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„Lieber Unbekannter“: Seelsorge per E-Mail

Greifswald „Lieber Unbekannter“: Seelsorge per E-Mail

Tausende in Deutschland nutzen solche Angebote im Netz / Ein Greifswalder Ehrenamtler erzählt, wie er Ratsuchenden hilft

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Wie alle E-Mail-Seelsorger der Ökumenischen Telefonseelsorge soll Manfred Hille aus Greifswald anonym bleiben.

Quelle: Sybille Marx

Greifswald. Es gibt E-Mails, die Seelsorger Manfred Hille durch Mark und Bein gehen. Zum Beispiel die, als ihm jemand nur vier Sätze schrieb, vier Sätze mit der einen Botschaft: Ich trinke mich zu Tode. Hille, der als ehrenamtlicher Seelsorger bei der Ökumenischen Telefonseelsorge Vorpommern in Greifswald arbeitet, antwortete damals schnell und engagiert. Doch wie er später auf dem Seelsorge-Portal sah, holte der Ratsuchende seine Nachricht nie ab.

Ihre Zeilen klingen so einsam, gibt es niemanden, der Ihnen nahe ist?“Seelsorger Manfred Hille in einer E-Mail

Das gehört zu den Besonderheiten der E-Mail-Seelsorge: dass Hille die Wirkung seiner Worte nicht direkt miterlebt. Dass seine Worte möglicherweise nie ankommen. „Aber vielleicht war schon das Schreiben der Mail an sich heilsam oder hilfreich", hofft er dann.

Vor rund 20 Jahren schickte die Ökumenische Telefonseelsorge, getragen von der evangelischen und katholischen Kirche, erste E-Mail-Seelsorger an den Start. Mehr als 6000 Menschen nutzen dieses Angebot inzwischen pro Jahr, vor allem jüngere. Und es gibt weitere Seelsorge-Portale im Netz.

Anonymität wird dabei großgeschrieben. Die Absenderadresse des Ratsuchenden bleibt für den E-Mail-Seelsorger unsichtbar, umgekehrt ist es genauso. Auch Manfred Hille heißt in Wirklichkeit ganz anders. Alles Versuche, die Hemmschwelle für die Ratsuchenden so klein wie möglich zu halten.

Die Statistik zeigt: In 99,2 Prozent der Fälle kommt nach der ersten Mail wirklich ein Gespräch in Gang. Liebeskummer, Stress in der Familie, Trauer, Sucht, Essstörungen, Schuldgefühle und Todessehnsucht seien Themen, erzählt Hille, manchmal aber auch nur die Suche nach einer Wohnung.

Natürlich: Nie kann der ehrenamtliche Seelsorger wissen, wer ihm da Nachrichten tippt. Vielleicht ist die angeblich junge Frau in Wirklichkeit ein Mann Mitte 50. „Am Telefon würde ich so was hören“, sagt Hille. Er würde auch hören, ob der Ratsuchende weint, aufgebracht ist oder alkoholisiert. „Aber ich habe gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen“, sagt er. Und was Hille dort findet, macht er zum Thema. Wie neulich bei der Frau, die sich nach einem Schwangerschaftsabbruch an ihn wendete. „Ihre Zeilen klingen so einsam“, schrieb er ihr. „Gibt es niemanden in Ihrem Umfeld, der Ihnen nahe ist, Sie sehen kann, der Sie trösten und stützen kann in dieser Zeit?“

Anders als bei der Ökumenischen Telefonseelsorge, bei der ein Ratsuchender mit jedem Anruf neu vermittelt wird, landen die E-Mails von Hilles Klienten immer wieder bei ihm. „So kann die Seelsorge auch begleitenden Charakter haben“, sagt er. Wie damals bei dieser Frau, die sich das Leben nehmen wollte: „Wir haben fast ein halbes Jahr lang gemailt.“

Dass ein E-Mail-Seelsorger Zeit hat, über seine Sätze nachzudenken oder auch mal etwas nachzulesen, empfindet Hille als großen Vorteil. Vor 17 Jahren hat er eine Ausbildung bei der Ökumenischen Telefonseelsorge Vorpommern gemacht, sich über Monate hinweg mit zentralen Lebensthemen auseinandergesetzt, Gesprächsmethoden gelernt, reflektiert, was andere bei ihm auslösen. „Als E-Mail-Seelsorger kann ich zusätzlich die Ressourcen des Internets nutzen“, sagt er. Etwa die Adressen von Selbsthilfegruppen verschicken, unbekannte Begriffe googeln oder auch mal Liedtexte von Bands in eine Antwortmail kopieren.

Nur eins vermisst er manchmal: dass er mit den Ratsuchenden nicht schweigen kann. Einfach nur da sein und schweigen. „Wie soll man das in einer Mail ausdrücken?“

• www.telefonSeelsorge.de

Sybille Marx

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