Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Rote Karte für zu lange Reden

Rote Karte für zu lange Reden

Greifswalder Frauenbeirat veranstaltet Podiumsdiskussion mit Landtagskandidaten / 40 Interessenten kamen

Voriger Artikel
Außenminister: Ukrainistik für Außenpolitik notwendig
Nächster Artikel
Neuer Antrag aus Wrangelsburg

Im Podium nahmen am Dienstagabend folgende Kandidaten für die kommende Landtagswahl MV Platz (v.l.): Nikolaus Kramer (AfD), Egbert Liskow (CDU), Christian Pegel (SPD), Mignon Schwenke (Die Linke), Ulrike Berger (Grüne) und David Wulff (FDP). Ins Rathaus hatte der Greifswalder Frauenbeirat eingeladen.

Quelle: Petra Hase

Greifswald Politiker reden häufig gern und lang, ob auf kommunaler oder Bundesebene. Doch die Menschen im Land wollen keine Phrasen, sondern kurze, klare Antworten auf drängende Fragen. Der Greifswalder Frauenbeirat, der am Dienstagabend zu einer Podiumsdiskussion Kandidaten der Landtagswahl MV eingeladen hatte, stellte deshalb harte Regeln auf. „Nach einer Minute Redezeit sehen Sie die Gelbe Karte, nach anderthalb Minuten die Rote. Dann entziehe ich Ihnen das Wort“, kündigte Moderatorin Antonia Lenz den sechs Gästen an und zog das im Laufe des Abends auch durch.

Auf dem Podium Platz genommen hatten Nikolaus Kramer (Alternative für Deutschland), Egbert Liskow (CDU), Christian Pegel (SPD), Mignon Schwenke (Die Linke), Ulrike Berger (Grüne) und David Wulff (FDP).

Sechs Themenkomplexe mit je zwei, drei Fragen hatte der Ende 2015 gegründete Frauenbeirat für die Veranstaltung mit dem Titel „Politik für MV. Politik für Frauen“ erarbeitet. Auch einige der etwa 40 interessierten Gäste nutzten die Chance der Meinungsäußerung. Die OZ beschränkt sich auf eine Auswahl. Los ging es mit der

Bildungspolitik:

Was halten Sie von den Maßnahmen zur Umsetzung des inklusiven Schulsystems in MV? (Inklusion: normal begabte Kinder lernen gemeinsam mit förderbedürftigen Schülern, Anm. d. Red.) „Inklusion ist für uns nicht nur Pflicht, sondern große Lust“, versicherte Ulrike Berger. Trotzdem haben die Grünen den im April im Landtag beschlossenen „Inklusionsfrieden“ nicht mitgetragen, weil sie teilweise anderer Meinung seien. Ein Streitpunkt: „Es werden zu wenig Lehrerstellen geschaffen. Das war auch eine Aussage der Expertenkommission“, betonte Landtagsmitglied Berger.

David Wulff findet Inklusion ebenfalls gut. Neben den personellen müssten dafür aber auch die baulichen Voraussetzungen geschaffen werden, was Greifswald beispielsweise mit der Fischerschule auf den Weg bringe. Am Ende sei alles „eine Frage der Prioritätensetzung bei den Finanzen“, sagte der FDP-Kreisvorsitzende.

Mit dem Inklusionsfrieden sei „bis 2023 eine gewisse Kontinuität geschaffen worden – egal, wie die Wahlen ausgehen“, betonte Christian Pegel. Das Bildungsressort gebe eine Menge zusätzliches Geld ins System. „Doch wir wollen auch in Zukunft nicht komplett inkludieren, die Chance auf eine besondere Schule soll es weiter geben“, so der Energieminister.

„Uns ist wichtig, dass jedes Kind die Förderung erhält, die es benötigt. Das schließt Hochbegabte ein“, sagte Landtagsmitglied Mignon Schwenke und erklärte: „Wir haben ein tragfähiges Konzept, darauf müssen wir aufbauen.“

„Körperliche Handicaps dürfen kein Hinderungsgrund sein, in einer Regelschule zu lernen. Als AfD halten wir es aber für einen Irrweg, jeden zum Abitur zu führen“, erklärte Bürgerschaftsmitglied Nikolaus Kramer und sorgte für Irritation. Denn Abitur für alle ist bislang kein Thema. Landtagsmitglied Egbert Liskow befürwortet das gemeinsame Lernen von starken und förderbedürftigen Schülern:

„Aber wir dürfen Inklusion nicht gegen den Elternwillen machen.“

Arbeit und

Geschlechtergerechtigkeit

war Themenschwerpunkt Nummer zwei am Abend. Eine der Fragen lautete: Wie bewerten Sie die immer noch vorherrschende Lohnungleichheit in Deutschland?

„Jedes Jahr bis März werden die Frauen nicht bezahlt. Das ist ein Skandal“, kritisierte Mignon Schwenke und forderte: „Frauen dürfen sich diese Ungleichbehandlung nicht länger gefallen lassen.“

Auf Landesebene sei da schwer etwas zu bewegen, meinte Christian Pegel, „doch mit Manuela Schwesig haben wir jemanden, der das Thema auf Bundesebene aktiv vorangetrieben hat.“ Nikolaus Kramer sagte:

„Solange die Entlohnung ein Tabuthema ist, solange wird es unterschiedliche Bezahlung geben. In MV werden die sozialen Berufe zu schlecht bezahlt.“

„Daran muss gearbeitet werden“, fordert auch Egbert Liskow. Das Problem seien kleine Unternehmen – „da kriegen wir auch mit einer Gesetzgebung keine Transparenz hin.“ David Wulff möchte die gar nicht: „Ich warne davor zu fordern, alle sollen die Löhne offenlegen. Das wäre ein zu starker Eingriff in die Privatwirtschaft“, sagte er. Ulrike Berger denkt darüber anders: „Ich bin für Transparenz nach dem skandinavischen Vorbild.“ Dort könne man sehen, welche Erfolge damit möglich seien.

