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Greifswald Rechts, links: Kategorisieren nervt

In der Freitagsrunde treffen sich Menschen unterschiedlicher politischer Orientierung und hören einander zu

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Die Freitagsrunde bedeutet: sachlich diskutieren.

Quelle: Annemarie Bierstedt

Greifswald. „Stopp! Das kann nicht alles sein, dass man sich gegenseitig nur anbrüllt, versucht, mit Slogans mundtot zu machen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, sich zu unterhalten“, dachte sich Kathrin Teichert damals.

Wir wollen mit vielen Leuten unterschiedlicher Meinung diskutieren.“Kathrin Teichert, Initiatorin

Damals war vor einem Jahr, als das linke Bündnis „Greifswald für alle“ und die rechte Gruppe „Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ (FFDG) montags auf dem Marktplatz aufmarschierten und sich gegenseitig mit lauter Musik und Sprechgesängen zu übertönen versuchten. So beschloss Teichert, die Trainerin für gewaltfreie Kommunikation ist, zusammen mit Hanjo und Gabi Darda sowie Robert Zimmermann eine „Freitagsrunde“ zu organisieren. Ihre Idee: den Dialog zwischen Menschen mit unterschiedlichen, ja gegensätzlichen politischen Ansichten zu fördern.

Am Freitag trafen sich die Organisatoren wieder mit sieben anderen Teilnehmern in der Brasserie „Hermann“, um am runden Tisch zu diskutieren. Etwa alle zwei bis drei Wochen verabreden sie sich. „Ziel ist es, einen Diskussionsraum anzubieten, um Themen, die aktuell bewegen, zu diskutieren. Indem wir Vertreter gegensätzlicher Auffassungen einladen, trainieren wir Offenheit, Respekt, Zuhören und uns auseinanderzusetzen“, steht in der Gruppe „Freitagsrunde“ auf Facebook. „Die Runde ist für jeden offen. Ab und zu laden wir Referenten ein. Wir wollen mit möglichst vielen Leuten unterschiedlicher Meinung diskutieren“, so Teichert. Gabi Darda ergänzt: „Unser Anliegen ist es, dass beide Seiten ihre Position infrage stellen und lernen, zuzulassen, was andere Menschen denken. Es ist nicht Ziel, zu belehren oder zu schulmeistern.“

Thema am Freitag: „Ist die Welt noch zu retten und was kann ich selber dafür tun?“ Hanjo Darda ist überzeugt: „Die Welt ist noch zu retten. Am schlimmsten ist die Angst vor der Angst.“ Es entbrannte eine kontroverse Debatte über die Demokratie, die Wahlen in Amerika, Merkel und die Flüchtlingsfrage. „Erst schaffen wir Flüchtlinge und dann helfen wir ihnen. Ich verstehe den Sinn nicht. Wohlstand geben ist besser als Wohlstand nehmen“, meinte einer, der schon mal bei der FFDG mitgelaufen war und namentlich nicht genannt werden möchte. „Die Flüchtlinge sollte man mit Booten zurück nach Syrien schicken“, äußerte ein anderer, der auch mal bei der FFDG mitgemacht hatte. „Hast du überhaupt eine Vorstellung, was Krieg bedeutet?“, fragte Hanjo Darda. Betretenes Schweigen. „Nein“, gab der andere kleinlaut zu. Und obwohl am Tisch komplett gegensätzliche Meinungen gegenüberstanden, blieb es ruhig. Jeder ließ den anderen ausreden, keiner vergriff sich im Ton. „Wir stehen vor so vielen menschlichen Abgründen: Krieg, Naturzerstörung, Entdemokratisierung, Armut, Stress- und Leistungsgesellschaft“, warf Gabi Garda ein. Darüber waren sich wieder alle einig. „Was können wir tun?“

Teichert: „Ich bin überzeugt, dass ein Umdenken stattfinden wird. So wie hier in unserer Runde, werden sich noch mehr Menschen zusammenfinden. Entscheidend ist doch: Hat der Mensch genug Liebe in sich, die Welt zu retten, oder bleibt er Egoist?“

Die Diskussion dauerte gut zwei Stunden. „Ich habe hier gefunden, wonach ich immer gesucht habe“, erklärte eine Teilnehmerin, die mal bei den Linken und mal bei der FFDG mitgelaufen war. „Man kann sich hier aussprechen, mir wird zugehört. Es ist nicht so aggressiv.“ Ein Mann, früher bei der FFDG mitlief, sagte: „Ich habe gelernt, zuzuhören. Hier wird man nicht immer als Nazi abgestempelt, nur weil man eine andere Meinung hat. Ich bin jetzt wohl auch eher mittig, vorher eher rechts. Obwohl dieses ganze Rechts-Links-Kategorisiere nervt.“ Auch darüber waren sich am Ende wieder fast alle einig.

Annemarie Bierstedt

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