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Greifswald Mieter mit wenig Geld werden in bestimmte Viertel gedrängt
Vorpommern Greifswald Mieter mit wenig Geld werden in bestimmte Viertel gedrängt
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00:00 09.08.2016
„Ich mag meine Wohnung“, sagt Alexander Blob in der Makarenkostraße. Doch nicht alle hier denken wie er. Quelle: Sybille Marx

Es gibt schönere Wohnblocks in Greifswald, das weiß Alexander Blob auch. In der Makarenkostraße 34b wohnt der 28-Jährige in einem Sechsgeschosser mit grau-brauner Fassade. Doch wenn man ihn fragt, in welches Viertel er ziehen würde, wenn er Geld wie Heu hätte, grinst er nur. „Ich würde hier bleiben, ich hab mich so an meine Wohnung gewöhnt!“ Zuletzt habe er fünf Jahre im Obdachlosenheim gelebt.

So zufrieden wie Alexander Blob sind aber nicht alle Bewohner in Schönwalde und im Ostseeviertel, den Quartieren mit den geringsten Mieten in Greifswald. „Viele leben nur hier, weil sie keine andere Wahl haben“, meint ein 25-Jähriger. Er selbst, aufgewachsen in Ducherow, zog ins Ostseeviertel, als er auf Hartz IV angewiesen war. Mit den „Kosten der Unterkunft“ legt der Kreis fest, wie groß und teuer eine Wohnung maximal sein darf. „Da kam nichts anderes in Frage“, sagt der Mann. Inzwischen verdiene er sein eigenes Geld als Liferant für einen Elektronikmarkt. „Aber das reicht auch nicht, um in ein anderes Viertel zu ziehen.“

Diana Ratschat zog 2013 aus Demmin in die Makarenkostraße in Greifswald. „Es ist nicht so angenehm hier“, findet die 47-Jährige, die von Erwerbsunfähigkeitsrente lebt. „In manchen Blocks sind Leute mit Drogen drinne“, meint sie. Und ihre eigene Wohnung liege im sechsten Stock, das mache ihr Mühe. Wohin sie ziehen würde, wenn sie mehr Geld hätte, weiß sie gar nicht, „ich kenne nur die Makarenkostraße.“ Aber im Grunde sei es so: „In jedem Viertel müsste es ein paar Wohnungen geben, die auch von Hartz IV zu bezahlen sind. Das wäre doch Gleichberechtigung.“

Von „sozialer Durchmischung“ sprechen Experten, wenn in einem Viertel Menschen aus verschiedenen Bildungs-, Einkommens- und Altersschichten leben; von Segregation, wenn das Gegenteil der Fall ist.

„Eigentlich wollen alle die Durchmischung“, sagt Beraterin Mechthild Patzelt von der Caritas Vorpommern in Greifswald. Denn wenn Menschen, die wenig Geld, wenig Anerkennung, wenig Bildung und Perspektiven hätten, alle in die gleichen Viertel gedrängt würden, entwickelten sich soziale Brennpunkte, drifte die Stadt auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. „Dann gibt’s Probleme in den Kitas, den Schulen, die Menschen fühlen sich nicht mehr wohl...“

Dass in Greifswald die Mieten steigen, nicht mal mehr vier Prozent aller Wohnungen leer stehen und die „Kosten für die Unterkunft“ so niedrig liegen, dass Bedürftige fast nur noch ins Ostseeviertel, nach Schönwalde I oder II ziehen können, findet Mechthild Patzelt bedenklich. Als Mitarbeiterin bei der Caritas bietet sie allgemeine soziale Beratung an. „In 15 Prozent dieser Gespräche geht es inzwischen um das Thema Wohnung“, sagt sie. „Und immer öfter ist die Frage: Wie finde ich eine preiswerte Wohnung?“ Auch deshalb engagiert sie sich inzwischen mit anderen Greifswaldern im Bündnis AG „Bezahlbarer Wohnraum“ (OZ berichtete).

Thomas und Anja Koch aus Schönwalde, er 36, sie 30, haben sich mit ihrem Viertel arrangiert. Mit ihren fünf Kindern leben sie seit 2013 in Schönwalde, angewiesen auf Hartz IV. „Die Atmosphäre könnte besser sein“, findet Thomas Koch. Das liege vor allem daran, dass es kaum Spielplätze für Kinder gebe, zu wenig Freizeitangebote für Jugendliche. Sie selbst wohnten zudem noch im hässlichsten Block der Straße. „Aber da muss man sich irgendwann sagen: Es ist egal, in welchem Haus man wohnt“, sagt Koch. „Entscheidend ist, was man daraus macht. Außen kann es ja pfui sein. Hauptsache, drinnen ist es dann hui.“

Preiswerteste Mieten

5,09 Euro je Quadratmeter beträgt die durchschnittliche Nettokaltmiete bei der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft (WVG). 4,79 Euro sind es beim zweitgrößten Unternehmen, der Wohnungsbaugenossenschaft Greifswald (WGG). Am günstigsten sind die Mieten in den Stadtteilen Schönwalde I, II und im Ostseeviertel Ryckseite. Wer bereits seit Jahrzehnten bei der WVG wohnt, zahlt mitunter weniger als drei Euro Kaltmiete je Quadratmeter. Die aktuellen Mieten in Neubauten liegen dagegen bei knapp über 9,50 Euro. Die beiden Wohnungsgesellschaften verfügen über fast die Hälfte des gesamten Wohnungsbestandes in der Stadt.

Sybille Marx

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