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Ostvorpommern Ausgezeichnet, Frau Müller!
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00:00 29.09.2017
Ingrid Müller liebt das über 250 Jahre alte Pfarrhaus Neuenkirchen – und hält es vormittags für Besucher offen. Quelle: Foto: Sybille Marx
Neuenkirchen

Ein Gast brachte es mal ungewollt auf den Punkt: welche Anstellung Ingrid Müller in der evangelischen Kirchengemeinde Gristow-Neuenkirchen eigentlich habe: 50 oder 100 Prozent? Pastor Volker Gummelt lacht, wenn er davon erzählt. Denn Ingrid Müller, eine kleine, fast 80-jährige Frau mit warmen grünen Augen und einem offenen Lächeln, ist gar nicht bei der Kirche angestellt. Sie arbeitet nur so, als wäre sie es.„150 Prozent, ehrenamtlich“, sagt Gummelt. Da erscheint es nur gerecht, dass man dieser Frau am Sonntag das Ansgarkreuz ansteckte – die höchste Auszeichnung der Evangelischen Nordkirche für Ehrenamtliche.

Die Auszeichnung: Das Ansgarkreuz

Das Ansgarkreuz, die höchste Auszeichnung der Nordkirche für Ehrenamtliche, wird jenen Gemeindemitgliedern verliehen, „die durch großen persönlichen Einsatz in der kirchlichen Arbeit, vorbildliche Förderung der Kirche, ihrer Werke und Einrichtungen sowie durch beispielhaftes Eintreten für einen tätigen christlichen Glauben in der Öffentlichkeit hervorgetreten sind.“

Allein die Menge ihrer Mitgliedschaften in Gruppen und Kreisen verblüfft: Ingrid Müller leitet einen Frauenkreis in der Kirche, arbeitet seit 1997 im Kirchengemeinderat mit, gehört zur Frauenhilfe, zum Besuchsdienst für Ältere, zum Neuenkirchener Glockenverein und dem Verein zum Erhalt der Gristower Kirche. Sie hilft bei der Betreuung von vier kirchlichen Friedhöfen, bereitet die alte Backsteinkirche Neuenkirchen für Gottesdienste vor, hält das Gemeindezentrum im alten Pfarrhaus für Besucher offen, organisiert Jubiläumskonfirmationen... Kurz: Ihr Alltag ist auf Kirche getaktet.

„Ich mache alles, was anfällt und was ich kann“, sagt sie.

Im Ortsteil Leist ist Ingrid Müller zu Hause, jeden Morgen fährt sie mit dem Auto nach Neuenkirchen, um das Pfarrhaus offen zu halten. Um Schreibtischarbeiten drängt sie sich nicht, „aber ich mag die Begegnungen mit Menschen“, sagt sie. Das Gefühl, anzupacken und ein buntes Kirchenleben zu fördern. „Kirche ist meine zweite Heimat, die gehört für mich einfach zum Leben dazu.“

In einem christlichen Elternhaus in Hinterpommern war Ingrid Müller aufgewachsen, als Achtjährige floh sie im April 1946 mit ihrer Mutter und Verwandten. In einem Dorf in Schleswig-Holstein wurde sie groß, erlebte dort und später in einer Kleinstadt eine Kirche, die mit der Kommune eng verwoben war und ganz selbstverständlich zum Alltag aller gehörte.

Als ihr Mann 1992 nach Vorpommern ging, um als Jurist das Oberverwaltungsgericht mit aufzubauen, und die zwei Kinder schon aus dem Haus waren, ging Ingrid Müller mit – und automatisch davon aus, dass auch hier die Kirche eine große Rolle spiele. „Erst nach einer Weile habe ich gemerkt, dass das gar nicht stimmt“, erzählt sie lachend. Dass die DDR zu einem Traditionsabbruch geführt hatte.

Grund zum Resignieren war das für sie nicht. Ingrid Müller, die sich als Hausfrau immer ehrenamtlich engagiert hatte, gründete den Frauenkreis in der Kirchengemeinde. Heute glauben viele, dass sie schon immer in der Region lebte, und dem Frauenkreis gehören fast 20 Frauen an, die für Gemeindefeste oder Jubiläumskonfirmationen Kuchen backen, mit Basaren Spenden sammeln, zum Kirchenputz weitere Helfer holen... „Frau Müller ist bei allem mit so großer Selbstverständlichkeit dabei, dass es andere mitzieht“, erzählt Pastor Volker Gummelt. „Das hat dazu beigetragen, dass wir heute ein sehr lebendiges Gemeindeleben haben.“

Auch im Seniorenbeirat der Kommune arbeitet Ingrid Müller mit, ist bekannt als sehr engagierte Frau, die viele gute Ideen einbringt. „Außerdem besucht sie viele Ältere und kennt praktisch jeden“, sagt die Vorsitzende, Dr. Gisela Dedek.

Aufmerksam gehe sie mit anderen Menschen um, schwärmt Pastor Gummelt. Etwa, wenn sie Anfragen für Grabstellen auf den Friedhöfen entgegennimmt. „Da kann ich mich auf ihr Gespür verlassen.“ Einmal sei zum Beispiel ein Witwer gekommen und habe erklärt, er wolle seine verstorbene Frau anonym bestatten lassen. Ingrid Müller lächelt, wenn sie sich daran erinnert: „Ich habe ihn angesehen und gesagt:

Das wollen Sie doch gar nicht. Passen Sie mal auf, wir gehen jetzt zusammen zum Pastor.“ Nach dem Gespräch habe der Mann ganz erleichtert eine klassische Grabstelle für seine Frau gewählt, nun sei er oft auf dem Friedhof anzutreffen, ebenso in Gottesdiensten. „Und neulich hat er gesagt: Ich freue mich sehr, dass Sie das Ansgarkreuz kriegen. Sie haben das ja so verdient!"

Sybille Marx

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