch die anderen zeigen jetzt auf den Seestern. Jetzt komme ich langsam rein. Auf sanftmütige und verständliche Weise mache ich das eine oder andere klar. Ich bringe die Kinder sogar dazu, die Bücher wieder zurück in die Kiste zu legen und aufzuräumen. Dann geht es zum Mittagessen und danach in den Schlafraum.

Fazit: Erzieher ist ein spannender, faszinierender und kreativer Job, der auch mal ganz schön fordernd sein kann. Soweit ich das beurteilen kann, hat die Kita „Regenbogen“ ihren guten Ruf zurecht:

Sport-, Tanz- und Gesundheitsprojekte für die Kinder, Kennenlernabende, Muttischminken, Väterfußball für die Eltern. „Meistens werden die Kinder schon während der Schwangerschaft bei uns angemeldet“, sagt Leiterin Beata Giese. Das sagt ja wohl einiges, denke ich. Und noch viel lieber als Erzieher wäre ich in dieser Kita gerne Kind.

Kai Lachmann

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