Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Schöner, kranker Schmetterling
Vorpommern Greifswald Schöner, kranker Schmetterling
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 21.09.2017
„Schönheit trägt S, Erfolg XS“. Sarah Bonitz als magersüchtige Anna. Gestern feierte das Stück im Jahngymnasium Premiere. Quelle: Foto: Vincent Leifer
Greifswald

Diese verdammten Oberschenkel. Viel dünner müssten sie sein, findet Anna, so dünn, dass sie sich im Stehen nirgendwo berühren,„manchmal will ich ein Messer nehmen und das hier alles abschneiden!“ Sie schluchzt, und eine Sekunde später setzt sie sich wieder vor die Videokamera, knipst ihr süßes Lächeln an und spricht zu ihren anonymen Freundinnen im Internet von Stärke, Selbstbeherrschung und Hunger.

„Anna“ wie Anorexie: Um Magersucht geht es im neusten Klassenzimmerstück des Theaters Vorpommern, um ein Thema, „das absolut wichtig ist“, wie Lehrerin Kerstin Senz meint. Zwei zehnte Klassen des Jahn-Gymnasiums haben sich für die Premiere in einen Unterrichtsraum gequetscht. Vorn zieht Schauspielerin Sarah Bonitz als magersüchtige Anna alle Register, eine Schulstunde lang.

Vom Schönheitsideal in Schule und Gesellschaft spricht sie, davon, dass ein dickes Mädchen immer „die Dicke“ heiße und als dumm gelte. Dass nur Schlankheit wie die von Filmschauspielerinnen schön sei, was wert sei. „Oder magst Du dicke Titten?“ Mitten ins Gesicht einiger Schüler spricht sie solche Fragen. Gekicher wird laut.

Ja, Finger in den Hals stecken, das könne helfen, um dünner zu werden, Wasser mit Salz oder Natron trinken auch, aber noch besser, rät Anna den anderen „Schmetterlingen“ im Magersucht-Forum Pro Ana, sei „maximale Beherrschung, egal wie.“ Die kranke Schlankheit, sie ist Annas Leidenschaft. Ein Stück Kontrolle in einem Leben, in dem ihr so manches andere längst entglitten ist: Unter Stress und isoliert fühlt sie sich in der Schule, die Liebe des Vaters kommt ihr seit der Scheidung wie eine Lüge vor, die Psychologen-Mutter weit weg.

Anna lächelt und schluchzt und lächelt, knabbert Äpfel, ohne sie zu schlucken, zählt Kalorien und bestraft sich für zu viele, drückt sich den flachen Bauch noch flacher, erwähnt nur nebenbei ihre Ohnmacht im Englischunterricht und wünscht am Schluss: „Bleibt schlank, Schmetterlinge!“

„Genial gespielt“, sagt einer der Zehntklässler in der Nachbesprechung, die Theaterpädagogin Sabine Kuhnert im Stuhlkreis leitet. Eine Probe hatten die Schüler schon gesehen, jetzt die Premiere.

„Dieser Selbstzerstörungswille, den fand ich schockierend“, sagt der Schüler. „Und die gestörte Selbstwahrnehmung, die Magersüchtige haben, auch. Die schätzen sich ja viel dicker ein als sie sind.“

„In dem Stück sind so viele Themen verdichtet – super“, meint Lehrerin Kerstin Senz. Dass Magersucht etwas mit Sehnsucht zu tun habe, dass Druck eine Rolle spiele, außerdem die Wer-bin-ich-Frage in der Pubertät, das Schönheitsideal und die Art, wie man miteinander umgehe. „Das kommt auf sehr fesselnde Art heraus.“ Und weil die Schüler nicht im dunklen Zuschauerraum des Theaters säßen, sondern mitten im Geschehen, würden sie automatisch gepackt.

Anette Struck, Schulsozialarbeiterin am Jahn-Gymnasium, ist überzeugt: „Dieses Stück bewirkt etwas.“ Immer mal wieder hat sie mit Mädchen zu tun, die unter Bulimie oder Magersucht leiden. „Aber wie sie leiden – davon kriege auch ich nur einen Bruchteil mit. Das jetzt mal so voll zu durchleben, ist schon erschreckend.“

Am Schluss steht eine Ermahnung an alle: Bleibt nicht allein mit dem Thema. „Als Freundin kann man eine Betroffene nicht retten, wenn sie es nicht will, aber man kann sich selbst Hilfe suchen“, sagt Regisseurin Elsa Vortisch. Im schlimmsten Fall könne eine Zwangseinweisung Betroffenen helfen, die lebensgefährliche Phase der Krankheit zu überstehen. Um dann neue Wege zu suchen.

Mehr zu Magersucht

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommt Magersucht in Deutschland bei 0,3 Prozent aller Frauen zwischen 14 und 24 Jahren vor, bei Mädchen öfter als bei Jungen. Mit Nahrungsverzicht, Sport, eventuell Abführmitteln und Erbrechen hungern sich die Betroffenen in starkes Untergewicht, empfinden sich aber weiter als zu dick. www.bzga-essstoerungen.de Das Theater zeigt Pro An(n) a auf Wunsch in Schulen: klassenzimmer

@theater-vorpommern.de

Sybille Marx

Mehr zum Thema

Den Zoll haben viele Schulabgänger als Arbeitgeber gar nicht auf dem Schirm. Dabei stellt er jedes Jahr rund 1400 junge Menschen für eine Ausbildung ein. Die Perspektiven in der großen Behörde reichen von klassischen Bürojobs bis zur Verbrecherjagd.

18.09.2017

Kranke Angehörige, Kinder, ein Beruf: Gründe für ein Teilzeitstudium gibt es genug. Doch so vielfältig die Gründe, so zahlreich sind die Probleme. Denn viele Hochschulen sind kaum darauf eingestellt. Und umgekehrt unterschätzen viele Teilzeit-Studis die Herausforderung.

18.09.2017

Es ist eine zentrale Frage im Duell ums Kanzleramt: Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Auch Ökonomen streiten über die passenden Rezepte, um Ungleichheit zu verringern. Das Thema polarisiert.

18.09.2017

Jetzt ist im Rathaus politische Klugheit gefragt. Die Diskussion um die Kurtaxe birgt für Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) die Gefahr, sein politisches Kapital ...

21.09.2017

Oberbürgermeister Alexander Badrow will angesichts der Verärgerung andere Wege suchen – welche das sind, lässt er offen

21.09.2017

Der erste Bauabschnitt in der Stralsunder Straße 10/11 ist abgeschlossen. Die Wohngemeinschaft für 29 Personen soll im Frühjahr 2018 bezugsfertig sein, der Veranstaltungssaal ein Jahr später eröffnet werden.

21.09.2017