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Neues Kapitel im Streit um Arndt

Greifswald Neues Kapitel im Streit um Arndt

Vorentscheid oder Vertagung? Der Engere Senat befasst sich mit dem umstrittenen Publizisten

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Umblättern bitte: Ein neues Kapitel im Arndt-Streit steht an. Seit 20 Jahren keimen die Diskussionen um den Namenspatron der Uni immer wieder auf.

Greifswald. Die Befürworter und die Gegner des umstrittenen Schriftstellers und Publizisten Ernst Moritz Arndt (1769-1860) sind bereit für die nächste Runde. Die Bürgerinitiative „Ernst Moritz Arndt bleibt“ lädt heute ab 13 Uhr zum bunten Protest vor das Unihauptgebäude ein. 13 arndtkritische Wissenschaftler der Universität Greifswald haben derweil das 45-seitige Werk „Für die Universität Greifswald“ herausgebracht.

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Vorentscheid oder Vertagung? Der Engere Senat befasst sich mit dem umstrittenen Publizisten

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Anlass ist der Antrag auf Ablegung des Namens Ernst Moritz Arndt, der heute erneut auf der Tagesordnung der Senatssitzung steht. Zunächst entscheidet der Engere Senat über das weitere Vorgehen. Fünf Studenten und der Politik-Professor Hubertus Buchstein haben den Antrag eingereicht. Sie wollen damit zu Ende bringen, was zu Beginn des Jahres an Formfehlern scheiterte. Nach der Zwei-Drittel-Mehrheit für die Ablegung des Namens im Januar war ein Proteststurm entbrannt. Hunderte Menschen nahmen an Demos teil, sie legten Rosen nieder und bildeten eine Menschenkette um Rathaus und Unihauptgebäude. Mehr als 200 Leserbriefe erreichten die Lokalredaktion der OSTSEE-ZEITUNG. Senatsmitglieder, Rektorin, Oberbürgermeister, Bürgerschaftsmitglieder – sie alle wurden von einer Welle der Entrüstung überrollt.

Ein Protest, mit dem viele Professoren und Mitarbeiter der Universität nur schwer umgehen können. Immer wieder verweisen sie auf die Autonomie der Hochschule und darauf, dass der Senat das alleinige Entscheidungsgremium ist. „So sehr ich das öffentliche Interesse an den Motiven für den Antrag auf Rückbenennung der Universität verstehe – das dafür zuständige Forum ist die universitäre Öffentlichkeit und die einzig entscheidungskompetente Institution für diese Frage ist der Senat der Universität“, schreibt Hubertus Buchstein auf eine Interview-Anfrage der OZ.

Diese Abschottung ist es, die die Befürworter des Namens immer wieder wütend macht. Sie wünschen sich einen Dialog auf Augenhöhe, eine öffentliche Diskussion. „Wir fordern die Senatoren auf, vor einer abschließenden Befassung in einen Dialog mit den Mitgliedern der Bürgerschaft und den Greifswaldern einzutreten“, sagt der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Axel Hochschild. Dafür hatte sich die Bürgerschaft bereits im April dieses Jahres ausgesprochen. Die Unileitung lehnte die Gründung eines Runden Tisches damals ab.

