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Greifswald Landrats-Kandidatin: Schauen, wo der Mensch bleibt
Vorpommern Greifswald Landrats-Kandidatin: Schauen, wo der Mensch bleibt
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07:49 02.05.2018
Ulrike Berger möchte grüne Landrätin von Vorpommern-Greifswald werden. Am 27. Mai wird gewählt. Quelle: Robert Wachholz
Greifswald/Wolgast

„Grün macht den Unterschied“, sagt Ulrike Berger und will als künftige Landrätin von Vorpommern- Greifswald dafür sorgen, dass weder Mensch noch Tier oder die Natur bei der Entwicklung des ländlichen Raums auf der Strecke bleiben. Die OZSTSEE-ZEITUNG traf sich mit der 38-jährigen Greifswalderin zum Interview. Auch Leser konnten vorab ihre Fragen stellen.

OZ: OZ-Leserin Claudia Mark meint, „wir brauchen keine grüne Landrätin, ein grüner OB reicht.“ Schmerzt das?

Ulrike Berger: Ich habe im Landtag viele Erfahrungen gesammelt, die für mich als Landrätin sehr nützlich sein werden – im Bildungs- und Kulturbereich, aber auch als Ausschussvorsitzende. Ich komme aus Vorpommern, engagiere mich auf kommunaler Ebene und war viel im Land unterwegs. Ich denke, dass ich als grüne Landrätin wichtige Akzente setzen kann.

OZ: Im Landkreis wird zum großen Teil konventionelle Landwirtschaft betrieben. Wir haben es mit Massentierhaltung zu tun, ein großes Güllelager soll entstehen, Milanhorste werden zerstört. Es scheint, die Bevölkerung setzt nicht auf grüne Ziele.

Ulrike Berger: Das glaube ich nicht. Das sieht man ja an den Protesten, die sich formieren. Egal, ob es gegen Fracking auf Usedom, die Schweinemastanlage in Alt Tellin oder das Güllelager im Lassaner Winkel geht.

OZ: Das Güllelager aber kommt. Formiert sich nicht genug Protest?

Ulrike Berger: Das Güllelager kommt nur, weil sich der stellvertretende Landrat über den Willen der Gemeinde hinweg gesetzt hat. Das ist nicht mein Politikstil. Ich stehe für eine andere Kultur des Verwaltungshandelns.

OZ: Eines Ihrer Wahlziele ist das kostenlose Schülerticket. Als Landrätin können Sie darüber aber nicht entscheiden, das macht der Kreistag.

Ulrike Berger: In der Mecklenburgischen Seenplatte hat man sich jetzt auch für kostenlose Schülerbeförderung ausgesprochen. Will sagen, der Augenblick ist so günstig wie nie. Und es gibt ja bei uns schon Überläufer – etwa die SPD-Fraktion, die erst dagegen war und jetzt im Wahlkampf dafür ist. Außerdem geht es mir nicht nur darum, Schüler kostenlos zu befördern, sondern auch Senioren. Kostenlose Beförderung mit dem ÖPNV bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Selbstständigkeit.

OZ: Wie wollen Sie denn den ÖPNV verbessern?

Ulrike Berger: Ich denke da an alternative, kleine Formen, nicht an den Bus mit 50<TH>Plätzen. Der Rufbus ist ein Weg. Mein Ziel ist ein Verkehrsverbund Vorpommern-Greifswald, in dem Bus und Bahn aufeinander abgestimmt und eine App, in der alle Linien und Fahrpläne miteinander vernetzt sind. In diesem Sinne setze ich mich auch dafür ein, dass die von der Landesregierung vorgegebenen Schulwegzeiten endlich eingehalten werden: Maximal eine Stunde für Schüler ab Klasse 6 und 40 Minuten für Grundschüler. Für mich gilt: Kurze Beine, kurze Wege!

OZ: Sie sagen Ja zum Schuldenabbau, aber nicht zu Lasten der Ärmsten und auf Kosten der Gesundheit. Wo könnte man denn sparen?

Ulrike Berger: Die Frage ist doch, wo wir den erwirtschafteten Überschuss einsetzen. 2017 waren das sechs Millionen Euro. Die sollten nicht nur in die Schuldentilgung fließen. Vielmehr bieten sie einen Gestaltungsspielraum, um die Lebensqualität im Landkreis zu steigern. Ich wünsche mir zum Beispiel für den Kreis wieder eine Fahrbibliothek zurück. Ich finde es paradox, dass der Landkreis bei der Schülerbeförderung Geld eingespart hat, aber gleichzeitig den Flughafen Heringsdorf mit 300 000 Euro subventioniert. Das macht pro Flugticket einen Zuschuss von acht Euro. Wichtiger ist doch, dass die finanziell stark gebeutelten Gemeinden wieder in freiwillige Aufgaben investieren können. Egal, ob es die Sportplatzsanierung ist oder die Einrichtung eines Jugendclubs. Die Gemeinden müssen wieder selbst bestimmen können, was sie mit ihrem Geld machen.

OZ: Der Straßenbau ist ein großes Sorgenkind im Kreis, aber nicht vorrangig ein grünes Anliegen. Wie wollen Sie das Problem lösen?

Ulrike Berger: Natürlich ist das auch für uns ein wichtiges Thema, weil wir wollen, dass die Menschen von A nach B kommen. Und auch der ÖPNV braucht Straßen. Die Frage ist, ob die Straße immer 7,50 Meter breit sein muss. Kann es nicht auch eine schmalere Straße mit Ausweichstellen sein, wie in Skandinavien? Dann schaffen wir es, mehr Straßen zu sanieren und versiegeln weniger Fläche. Es ist unglaublich, dass der Landkreis sieben Jahre benötigt hat, um eine Prioritätenliste zu erstellen.