Die Podiumsgäste wurden mehrfach mit Aussagen aus dem AfD-Programm konfrontiert, darunter: „Ein falsch verstandener Feminismus schätzt einseitig Frauen im Erwerbsleben, nicht aber Frauen, die ,nur’ Mutter und Hausfrau sind.“

Ulrike Berger verurteilt diese Denkweise: „Das ist populistische Mottenkiste. Die AfD spielt mit den Ängsten der Männer vor Hausarbeit, vor Kindererziehung und Machtverlust im Beruf.“ Und Mignon Schwenke erklärte: „Es darf sich keine Frau ein schlechtes Gewissen einreden lassen, nur weil sie Kinder geboren hat und trotzdem arbeiten gehen möchte.“ Christian Pegel findet, „dass diese Zeilen von der gesellschaftlichen Realität längst überholt sind. Ich will, dass sich jeder selbst entscheiden kann – Frauen und Männer.“

„Ich bin der Meinung, dass man alle Lebensentwürfe gleichberechtigt betrachten muss. Der Standardtyp ist aber immer noch Mutter, Vater, Kind“, ist Egbert Liskow überzeugt. Wer sich aber für eine andere Art von Familie entscheidet, dürfe keine Benachteiligung erfahren, fordert David Wulff und betonte: „Ich möchte nicht, dass sich da Politik einmischt.“ Nikolaus Kramer ist „auch für Individualität. Uns wird oft vorgeworfen, dass wir fordern: ,Heimchen an den Herd’. Das ist aber überhaupt nicht so“, wehrte er derlei Angriffe ab. „Jeder soll für sich selbst entscheiden, ob ihm Beruf und Karriere oder das Zuhause wichtig ist“, sagte er.

Ein anderer Fragenkomplex drehte sich um den Kulturraum Greifswald , wobei Moderatorin Ruth Terodde von den Kandidaten wissen wollte: Wie können Land und Kommunen eine ausreichende Finanzierung der kulturellen Angebote erreichen? „Im letzten Doppelhaushalt wurden zwei Millionen Euro mehr für die Kultur eingestellt. Man muss erst mal sehen, wie sich die zusätzliche Förderung auswirkt. Bei den Theatern sind wir alle nicht glücklich. Ansonsten ist es immer ein Verteilungskampf“, sagte Egbert Liskow.

David Wulff betrachtet Kultur „nicht als Bespaßung, sondern als Wirtschaftsfaktor“. Deshalb sei für ihn denkbar, dass der Bereich mehr denn je mit Unternehmen kooperiere und auch Mittel aus dem Wirtschaftsministerium erhalte. Erst die Kultur mache das Menschsein aus, sagte Mignon Schwenke. „In Greifswald haben wir ein ordentliches Angebot“, doch im ländlichen Raum lasse es zu wünschen übrig. „In diesem Bereich darf man nicht alles dem Ehrenamt überlassen“, fordert sie.

Nikolaus Kramer schlägt vor, dass sich Kulturschaffende in der Wirtschaft Kooperationspartner suchen, um zusätzliche Mittel einzuwerben. Die Theaterlandschaft müsse erhalten werden, „aber Rockkonzertbesucher bekommen ja auch keine subventionierten Karten“, gab er zu bedenken.

Ulrike Berger ärgert sich, dass das von den Grünen entwickelte Alternativmodell zu den Theatern in den Regierungsparteien kein Gehör fand: „Bei der Theaterreform ist momentan nur eines sicher – die Finanzierungslücke.“

Christian Pegel geht „allen Unkenrufen zum Trotz davon aus, dass es bei den Theatern eine Dynamisierung (jährlich steigende Fördermittel, Anm. d. Red.) und eine Rückkehr zur Tarifbindung für die Mitarbeiter geben wird. Und ich denke, dass wir künftig weiter alle Standorte bespielen, die wir zurzeit haben“.

Frauen in der Politik

war der letzte Themenkomplex, zu dem sich die Kandidaten äußern sollten. Ihr Anteil im Landtag von MV liegt bei 28 Prozent, in der Greifswalder Bürgerschaft bei 20 Prozent. Auf die Frage, welche Barrieren einer adäquaten Beteiligung von Frauen in der Politik entgegenstehen, hatte Mignon Schwenke eine kurze Antwort: „Männer sind Platzhirsche, das ist nun mal so.“ Die Linke versuche, über Quoten eine bessere Frauenbeteiligung zu erzielen. „Trotzdem ist es kurios: Bevor eine Frau bei uns ein Amt antritt, wird sie gefragt, ob sie das mit ihrer Familie vereinbaren könne.

Männer hören diese Frage nie.“

Petra Hase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Politik
Verlagshaus Greifswald

Johann-Sebastian-Bach-Str. 32
17489 Greifswald

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag
10.00 bis 17.00 Uhr
Freitag
10.00 bis 15.30

Leiterin Lokalredaktion: Katharina Degrassi
Telefon: 0 38 34 / 79 36 74
E-Mail: greifswald@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Physik,Kernphysik,Wendelstein,Plasmaphysik,Atome Teaser der den User auf die Themenseite führen soll image/svg+xml Image Teaser Wendelstein 7-X 2015-09-23 de Themenseite Wendelstein 7-X In der Fusionsanlage des Max-Planck-Instituts in Greifswald wird erforscht, ob sich die Kernfusion zur Energiegewinnung eignet. Hier finden Sie Artikel, Videos und viele weitere Informationen zum Thema.
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.