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Psyche aus der Balance?

Greifswald/Stralsund Psyche aus der Balance?

Landkreis veranstaltet mit Partnern die Wochen der seelischen Gesundheit / Im Fokus: Jugendliche

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Verschiedene Lebensumstände können dazu beitragen, dass Heranwachsende aus dem seelischen Gleichgewicht geraten.

Quelle: Peter Binder

Greifswald/Stralsund. Versagensängste in der Schule, Essstörungen, Internetsucht, Drogenmissbrauch, selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken: „Kinder und Jugendliche sind in der heutigen Zeit anfälliger geworden für psychische Erkrankungen“, sagt Dirk Scheer, Sozialdezernent des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Ein Ausdruck dessen seien lange Wartezeiten für eine Therapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Auf einen Platz in einer der Tageskliniken beispielsweise müssen die Familien mindestens drei bis sechs Monate warten“, berichtet Scheer. Und das, obwohl es mit 35 Plätzen im Kreis nicht gerade wenig Kapazitäten gebe. Darüber hinaus stünden in der Region 110 stationäre Plätze in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Verfügung – die meisten davon im Hanseklinikum Stralsund. Daneben halte das Ameos Klinikum Ueckermünde 30 Betten vor. Und es gebe zahlreiche ambulante Hilfen, die von Jugendhilfeträgern angeboten werden.

Doch was kann getan werden, damit Heranwachsende erst gar nicht das seelische Gleichgewicht verlieren – oder wenn – die Balance wiedererlangen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich in diesem Jahr die „Wochen der seelischen Gesundheit“, die der Landkreis Vorpommern-Greifswald gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartnern veranstaltet. „Es ist die fünfte Themenreihe dieser Art seit 2008“, sagt Scheer. Wobei das bewährte Angebot für Interessenten und Fachkräfte ein neues Etikett erhält, sprich: einen neuen Namen. In der Vergangenheit lud der Kreis alle zwei Jahre zu den „Wochen der Gemeindepsychiatrie“ ein.

Mit großer Resonanz übrigens. „Beim letzten Mal kamen zu den Veranstaltungen insgesamt etwa 800 Besucher, darunter auch über 200 Schüler“, erinnert Antje Peters, Psychiatriekoordinatorin im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Damals, im Herbst 2014, lag der Schwerpunkt der Reihe auf der psychischen Gesundheit im Alter.

Jetzt also ist der Blick auf junge Menschen in der Adoleszenz gerichtet – auf den Zeitraum von der Kindheit bis zum Erwachsensein, in dem jeder wesentliche physische und psychische Entwicklungsprozesse durchlebt. „Für uns ist wichtig, dass wir starke Kinder und Jugendliche haben, die in der Lage sind, auch negative Einflüsse wegzustecken und Probleme zu bewältigen“, sagt Sozialdezernent Dirk Scheer. Wie das gelingen kann, verdeutlichen verschiedene Angebote bis Mitte November.

„Wir wollen unter anderem zeigen, welche Potenziale Heranwachsender gestärkt werden können“, sagt Antje Peters. Denn neben Risikofaktoren gebe es auch Schutzfaktoren für die psychische Balance. Die Gestaltung und der Druck eines Buches mit eigenen Geschichten in der Grundschule Ahlbeck bei Eggesin etwa sei dafür ein sehr schönes Beispiel, sagt Peters. Ein anderes: die Band „Black Sun“ mit ihrer selbst komponierten Rockmusik gegen Gewalt, Drogen und Süchte, die im Jugendzentrum „Takt“ auftritt. „Außerdem lief bereits ein Kunstwettbewerb für Jugendliche, dessen Ergebnisse unter dem Titel ,Glück kommt selten allein’ beim Thementag im Berufsbildungswerk vorgestellt werden“, so Peters.

Dieser Thementag führt eine Reihe von Experten zusammen, die interessierte Besucher beispielsweise über Warnsignale einer psychischen Erkrankung Jugendlicher informieren sowie Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. „Es gibt auch spannende Angebote für Lehrer“, betont Antje Peters. In der Greifswalder Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie lautet der Titel einer Veranstaltung „Kein Kind verhält sich zufällig“.

Auch die Multiplikatorenschulungen legt Peters Lehrern, aber auch Fachkräften sehr ans Herz. Dabei geht es zum einen um Kinder suchtkranker Eltern und Handlungsoptionen, zum anderen um Möglichkeiten und Grenzen bei einer Kindeswohlgefährdung.

Eine Themenauswahl

Stencil und Graffiti ist der Titel eines Workshops für Kinder und Jugendliche, der in Greifswald den Auftakt der Wochen der seelischen Gesundheit darstellt. Termin: 28./29.

Oktober, je 14-18 Uhr, im Klex, Lange Straße 14.

Kein Kind verhält sich zufällig ist der Titel einer Veranstaltung für Lehrer:

3. und 8. November, 15-17 Uhr, Tagesklinik in Greifswald, Mühlentor 2.

Thementag „Psychische Gesundheit bei Jugendlichen fördern und pflegen“ für Eltern, Fachkräfte, Interessenten: 9. November, 13-18 Uhr, Tagungszentrum des BBW, Pappelallee 2.

Multiplikatorenschulung „Kinder suchtkranker Eltern“: 9. November, 9.15-11.30 Uhr für Lehrer und Fachkräfte in der Schwalbe, Gorkistraße 1.

„Adoleszenz – woraus erwächst Erwachsensein?“ Sucht- und Sozialtherapeut Christian Fritz referiert dazu in der Familienuni. Danach spricht Suchttherapeutin Kathrin Elsner über Drogen: 10.11., 16 Uhr, Rubenowstraße 1.

Pastor Andreas Schorlemmer liest aus seinem Buch „Manchmal hilft nur Schweigen...“: 15. November, 18 Uhr St. Spiritus, Lange Straße 49 .

Das gesamte Programm auf:

• www.kreis-vg.de

E-Mail: Antje.Peters@kreis-vg.de

Ärztin: Bedarf ist höher als Anzahl der Psychiatrieplätze

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hanseklinikum Stralsund, die für den Nordosten unseres Bundeslandes zuständig ist, hat 50 Betten. „Die sind immer ausgelastet“, sagt Oberärztin Dr. Susanne Schmidt auf OZ-Nachfrage. Wartezeiten von mehreren Monaten gebe es auch für die drei Tageskliniken der Psychiatrie, wovon sich eine in Greifswald befindet. Die Einrichtung am Mühlentor wurde Anfang 2010 als Außenstelle eingerichtet und zählt zwölf Plätze.

„Der Bedarf für Behandlungen ist bedrückenderweise sehr hoch, höher als die Anzahl unserer Plätze“, sagt Dr. Schmidt. Lediglich bei der Notfallbehandlung gebe es für die jungen Patienten keine Wartezeiten. Bei einer akuten Gefährdung würde immer nach Möglichkeiten gesucht. Die Ursachen für die Zunahme psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter seien ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. „Der Erwartungsdruck, dem die Jugendlichen ausgesetzt sind, Schulstress, das Einsamkeitserleben, psychosoziale Armut“, nennt sie nur einige Gründe für den Anstieg notwendiger Therapien.

Zudem sei die Bereitschaft Jugendlicher zu riskantem Suchtmittelkonsum enorm gestiegen.

Oberärztin Susanne Schmidt gehört auch zu den Referenten während der Wochen der seelischen Gesundheit in Greifswald. Ihren Vortrag am 9. November im Berufsbildungswerk überschrieb sie mit dem Titel „Verhalten ist ausgedrücktes Denken und Fühlen“. ph

Petra Hase

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