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„Schatzi, warum wählen wir nochmal die AfD?“

Garz/Kamminke/Peenemünde „Schatzi, warum wählen wir nochmal die AfD?“

In Garz setzten fast die Hälfte der Wähler ihr Kreuz bei der Partei

Garz/Kamminke/Peenemünde. Tag 1 nach der Bundestagswahl auf Usedom: Bei den Wahlergebnissen sticht eine Gemeinde ganz besonders hervor: Garz im Amtsbereich Usedom Süd.

Dort setzten von 120 Wählern 57 Männer und Frauen ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland (AfD). Das entspricht einem Anteil von 44 Prozent – ohne die Briefwähler. Bei den Erststimmen setzte sich Enrico Komning (AfD) sogar mit 47,5 Prozent durch – Inselspitzenwert. Zeit für einen Ortsbesuch in der mehr als 250 Einwohner zählenden Gemeinde.

An den Tischen eines Imbisses im Ortskern herrscht zur Mittagszeit Hochbetrieb. Bratwurst, Schnitzel und Pommes stehen auf der Speisekarte. Handwerker, Arbeiter und Einheimische treffen sich dort täglich zur Mittagspause und klönen. Auch Kerstin Prasse, die seit Januar in Garz wohnt – „weil es dort schön und ruhig ist“. Sie gibt offen zu, am vergangenen Sonntag aus Überzeugung ihr Kreuz bei der AfD gesetzt zu haben. Auf die Frage nach dem „Warum“ zuckt sie nur mit den Schultern und braucht Beratungshilfe von ihrem Mann. „Schatzi, warum haben wir nochmal die AfD gewählt?“, ruft sie ihm zu. Er steht in dem Imbisswagen an der Fritteuse und hat hier das Kommando. Er überlegt, dann poltert es aus ihm heraus. „Die können gut stören. Das tut mal ganz gut“, sagt er.

Kerstin Prasse ist nicht die einzige Einwohnerin, die offenkundig ihre Sympathie für die AfD bekennt. Auch Marcel Reusch setzte am Sonntag sein Kreuz bei der Gauland-Partei. Der 40-Jährige verdient sein Geld normalerweise im Ausland auf Montage, ist aber gerade im Urlaub. „Da arbeite ich mit allen Menschen Europas zusammen – ein buntes Gemisch“, sagt er. Den Auslöser für sein Kreuz bei der AfD sieht er aber bei der nach seiner Meinung nach gescheiterten Einwanderungspolitik in Deutschland. Dass in Garz noch nie ein Flüchtling gesehen wurde, geschweige denn einer wohnt, spielt keine Rolle.

„In den Hotels auf Usedom arbeiten allerdings ganz viele Polen“, stellte er fest. Und ergänzt: „Die Hoteliers wählen die CDU und natürlich die kommunalen Bürgermeister.“

Zu gerne würde sich Kerstin Prasse mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an einen Tisch setzen und mit ihr unter vier Augen reden. „Ich würde ihr mal sagen, wieviel die Rentner bekommen oder wieviel Kinderarmut es gibt“, sagt die 62-Jährige, die vorher in Rostock-Schmarl wohnte und mehr als 40 Jahre in der Gastronomie tätig war. „Ein Job, der nur auf Verschleiß aus ist“, sagt sie.

Dass die oberen Köpfe der AfD auf Bundesebene in der Vergangenheit häufig durch verbale Entgleisungen auffielen und dadurch in die rechte Ecke gestellt wurden, findet die Neu-Garzerin nicht gut.

„Gauland hat ein paar Dinger gucken lassen“, betont sie. Aber als Nazi möchte sie nicht beschimpft werden. Vielmehr ist es ein Protest, dass es „da oben“ nicht so weitergehen kann.

„Eigentlich geht es uns gut. Seit drei Jahren haben wir auch ein Dorffest – dann ist hier mal was los. Ansonsten radeln nur Touristen durch den Ort“, betont Reusch. Einen triftigen Grund zum Anhalten finden nur die wenigsten. „In der Gemeinde gibt es auch Ferienwohnungen“, sagt Reusch. „Hätte ich mir nach der Wende alles zusammengekauft, bräuchte ich nicht hier zu sitzen, sondern wäre auf den Malediven. Heute sind die Grundstückspreise fast unbezahlbar geworden und nur noch für reiche Investoren gedacht“, sagt er.

Nach der Landtagswahl im September 2016 hatte Peenemünde den Spitzenwert bei den AfD-Wählern. Damals gaben sich TV-Sender und Journalisten anschließend in der Gemeinde im Inselnorden die Klinke in die Hand. Dass Peenemünde auch diesmal dem AfD-Kandidaten Enrico Komning den „Gemeindesieg“ (von 145 Wählern bekam Komning 60 Stimmen) bescherte, ist für Frank Adam keine Überraschung. Der ehemalige Peenemünder, der zehn Jahre in der Gemeindevertretung saß und jetzt in Zecherin lebt, spricht von einer „Frustwahl. Die Leute haben doch das Gefühl, dass sie wählen können, was sie wollen, CDU und SPD sind immer vorn. Um das aufzubrechen, wurde AfD gewählt. Ich glaube nicht, dass sich viele mit dem Programm der Partei auseinandersetzen. Hier spielt Emotionalität eine große Rolle“, sagt Adam.

Auch in Kamminke, der Nachbarkommune von Garz, hat die AfD ordentlich gepunktet. Von 215 abgegebenen Stimmen holte Komning hier 61. „Das war eine Protestwahl gegen die großen, etablierten Parteien“, sagt Brigitte Ebeling. Die 72-Jährige wurde in Kamminke geboren, sie weiß, wie die Menschen hier ticken: „Viele finden sich einfach in der Politik nicht mehr wieder und sind unzufrieden. Ich sehe das Ergebnis aber nicht als Makel für unsere Gemeinde, das ist Demokratie.“

Hannes Ewert und Henrik Nitzsche

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