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Greifswald Pro und Kontra zur Arndt-Debatte
Vorpommern Greifswald Pro und Kontra zur Arndt-Debatte
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10:20 08.03.2017
Pro und Kontra zur Arndt-Debatte. Im Bild: Alexander Loew (links), Geschäftsführender Redakteur der OSTSEE-ZEITUNG, Kai Lachmann (rechts), Redakteur der Greifswalder OZ-Redaktion. In der Mitte: Ein Gebäude der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald. Quelle: Montage Benjamin Barz

Pro: Ein großer Sohn seiner Zeit

Von Alexander Loew

Ich bin selbst Absolvent der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, habe hier als Student auch zum Rechtsextremismus geforscht und mich in Beiträgen gegen Neonazis positioniert. Doch der missionarische Eifer der Gegner von Arndt, mit dem sie den umstrittenen Schriftsteller aus Namen und Bewusstsein der Hochschule tilgen wollen, hat mich stets befremdet. Weil Arndts Leben und Wirken vor 200 Jahren eben nicht nur mit den hohen moralischen Maßstäben von heute gemessen werden darf.

Deshalb ist es gut, dass die Entscheidung von Bildungsministerin Hesse ein Durchatmen im Namensstreit ermöglicht. Der Senat muss nicht mehr auf sein schnelles, internes Votum gegen Arndt beharren (die wuchtigen Proteste haben die Mitglieder selbst überrascht). Er kann nun eine breite Debatte entfachen. Am besten wäre es, wenn Uni-Angehörige und Bürger abstimmen dürfen.

Arndt war unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege Franzosenfeind und er war Antisemit – wie leider viele wichtige Personen seiner Zeit. Er profilierte sich aber Anfang des 19. Jahrhunderts auch als einer der führenden Demokraten, kämpfte gegen Pressezensur und Leibeigenschaft, stritt für unabhängiges Recht und Schulbildung.

Insbesondere dieser Widerspruch macht ihn zu einem spannenden Namenspatron.

Man kann bei der Faktenlage auch gegen Arndt sein. Wer aber den Namen streichen will, sollte eine breitere demokratische Beteiligung als bisher zulassen.

Kontra: Es gibt bessere Vorbilder

Von Kai Lachmann

Man stelle sich vor, eine Hochschule namens Universität Greifswald würde sich dieser Tage auf die Suche nach einem Namenspatron machen. Gesucht wäre jemand, auf die oder den man sich ohne Wenn und Aber beziehen kann, zu der oder dem man aufblicken kann, gesucht wäre nicht weniger als ein leuchtendes Vorbild.

Käme dann ein Ernst Moritz Arndt infrage? Wohl kaum. Denn der oft angesprochene „Beipackzettel“ müsste zwingend angeheftet werden, sprich: Sein Juden- und Franzosenhass sind ausschließlich im Kontext seiner Zeit zu bewerten. Will die Uni als progressiv gelten, bräuchte sie aber eine Person, die auch aktuellen Maßstäben standhält. Für eine Entscheidung im Jahr 2017 sollte der Blick der Gegenwart den ausschlaggebenden Stellenwert haben, sonst wird sie keinen nachhaltigen Bestand haben, sonst wird spätestens die nächste Studentengeneration die Arndt- Frage wieder aufwerfen.

Auch das Argument des Historikers Götz Aly, „bessere Demokraten haben wir nicht“, zieht nicht. Wenn ein Juden- und Franzosenhasser schon das Beste sein soll, dann doch lieber ohne ihn. Das hat übrigens von der Uni-Gründung 1456 bis 1933 gut geklappt.

Und Hermann Göring verlieh der Hochschule den Namen im Jahr der NSDAP-Machtergreifung sicher nicht, weil Arndt so ein toller Demokrat war.

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