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Märkte sollten Rollis verleihen

Greifswald Märkte sollten Rollis verleihen

Edgar Kobi ist gehbehindert und hat Probleme beim Einkaufen / Dabei wäre die Lösung so einfach...

Greifswald. Perfekt. Den kleinen Toyota hat er eingeparkt, jetzt muss Edgar Kobi nur noch warten, bis sein Nachbar Uwe Steiner von der Info am Real zurückkommt – mit einem Rollstuhl, den Kunden dort kostenlos leihen können. „Das ist so viel praktischer, als wenn ich meinen eigenen Rollstuhl auseinander bauen, ins Auto packen und wieder aufbauen muss“, seufzt Kobi, während er sich vom Sitz in den Rolli hievt. „Das schaff ich auch gar nicht, ich bin fast 70.“

Steiner schiebt, Kobi redet. Als gutes Team sehen sich die beiden: Denn Kobi kann kaum laufen, dafür mit Automatik Auto fahren. Steiner wiederum ist besser zu Fuß, besitzt aber keinen Führerschein, und Zeit haben beide viel. Rechtsanwalt Kobi ging nach einem Unfall 2007 in Rente, Steiner nach schwerer Krankheit schon früher.

Jetzt der Einkauf: Im Elisenpark wollen sie Schrauben besorgen für Kobis aufwändiges Hobby. Kutschen, Kräne und andere Konstruktionen baut er als Modelle nach, ohne Anleitung, höchst professionell.

Aber noch eine andere Mission verfolgen die Männer heute: Sie wollen zeigen, wie die Sache mit dem Rollstuhl funktioniert, damit andere große Einkaufs- und Baumärkte in der Stadt vielleicht nachziehen.

Real hat das Angebot schon vor zehn Jahren eingerichtet, als einziger Laden im Elisenpark, vielleicht als einziger in Greifswald. „Der Rollstuhl wurde auf Kundennachfrage hin angeschafft“, heißt es aus der Pressestelle. Nach jeder Benutzung werde er auf Gebrauchsspuren überprüft, bei Bedarf gereinigt oder technisch gewartet. „Viele der älteren oder gehbehinderten Greifswalder sind so erst unsere Stammkunden geworden.“

Ob sie mit dem Real-Rollstuhl mal nebenan in den Obi dürfen? Die Dame an der Info nickt, eigentlich nicht, aber so genau nehmen sie es nicht. „Super“, freut sich Kobi. „Im Toom-Baumarkt habe ich immer das Problem, dass ich mir einen Stuhl geben lassen muss.“ Dann throne er dort und beschreibe Steiner, welche Schrauben, Hölzer und andere Kleinteile er braucht. Der Freund streift an den Regalen entlang, kehrt mit den Funden zurück. „Aber manchmal ist es das Falsche und er muss wieder los!“

Natürlich, viele Waren könnte Kobi auch im Internet bestellen. „Aber manches will ich genauer sehen und fühlen“. Auf einem Sessel etwa will er Probe sitzen, bei Baumarktartikeln Verkäufer fragen, Kleidungsstücke anfassen und anprobieren... Im Übrigen sei es unklug von den Märkten, an Gehbehinderte nicht zu denken: „Die lassen sich lukrative Geschäfte entgehen“, glaubt der Jurist. Eine wachsende Kundengruppe werde so ins Onlinegeschäft verdrängt.

Immerhin: Von der Edeka-Pressestelle, die für Marktkauf in Neuenkirchen zuständig ist, kommt auf OZ-Anfrage die Antwort: „Uns ist der Bedarf an Rollstühlen bekannt.“ In Kürze wolle man auch im Marktkauf Neuenkirchen welche bereitstellen. Möbel Albers ein paar hundert Meter weiter besitzt immerhin zwei Rollatoren, die kostenlos auszuleihen sind. „Das passiert aber extrem selten und nach Rollstühlen hat bei uns noch nie jemand gefragt. Ich glaube, da gibt es keinen Bedarf“, meint Chef Andreas Meyen. Ältere Menschen brauchten ja selten neue Möbel und wenn doch, gingen meist die Kinder für sie los. Ein Möbelhaus habe gegenüber anderen Märkten zudem einen Vorteil: „Bei uns kann man alle paar Meter sitzen.“

Die Obi-Pressestelle erklärt, in einigen Obi-Märkten bundesweit gebe es Gehhilfen, mit der Frage nach Rollstühlen werde man sich noch beschäftigen. Der Mediamarkt Greifswald lässt nur knapp verlauten: Noch nie habe ein Kunde nach einem Rollstuhl gefragt.

„Logisch“, findet Kobi, „das Angebot ist ja nicht bekannt.“ Überhaupt machten sich die Märkte zu wenig Gedanken über gehbehinderte Kunden, „die haben uns gar nicht im Blick.“ Er hofft, dass seine Fragen daran etwas ändern, vielleicht noch vor dem Weihnachtsgeschäft. In Werbezetteln sollten die Märkte das Angebot mit dem Rollstuhl dann bekannt machen. Und noch einen Wunsch hat er: „Es wäre sehr lobenswert, wenn sich in den Geschäften auch Sitzgelegenheiten zum Ausruhen befänden.“

Sybille Marx

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