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Greifswald Post ins Jenseits: Stadtwerke schicken Rechnungen an Toten
Vorpommern Greifswald Post ins Jenseits: Stadtwerke schicken Rechnungen an Toten
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00:00 27.09.2016

Die Stadtwerke Stralsund (SWS) verschicken offenbar Rechnungen an Verstorbene bzw. deren Hinterbliebene. Monatelang hat Erika M.* von dem lokalen Energieversorger Post bekommen. Zuletzt vor wenigen Tagen, als die Stadtwerke gar mit der Einstellung der Stromversorgung gedroht haben sollen. „Ich habe Verständnis dafür, dass die Stadtwerke irgendwie an ihr Geld kommen müssen. Was mich jedoch stört, ist, wie pietätlos dies geschieht und mit welcher Ignoranz mit den Klärungsversuchen umgegangen wird“, sagt die Stralsunderin.

Durch den Automatisie- rungsprozess unseres Abrech- nungssystems bekam

die Tochter mehrfach Mahnungen zugestellt.“Tarke Kreißel,

Marketingleiter der SWS

Vor knapp anderthalb Jahren verstarb ihr Vater. „Als ältestes Kind oblag mir die Pflicht, jegliche Versicherungen, Firmen etcetera mit einer Kopie der Sterbeurkunde darüber in Kenntnis zu setzen“, berichtet die 30-jährige Frau. So auch die Stadtwerke, deren Kunde ihr Vater gewesen ist.

Doch als sei der tragische Verlust eines geliebten Menschen nicht schon schlimm genug, erhielt sie in den folgenden Monaten immer wieder Post an ihre Adresse, namentlich adressiert an ihren toten Vater. Rechnungen, Mahnungen und immer wieder die Erinnerung an den schlimmen Verlust. Die Rechnungen bezahlen konnte sie freilich nicht. „Mehrfach habe ich daraufhin den SWS telefonisch mitgeteilt, dass das Erbe ausgeschlagen wurde und die Rechnungen nicht beglichen werden können.“ Außerdem bat sie darum, keine weiteren, an ihren Vater adressierten Schreiben an sie zu senden. Bei den Stadtwerken sei ihr versichert worden, die Bitte festzuhalten. Allerdings sei auch mitgeteilt worden, dass der Versand der Rechnungen nicht gestoppt werden könne, so lange nicht die Information über den Tod vonseiten der Wohnungsgesellschaft vorliegt. „Das war extrem belastend. Es schien die Sterbeurkunde als Nachweis noch nicht ausreichend, obgleich zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar war, dass sich am Zustand des Todes vermutlich nichts mehr ändern ließe“, so Erike M. verbittert.

Sie versuchte, die Schreiben zu ignorieren, doch jeder neue Brief schaffte es, „meinen Verdrängungsprozess brutal zu unterbrechen.“ Mitte des Jahres habe sie schließlich eine E-Mail an die Stadtwerke geschrieben. Erneut war ihr zugesichert worden, sich des Problems anzunehmen. „Diesmal schien es tatsächlich abgeschlossen“, so M. erleichtert. Bis vor wenigen Tagen, als die Stadtwerke mit der Einstellung der Versorgung mit Strom drohten.

„Wir bedauern den Tod unseres Kunden sehr und sind bemüht, den Schriftverkehr mit den Angehörigen auf das erforderliche Maß zu beschränken“, heißt es auf Nachfrage von den Stadtwerken Stralsund. Der Energieversorger habe keine Kenntnis darüber gehabt, wie die Wohnung des Verstorbenen weiter genutzt werden sollte. „Nur aus der Übersendung der Sterbeurkunde konnten wir keine Informationen über die Weiterführung des Wohnverhältnisses und der daraus resultierenden Nutzung unserer Versorgungsmedien ableiten“, sagt Tarik Kreißel, Chef der Marketingabteilung der Stadtwerke. Erika M. sei um Übersendung des Wohnungsübergabeprotokolls gebeten worden. Das sei nicht geschehen. Eine Abrechnung sei deshalb nicht möglich gewesen. „Durch den Automatisierungsprozess unseres Abrechnungssystems bekam die Tochter des Verstorbenen mehrfach Mahnungen zugestellt“, so Kreißel.

Fehlt die Kenntnis über die Erben oder Angehörigen, die die Wohnung nutzen, „haben wir keine andere Möglichkeit und wir müssen den Schriftverkehr weiter an den Toten adressieren.“ Eine gesetzliche Informationspflicht der Behörden über den Tod eines Kunden gibt es nicht. Nach den gesetzlichen Regelungen haften die Erben für die Forderungen.

Mittlerweile ist das Mahnverfahren durch die Stadtwerke gestoppt worden. „Die Forderung aus der Jahresverbrauchsabrechnung wurde ausgebucht. Somit ist das Vertragsverhältnis unsererseits beendet worden“, so Tarik Kreißel. Erika M. hofft nun, dass sie nicht weiter durch regelmäßige Post an den Tod ihres Vaters erinnert wird.

Das Firmen oder Behörden Tote anschreiben, kommt offenbar immer wieder vor. Anfang September hatte die Stadtverwaltung Ribnitz-Damgarten offenbar in zwei Fällen Verstorbene angeschrieben, um die Fremdenverkehrsabgabe einzufordern.

* Name der Redaktion bekannt

Robert Niemeyer

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