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Uni-Rektorin Weber: Lehren aus der Arndt-Debatte ziehen

Greifswald Uni-Rektorin Weber: Lehren aus der Arndt-Debatte ziehen

Johanna Weber, Rektorin der Universität Greifswald, fordert den Senat der Universität auf, Lehren aus der vergangenen Debatte um Ernst Moritz Arndt (1769-1860) zu ziehen. Im OZ-Interview spricht sie auch über die wirtschaftlichen Probleme.

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Johanna Weber, Rektorin der Universität Greifswald, spricht im OZ-Interview über die Namensdebatte der Uni, die wirtschaftlichen Probleme und die sinkenden Studierendenzahlen.

Quelle: Till Junker

Greifswald. OZ: Sie haben die Ablegung des Namens Ernst Moritz Arndt mit Blick auf die Weltoffenheit der Uni unterstützt. Jetzt kritisieren sie den neuen Anlauf mit Verweis auf drängendere Probleme der Universität. Was hat Sie zum Umdenken bewogen?

Johanna Weber: Das ist kein Umdenken. Meine Position als Rektorin war und ist es, die Entscheidung des Senats zu respektieren. Der Senat hat das Recht, über den Namen der Universität als Teil der Grundordnung zu entscheiden, und an dieses Votum fühle ich mich gebunden. Der neue Antrag ist insofern verständlich, da das Verfahren wegen eines Formfehlers nicht abgeschlossen werden konnte.  Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass bei einem Wiederaufgreifen der Diskussion der aktuelle politische Kontext beachtet wird. Die Universität befindet sich derzeit in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, in der wir auf die politische Unterstützung des Landes angewiesen sind. Wir fordern vom Land, die im kommenden Doppelhaushalt geplanten Kürzungen zurückzunehmen. In dieser Situation sollten die primären Aufgaben der Universität, nämlich Forschung und Lehre, im Vordergrund stehen.

OZ: Der Zeitpunkt für den Antrag ist also ungünstig?

Weber: Ja. Ich würde mir vor allem auch wünschen, dass sich der Senat vor einer erneuten Entscheidung mit der bisherigen Debatte auseinandersetzt, und sich die Frage stellt, welche Lehren aus der vergangenen Diskussion gezogen werden können. Es gab beispielsweise Vorschläge für Kompromisse.

OZ: Sie meinen den Vorschlag, dass die Universität den Namen behält, aber jeder die Möglichkeit hat, auf offiziellen Dokumenten auf den vollen Namen zu verzichten?

Weber: Zum Beispiel. Die Universität Heidelberg trägt einen Namenszusatz, der aber nicht auf dem Briefkopf steht. Solche Möglichkeiten könnten geprüft werden. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht exakt dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Immerhin haben wir aus der Diskussion hinzugelernt und könnten eine um neue Vorschläge gereiftere Diskussion führen. 

OZ: Während der Debatte mussten Senatsmitglieder und das Rektorat viele Anfeindungen aushalten. Was ist da genau passiert?

Weber: Die Anfeindungen kamen über alle Kanäle, über Briefe, Emails, Facebook, es gab wirklich schlimme Beleidigungen und Drohungen. Einigen studentischen Senatoren wurde sogar Gewalt angedroht.

OZ: Was müsste konkret passieren, damit die Debatte diesmal sachlicher wird?

Weber: Das liegt nur zum Teil in den Händen der Universität und des Senats. Es wäre aber sehr gut, wenn auch diese Frage im Senat diskutiert würde. 

OZ: Sie haben die wirtschaftlichen Probleme der Universität ins Feld geführt. Ab kommendem Jahr müssen die Hochschulen im Land erstmals einen bestimmten Prozentsatz als Rücklage zurückstellen. Dagegen protestieren Sie. Wie stehen Ihre Hoffnungen?

Weber: Alle Hochschulen sind im Moment im Gespräch mit den politischen Entscheidungsträgern. Der Landtag wird über den Haushaltsentwurf entscheiden. Wir haben mit unserem Protest immerhin bewirkt, dass wir unter anderem im Bildungsausschuss des Landtages angehört werden. Dafür sind wir dankbar und hoffen, dass unsere Kritik Gehör findet.