Eine Diskussion zwischen Wissenschaftlern und Greifswalder Bürgern ist auch deswegen so schwierig, weil beide auf ganz unterschiedlichen Ebenen argumentieren. Viele Hansestädter fühlen sich dem Schriftsteller verbunden, weil sie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität studiert haben und er in der DDR als eine Art heimlicher System-Rebell galt, weil er sich für die deutsche Einheit ausgesprochen hat. Von der haben in der DDR viele geträumt. Andere schätzen ihn, weil er sich für die Abschaffung der Leibeigenschaft stark gemacht hat und Kirchenlieder geschrieben hat, die sie in ihrer Kindheit gerne gesungen haben. Die meiste Zeit ihres Lebens galt Arndt als lokaler Held, als einer aus Vorpommern, auf den man stolz sein kann. Bundesweit sind Schulen und Straßen nach dem Sohn eines früheren Leibeigenen benannt, der an der Universität Greifswald studiert und gelehrt hat. Und irgendwie – so scheint es – sind es die Menschen auch einfach leid, dass ihnen mal wieder jemand sagen will, dass es falsch sei, woran sie glauben. Dass es falsch sei, den Freiheitskämpfer Arndt zu ehren, der doch in Wahrheit ein Fremdenfeind sein soll. Man müsse Arndt in seiner Zeit sehen, bringen die Befürworter immer wieder als Argument. Dass sein Hass auf die Franzosen während der Napoleonischen Kriege normal gewesen sei. Professor Thomas Stamm-Kuhlmann, der wichtigste Arndtforscher an der Universität Greifswald, kann dem wenig abgewinnen. „Niemand wirft Arndt vor, dass er den Freiheitskampf für sein besetztes Land geführt hat“, schreibt Stamm-Kuhlmann in der neuen Anti-Arndt-Publikation. „Es ist Arndts Wunsch, den Völkerhass zu verewigen, der unsere Ablehnung herausfordert, und sein fremdenfeindlicher Wunsch, das Volk rein von Vermischung zu halten.“ Arndts Überzeugung, die Deutschen seien ein biologisch überlegenes Volk, nennt Stamm- Kuhlmann als Arndts Alleinstellungsmerkmal in seiner Zeit.

Doch die Konfliktlinie im Arndt-Streit lässt sich längst nicht zwischen Greifswaldern auf der einen und Uni-Professoren auf der anderen Seite ziehen. Der Romanistik-Professor Reinhard Bach zählt zu jenen Wissenschaftlern, die Arndt vehement unterstützen. Er hat mehrfach über ihn publiziert. Bach bezeichnet Arndt als demokratischen Denker. „Nationales Denken im Deutschland des frühen 19.

Jahrhunderts ist vor allem Ausdruck einer Demokratisierung des politischen Denkens“, schreibt Bach (in: „Forschungen zur pommerschen Geschichte“).

Seit 20 Jahren tauschen Arndtbefürworter und Arndtgegner die Argumente aus. Dass die eine die andere Seite überzeugt, gilt längst als ausgeschlossen. Dafür wächst die Hoffnung, dass ein Weg gefunden wird, der ohne Verlierer auskommt.

Info: Die OZ berichtet ab 12.30 Uhr live von den Protesten und der Senatssitzung unter www.ostsee-zeitung.de

Der folgenreiche Formfehler bei der Abstimmung

Der damalige Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) höchstpersönlich soll es gewesen sein, der verfügte, die Ablegung des Namens zurückzuweisen. Acht Wochen lang hatte zuvor das Bildungsministerium geprüft. Die Wucht des Protestes hat auch die Landesregierung überrascht. Die Sorge war groß, dass der Streit einen Einfluss auf den Bundestagswahlkampf haben könnte.

Erstmals erklärte das Ministerium damit ein Abstimmungsverfahren für ungültig, das in der Form bereits seit dem Jahr 2011 an der Universität durchgeführt wird. Während der Januarsitzung hatte der erweiterte Senat über die Namensablegung abgestimmt.

Korrekt wäre gewesen, dass sich zunächst der Engere Senat mit dem Thema beschäftigt und den Antrag auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung platziert. Oder eben nicht. Dem Engere Senat gehören 22 Mitglieder an, darunter 12 Professoren. Durch die Mehrheit der Professoren kann eine Entscheidung dort durchaus anders ausfallen als im Erweiterten Senat. Dieser besteht aus 36 Mitgliedern. Je zwölf sind Studierende, Hochschulmitarbeiter und Professoren.

Bei der heutigen Abstimmung des Engeren Senats handelt es sich also um eineVor-Votum. Entschieden wird zunächst, ob der Antrag auf dessen Tagesordnung kommt und wann die Abstimmung sein soll.

Katharina Degrassi

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