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Greifswald „Mir kann das auch passieren“
Vorpommern Greifswald „Mir kann das auch passieren“
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00:00 09.05.2017
Greifswald

„Ein oder zwei Gläser Wein am Abend – das gönne ich mir“, dachte Sabine Fritsche*. Schließlich war ihr medizinischer Arbeitsalltag stressig. Und als Mutter von drei Kindern gab es für sie eh keinen richtigen Feierabend. Da wirkt so ein Getränk wie ein Entspannungsmittel und lässt die Probleme in der Partnerschaft sowie die aufwändige Pflege des Vaters zumindest zeitweise vergessen ...

Was Sabine Fritsche lange nicht wahrhaben wollte: „Der Körper gewöhnt sich an den Alkohol, gerät in Abhängigkeit“, sagt Suchttherapeutin Kathrin Elsner. Ein Zurück gebe es nur über eine Entwöhnung.

So ein therapeutischer Prozess könne dauern und sei nicht selten mit Rückschlägen verbunden.

Über dieses und viele andere Themen will die „Aktionswoche Alkohol“ vom 13. bis 21. Mai im Landkreis Vorpommern-Greifswald aufklären. Zum vierten Mal beteiligt sich die Region an der Veranstaltungsreihe, die alle zwei Jahre bundesweit stattfindet. Ein Muss, findet Silvia Johanning, Leiterin der Suchtberatungsstelle des Evangelischen Krankenhauses Bethanien in Greifswald, „denn sehr viele Menschen wissen einfach nicht, dass sie mit ihrem Alkoholkonsum bereits im Risikobereich agieren.“ Zwei, drei Feierabendbiere seien für viele Vorpommern gängiger Alltag. Kaum jemand mache sich dabei Gedanken über mögliche Gesundheitsschäden oder gar eine Abhängigkeit. „Doch immer wieder sammeln Menschen die bittere Erfahrung: Mir kann das auch passieren“, sagt Kathrin Elsner, Leiterin der Fachambulanz für Alkohol- und Drogenkranke in Greifswald.

74 000 alkoholbedingte Sterbefälle pro Jahr

Die beiden Suchttherapeutinnen wollen nicht falsch verstanden werden: „Uns liegt es fern, Alkohol grundsätzlich zu verteufeln“, betont Silvia Johanning. Doch sie möchten aufrütteln und präventiv wirken, bevor es zu spät ist. 74000 alkoholbezogene Sterbefälle pro Jahr in Deutschland seien mehr als ein Alarmzeichen, so Psychologin Johanning. Auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die 2015 aufgrund eines akuten Alkoholmissbrauchs in eine Klinik eingeliefert wurden, sei erschreckend: Bundesweit waren es fast 22000.

Aber man muss nicht auf die ganze Republik schauen, um ins Nachdenken zu geraten: „Die Ergebnisse einer Schülerbefragung im Landkreis Vorpommern-Greifswald zeigen, dass 37,4 Prozent der Mädchen und 18,3 Prozent der Jungen einen riskanten Alkoholkonsum aufweisen“, berichtet Janina Becker, Koordinatorin der Regionalstelle für Suchtvorbeugung und Konfliktbewältigung des Kreises. Befragt wurden 553 Neuntklässler aus 13 Schulen. Diese Ergebnisse, so Becker, lägen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Bei Mädchen in der Altersgruppe der 15-Jährigen betrage dieser 22,7 Prozent, bei Jungen 16,1 Prozent.

Aus diesem Grund richtet sich die „Aktionswoche Alkohol“ auch an Jugendliche. Experten besuchen mehrere Schulklassen im Landkreis. „Auch die Fachvorträge für Schüler kamen in der Vergangenheit immer sehr gut an“, erinnert Kathrin Elsner und hofft auf eine ähnlich gute Resonanz am 15. Mai im Audimax. In diesem Jahr gehe es um die Themen Alkohol in der Schwangerschaft und Alkohol und Jugendstrafrecht.

Leben und Leiden trockener Alkoholiker

„Sehr bewegend“, sagt Silvia Johanning, „sind auch immer die Veranstaltungen beim Seminartag in der Alten Wäscherei.“ Trockene Betroffene, aber auch Angehörige, würden Interessenten von ihren Erfahrungen berichten. Ähnliches sei in diesem Jahr in der Fachklinik Gristower Wiek zu erleben, wo ehemalige Patienten am 17. Mai erwartet werden. Die Lebens- und Leidensgeschichten seien so unterschiedlich wie die Menschen. Johanning erinnert sich etwa an eine Frau, der wegen eines Leidens empfohlen wurde, täglich einen Teelöffel Klosterfrau Melissengeist zu sich zu nehmen. „Aus einem Teelöffel wurde ein Esslöffel, dann zwei ... Was sie nicht wusste: Der Kräutermix enthält 78 Prozent Alkohol und führte bei ihr zu einem extremen Leberschaden“, berichtet die Therapeutin.

Alkohol an sich werde fast überall akzeptiert, sei ein Begleiter bei schönen wie schrecklichen Ereignissen. „Doch sobald jemand in Abhängigkeit gerät, wird er fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel“, weiß Johanning aus vielen Gesprächen mit Betroffenen. Noch immer werde die Sucht als Tabu behandelt. Besonders Frauen hätten zu leiden: „Bei ihnen ist das Schamgefühl enorm groß“, ergänzt Elsner.

Doch es gibt auch Positives: Bei Jubiläen und anderen Feiern sei es längst selbstverständlich, nicht nur Sekt zu reichen. Kaum einer werde noch schief angeguckt, greife er zum Orangensaft. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.*Name von der Redaktion geändert

Petra Hase

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