OZ: Würden Sie mehr Geld in den Straßenbau stecken als bisher?

Ulrike Berger: Der Kreis ist allein nicht in der Lage, den Sanierungsstau zu beenden. Auch alle anderen Landkreise stehen vor dem selben Problem. Hier will ich mich gemeinsam mit den anderen Landräten dafür stark machen, dass das Land sich an der Finanzierung beteiligt.

OZ: Radwegebau ist grundsätzlich ein grünes Thema, in Vorpommern-Greifswald aber ein Stiefkind. Oder?

Ulrike Berger: Wir brauchen ein Radwegekonzept für den gesamten Landkreis, das konsequent umgesetzt wird. Das nutzt Touristen und Einheimischen. Es ist nicht einfach, wie wir jetzt beim Radweg Dersekow- Greifswald wieder sehen, wenn selbst die Uni mauert, Flächen zur Verfügung zu stellen.

OZ: Sie haben sich auch den Alleenschutz auf Ihre Fahnen geschrieben, ein im Kreis arg vernachlässigtes Thema.

Ulrike Berger: Dabei ist das eine Pflichtaufgabe, die man leicht umsetzen kann, wenn der Wille da ist – oder natürlich die Berger. Die Alleen sind in der Verfassung geschützt. Deshalb gibt es vom Land Fördergeld aus dem Alleenfonds. Dafür muss der Kreis relativ geringe Kosten im fünfstelligen Bereich aufbringen, tut es aber nicht. Wir haben uns deshalb mit Naturschutzverbänden juristischen Beistand gesucht.

OZ: Sie sagen, der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz darf keine leere Worthülse sein. Wie wollen sie das mit Leben füllen?

Ulrike Berger: Am größten ist das Problem in Greifswald. Deshalb ist es gut, dass wir einen Teil der Plätze mit dem Eigenbetrieb in unserer Regie haben. Wichtig ist aber genau so, dass die Stadtverwaltung eine gute Servicestelle für freie Träger ist, ihnen hilft, nach Flächen für Kitas zu suchen und sie ermuntert, Kapazitäten zu erweitern. Das Kitaportal kann helfen, den Bedarf zu ermitteln. Klar ist für mich aber auch, dass kleine Kitas oder Tagesmütter dafür Unterstützung vom Jugendamt brauchen. Der Kreis sollte hier eine koordinierende und beratende Funktion wahrnehmen – in Finanz- und Umsetzungsfragen. Er sollte grundsätzlich viel stärker Servicestelle für Gemeinden sein – und bei Fragen zu Kitas, Schulsanierung oder Beschaffung für die Feuerwehr unterstützen.

OZ: Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie die Einrichtung eines Online-Portalverbundes als größte Herausforderung. Dabei hat der Kreis noch nicht mal das Problem der Digitalisierung gelöst. Wie wollen Sie das schaffen?

Ulrike Berger: Ich bin dafür, hier einen kommunalen Eigenbetrieb zu gründen, der im Zweifelsfall die notwendigen Leitungen verlegt. Der Portalverbund hat zum Ziel, dass jeder Mensch vom heimischen PC oder der nächsten Amtsstube aus Dinge regeln kann, sei es die Angelschein-Verlängerung, die Kfz-Zulassung oder der Bauantrag – egal, wer Ansprechpartner ist: Kreis, Gemeinde, Land, Bund. Lange Anfahrtswege erübrigen sich damit.

OZ: OZ-Leser Martin Lange möchte wissen, wie Sie die Naturzerstörung zugunsten des Massentourismus auf Usedom beurteilen.

Ulrike Berger: Die Insel lebt schon seit Jahren im Spannungsverhältnis Naturschutz und Tourismus. Massentourismus auf Usedom ist kein neues Phänomen. Teilweise wurden schon die richtigen Schritte gegangen, zum Beispiel beim Campingplatz Bansin-Ückeritz, zu DDR-Zeiten mit 20 000 Campern der größte Europas. Die Flächen wurden verkleinert, der Küstenwald hat sich erholt. Ob Bettenburgen gebaut werden, obliegt aber allein den Gemeinden, die die Bebauungspläne beschließen. Als Landrätin sehe ich meine Aufgabe darin, gemeinsam mit Touristikern und Bürgermeistern ein Tourismus- und Verkehrskonzept für die Insel auf den Weg zu bringen. Kreisverkehre können helfen. Wir brauchen eine Ortsumgehung für Zirchow, müssen den Radverkehr stärken und über die Bahnsüdanbindung reden. Auf keinen Fall will ich eine dreispurige Straße wie auf Rügen.

OZ: SPD-Landratskandidatin Wölk meint, die Umsetzung der Energiewende laufe nicht so toll. Wie sehen Sie das?

Ulrike Berger: Wir brauchen erneuerbare Energien, um Kohle- und Atomkraftwerke zu ersetzen. Ich kenne Windparks, die sehr verantwortungsvoll geplant und umgesetzt wurden. Da erzielen die Gemeinden Pachteinnahmen und Landwirte haben sich damit über die Milchkrise gebracht. Wichtig ist jedoch, naturschutzrechtliche Dinge zu beachten und zu schauen, wo der Mensch bleibt.

Hase Petra

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