OZ: Die Bildungsministerin und der Finanzminister weisen Ihre Kritik in Bezug auf die Rücklagen zurück. Sie sagen, es sind die Hochschulen selbst, die seit Jahren viel Geld auf die hohe Kante legen. Weber: Dabei handelt es sich weitgehend um gebundene Rücklagen. Die Mittel werden beispielsweise für ganz konkrete Forschungsprojekte zurückgestellt oder für Maßnahmen zum Bauunterhalt, die im aktuellen Haushaltsjahr noch nicht verausgabt wurden, aber bereits beschlossen und fest vorgesehen sind. Was das Finanzministerium nun fordert, sind ungebundene Rücklagen, die wir aus den laufenden Mitteln aufbringen müssen. Bis 2019 geht es um fünf Prozent. Das entspricht einer faktischen Kürzung um 3,4 Millionen Euro. Neu sind außerdem Regelungen, die uns verpflichten, für zusätzlich geschaffene Stellen Geld zurückzulegen. Wir dürfen in kleinem Umfang über den vereinbarten Stellenplan hinaus zusätzliche Stellen einrichten, die wir jedoch aus dem laufenden Haushalt finanzieren müssen. Künftig ist vorgesehen, dass wir für jede Stelle fünf Jahresgehälter zurücklegen müssen. Das entzieht dem Haushalt weitere 6,7 Millionen Euro.

OZ: Wofür benötigen Sie diese zusätzlichen Stellen?

Weber: Wir benötigen sie für zusätzliche Aufgaben, die sich in den Hochschulen stellen. Ein Beispiel ist das Prüfungsamt. Durch die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master hat sich die Zahl der Prüfungen deutlich erhöht. Dazu brauchen wir zusätzliche Stellen. Andere Beispiele sind Aufgaben, die sich im Rahmen der Digitalisierung ergeben, oder bei der stärkeren Internationalisierung. 

OZ: Wenn die Pläne des Ministeriums so bleiben wie sie sind, fehlen Ihnen zehn Millionen Euro. Wo müssten Sie dann sparen?

Weber:  Die neuen Regelungen führen insgesamt dazu, dass mindestens 22 Prozent der laufenden Sachaufwendungen im Grundhaushalt beziehungsweise 42 Promotionsstellen pro Jahr der Bewirtschaftung entzogen werden. Die dann fehlenden Sachmittel betreffen beispielsweise Mittel für studentische Hilfskräfte, Anschaffungen oder den Bibliotheksetat. 

OZ: Was erhoffen Sie sich durch die Anhörung in Schwerin?

Weber: Unsere Hoffnung ist, dass die vorgesehene Rücklagenbildung komplett rückgängig gemacht wird. Mindestens ist erforderlich, dass die Höhe der Rücklagen deutlich reduziert wird.

OZ: Welche Bauvorhaben sind in den kommenden Jahren vorgesehen?

Weber: Wir bewegen uns im aktuellen Bauzyklus bis 2020. Bis dahin schließen wir unser derzeit größtes Projekt, den geisteswissenschaftlichen Campus Loefflerstraße, weitgehend ab. Darüber hinaus steht endlich der Neubau des Rechenzentrums an und eine Reihe weiterer Maßnahmen.

OZ: Ist der Sanierungsstau aus Ihrer Sicht dann größtenteils abgearbeitet?

Weber: Nein, wir haben weitere wichtige Projekte wie die Sanierung der Gebäude in der Jahnstraße vor uns. Außerdem müssen die Gebäude in der Domstraße 9/10 und Domstraße 14 saniert werden, ebenso die Alte Physik. All diese Projekte können wir ab 2020 angehen. Voraussetzung ist aber, dass erneut ausreichend Mittel im Land für den Hochschulbau vorgesehen werden.

OZ: Die Studierendenzahlen bewegen sich nur noch knapp über die 10.000er Grenze, derzeit sind es 10.460 Studierende. Müssen wir uns dauerhaft auf weniger einstellen?

Weber: Das hängt auch davon ab, wie attraktiv der Standort Greifswald bleibt. Wir gehen in den kommenden Jahren gegen den demografischen Trend an. Die Zahl der Studienberechtigten wird abnehmen, besonders in den neuen Bundesländern. Wir werden noch mehr auf Studierende aus den anderen Bundesländern angewiesen sein, als wir es jetzt bereits sind. Nur noch knapp 23 Prozent unserer Erstsemester kommen aus Mecklenburg-Vorpommern. Unser Standort und die Studienangebote müssen für alle Bundesländer attraktiv sein.

OZ: Wie wollen Sie das schaffen?

Weber: Indem wir interessante Studienfächer bieten. Begehrt sind zum einen Klassiker wie Medizin, Psychologie, Jura, Politik- und Kommunikationswissenschaften oder Biologie. Wir haben aber auch Fächer, die neu und zukunftsträchtig sind und bundesweit selten angeboten werden, wie beispielsweise der Bereich der Landschaftsökologie oder die neuen Studiengänge Management und Recht oder Medizinphysik. Wichtige Standortkriterien sind auch die Studienbedingungen und die Lebensqualität in Greifswald.

OZ: Hat der Name der Universität Einfluss auf die Studierendenzahlen? Weber: Darauf gibt es weder Hinweise noch wurden je Befragungen dazu durchgeführt.

Katharina Degrassi

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