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Mit 10 starb der Bruder im Bombenhagel

Kamminke Mit 10 starb der Bruder im Bombenhagel

Theaterprojekt zum Thema Flucht auf dem Golm / Zeitzeugen berichten vom Angriff auf Swinemünde

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Bettina Harz von der Jugendbegegnungsstätte mit Zeitzeuge Wolfgang Krueger, der den Bombenhagel auf Swinemünde im März 1945 miterlebte.

Quelle: Henrik Nitzsche

Kamminke. „Mama, was ist?“ – das waren die letzten Worte, die Wolfgang Krueger von seinem Bruder hörte. Wolfgang war damals acht. Martin, der älteste der drei Geschwister, gerademal zehn, als ihm der Krieg das Leben nahm. Detailliert schildert der Mann aus der Nähe von Hamburg die dramatischen Ereignisse von damals – nach 71 Jahren. Denn Wolfgang Krueger erlebte am 12. März 1945 als Kind den Bombenangriff der Amerikaner auf die Hafenstadt Swinemünde.

Zweimal in Deutschland – zweimal in Polen

Geplante Theateraktionen:

Morgen : 16 Uhr, Innenstadt Swinemünde

17. Oktober: um 16.30 Uhr, Greifswald, Fischmarkt; 18. Oktober: 14 Uhr, Kamminke Kriegsgräberstätte auf dem Golm

22. Oktober: 12 Uhr, Stare Czarnowo, polnische Kriegsgräberstätte

• www.jbs-golm.de

Jetzt sitzt er in der alten Schule, heute Teil der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm in Kamminke. Sein Haar ist grau, seine Stimme zurückhaltend, sein Blick geht immer wieder in die Runde.

Vor ihm sitzen junge Menschen, die ein Theaterprojekt mit dem Thema Flucht und Migration planen.

Der 80-Jährige erzählt seine Geschichte von Tod und Vertreibung, von Flucht und Entbehrung, von Hoffnung und seinem Leben am Rande der Großstadt Hamburg. Hier, auf der Insel Usedom, wo sein Bruder auf dem Golm begraben wurde, erinnert er nun an den schrecklichen Tag in Swinemünde. Eigentlich wollte seine Mutter mit den drei Kindern bereits am 11. März 1945 nach Wochen der Flucht aus den Masuren und Hinterpommern in Richtung Westen weiterziehen. „Manchmal sind wir am Tag 18 Kilometer gelaufen. In Swinemünde fühlten wir uns aber wohl, so dass meine Mutter die Abfahrt um einen Tag verschob. Das war unser Verhängnis“, sagt Wolfgang Krueger.

Auf dem Swinemünder Bahnhof standen an diesem Vormittag viele Züge. „Güterwagen, Personenwagen, alle waren randvoll mit Menschen. Wir fanden eine Ecke, wo wir stehen konnten. Doch der Zug fuhr nicht los – Fliegeralarm. Als Martin aus dem Fenster schaute, fiel in dem Moment eine Bombe. Ob die zerborstene Fensterscheibe oder ein Bombensplitter seine Halsschlagader traf, weiß ich nicht mehr. Er blutete stark, als er sich zu uns umdrehte und sagte, Mama, was ist?“, erzählt Wolfgang Krueger ruhig und gefasst.

Majd Hanna schüttelt mit dem Kopf und meint leise „krass“. Der 22-Jährige stammt aus Syrien und kann auch eine Flucht-Geschichte erzählen. Seine liegt aber nur ein Jahr zurück. Über Libanon, Griechenland, Türkei und Ungarn kam er aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland. „Ich wusste nicht, dass Flucht auch Teil der deutschen Geschichte ist“, sagt er. „Da wundert es mich, dass manche Deutsche heute nicht akzeptieren, dass man seine Heimat verlassen muss.“ Er selbst sei schon häufig auf Ablehnung gestoßen.

Majd gehört zu den rund 20 jungen Leuten, die für zwölf Tage in der Jugendbegegnungsstätte zu Gast sind. Alle leben gegenwärtig in Deutschland (Hamburg) und Polen (vom Teatr Brama in Goleniów). Sie eint die Leidenschaft für das Theater. Inhalt des Projekts, das mit vier Aufführungen – sogenannte Straßen-Performances – seinen Höhepunkt erreicht, ist das Thema Flucht. „Sie blicken in die deutsche und polnische Geschichte und in unsere internationale Gegenwart. Sie sprechen und begegnen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ihr Zuhause verlassen mussten“, erklärt Bettina Harz, pädagogische Mitarbeiterin der Begegnungsstätte.

Dazu gehört das gestrige Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Krueger und auch mit Czslaw Kuckiewicz aus Swinemünde, der als Kind mit seiner Familie von der sowjetischen Regierung nach Sibirien zur Zwangsarbeit deportiert wurde. Aus Sibirien kehrte Wolfgang Kruegers Vater nach dem Krieg 1949 zurück. Die Familie lebt heute nahe Hamburg. „Von seiner russischen Kriegsgefangenschaft hat mein Vater kaum etwas erzählt“, so der 80-Jährige, der bis vor 20 Jahren in einer Versicherungsgesellschaft tätig war. Und der sich bei den Bildern im Fernsehen über Pegida-Aufmärsche immer wieder fragt, „ob die Leute alles vergessen haben“.

Henrik Nitzsche

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