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Nietzsche-Fan zog es nach Greifswald

Greifswald Nietzsche-Fan zog es nach Greifswald

Die Russin Dr. Ekaterina Poljakova arbeitet an einer wissenschaftlichen Karriere in Deutschland.

Greifswald. Für Greifswald und die deutsche Philosophie hat Dr. Ekaterina Poljakova eine feste Stelle an der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften in Moskau aufgegeben. Dort war die 39-Jährige am Institut für Anthropologie als Dozentin tätig. Geboren wurde die Wissenschaftlerin in Rostow am Don, studiert hat sie ab 1989 in Dorpat (Tartu, damals UdSSR, jetzt Estland), Die Liebe zur Philosophie, besonders zum Werk Friedrich Nietzsches (1844 bis 1900) war stärker als die materielle Sicherheit. Dank eines Käthe-Kluth-Stipendiums kann Poljakova intensiv forschen und an einer Hochschulkarriere in Deutschland arbeiten. Diese Stipendien vergibt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität, um Wissenschaftlerinnen den Weg zur Professur zu ebnen.

„Nietzsche war der vielleicht einflussreichste Philosoph des 19. Jahrhunderts“, sagt Poljakova. Ihm sei sie bei der Arbeit an ihrer Dissertation über ein literaturtheoretisches Thema wissenschaftlich begegnet, erzählt sie. „1998 habe ich sie verteidigt und im gleichen Jahr war ich vier Monate über den Deutschen Akademischen Auslandsdienst in Konstanz“, erzählt sie. „Ich habe mich sofort in die deutsche Kultur verliebt.“ Nächste Station war das Nietzsche-Archiv in Weimar. „Dort habe ich an den Greifswalder Professor Werner Stegmaier geschrieben“, erzählt Poljakova. „Er ist ja die Nummer eins der Nietzsche-Forscher.“ Es war der Anstoß für eine intensive Zusammenarbeit. Stegmaier lud sie nach Greifswald ein. Und Poljakova gab das erste Mal eine feste Stelle an der Moskauer Universität für eine ungewisse Zukunft auf.

Die letzten zehn Jahre hat Poljakova mit kurzen Unterbrechungen in Greifswald verbracht. Die ersten Monate in der international zusammengesetzten Forschergruppe um Stegmaier seien die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen.

Poljakovas Habilitation fußt auf der Beschäftigung mit Nietzsche, dessen Kritik an der Vernunft. 2011 hat sie die Arbeit „Differente Plausibilitäten: Kritik einer Moral aus Vernunft in deutsch-russischen Reflexionen“ vollendet. Dafür zog sie das Werk großer Schriftsteller wie Tolstoi und Dostojewski heran. Ein halbes Jahr nach der Rückkehr nach Moskau folgte sie der Verlockung des Kluth-Stipendiums und entschied sich gegen Moskau und für Greifswald. Es sei eine angenehme Stadt, in der man gut wissenschaflich arbeiten könne. Wenn die Sehnsucht nach der großen Stadt kommt, dann fährt sie nach Berlin zu ihrem deutschen Freund.

„In Russland gibt es anders als in Deutschland keine große wissenschaftliche Tradition in der Philosophie“, erzählt sie. Was sich Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, sei nach Gründung der Sowjetunion beendet worden. „Philosophie duldet keine Ideologie“, sagt sie. Im neuen Russland sei man zu ängstlich. Aber auch die Entwicklung in Deutschland beobachtet Poljakova skeptisch. „Es wird gegenwärtig an den Universitäten zu viel formalisiert“, meint sie. „Philosophie braucht Freiräume, um Neues zu wagen.“ Deutschland entwickele sich aber seit 2003 nicht zum Besseren. Der Wohlstand gehe zurück, die Straßen seien schmutziger geworden. Sehr kritisch sieht die Russin die Arbeit deutscher Ausländerbehörden. Die Behandelten die Menschen häufig schlecht, ist ihre Erfahrung.

Poljakova wird häufig auf Präsident Wladimir Putin angesprochen. „Die deutschen Medien berichten sehr einseitig“, kommentiert sie „Da wird schwarzgemalt. Putin ermöglicht erst die Entwicklung einer Zivilgesellschaft.“ Die sei gefährdet, die Frage Ordnung oder Freiheit stelle sich in Russland erneut. Der Wunsch nach einem starken Staat sei weit verbreitet. Und einer großen Mehrheit der Russen gehe es gut. Der demonstrierenden Opposition gehört ihrer Wahrnehmung weniger als ein Prozent der Bevölkerung an. „Mein Präsident war Boris Jelzin, der auf Gorbatschow folgte“, ergänzt sie. „Er brachte den Wind der Freiheit und glaubte an Russland als europäisches Land.“

Philosopie braucht Freiheit.“Ekaterina Poljakova

Eckhard Oberdörfer

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