Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald „Sie kommen, feiern und hinterlassen ihren Dreck“
Vorpommern Greifswald „Sie kommen, feiern und hinterlassen ihren Dreck“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
04:55 31.08.2018
Fred Wixforth war ab 1996 stellvertretender Rechtsamtsleiter, bevor er 2003 die Leitung des Tiefbau- und Grünflächenamt übernahm. Nach dem Weggang von Uta Maria Kuder (2006) agierte er auch acht Monate kommissarisch als Dezernent. Zuletzt zählten etwa 100 Mitarbeiter zu seinem Verantwortungsbereich. Quelle: Peter Binder
Greifswald

Nach dem früheren Baudezernenten Jörg Hochheim und dem einstigen Chefkämmerer Dietger Wille (beide CDU) verlassen jetzt zwei weitere Führungskräfte die Greifswalder Stadtverwaltung. Vize-OB und Rechtsamtsleiterin Sandra Schlegel sowie ihr Mann Fred Wixforth, Volljurist und seit 1996 im Rathaus tätig, haben gekündigt.

OZ sprach mit dem 54-jährigen Leiter des Grünflächen- und Tiefbauamtes über seine Beweggründe, die Stadt zu verlassen, über Erreichtes und Unerreichtes sowie Themen, die ihm gewaltig auf die Nerven gingen oder mit großer Gelassenheit nahm.

OZ: CDU-Fraktionschef Axel Hochschild sieht die Ursache für Ihre Kündigung und damit den „Weggang hochqualifizierten Personals“ in den „Chaostagen“, die seiner Ansicht nach herrschen, seit Stefan Fassbinder 2015 grüner OB wurde. Sind das die Gründe Ihres Weggangs nach Leipzig – und was machen Sie dann dort?

Fred Wixforth: Meine Frau übernimmt dort die Leitung des Rechtsamtes, man wollte sie dort und hat sie auch schon verbeamtet. Diese Perspektive blieb ihr in Greifswald verwehrt. Leipzig ist zudem eine andere Hausnummer als Greifswald, ist eine Chance. Also gehen wir mit – unsere Kinder und ich. Was ich mache, steht noch nicht fest, aber es wird sich finden.

OZ: Über zwei Jahrzehnte waren Sie hier in verantwortungungsvoller Position. Worauf sind Sie stolz?

Fred Wixforth: Zunächst darauf, dass ich bei der wichtigen Haushaltskonsolidierung in den frühen 2000er Jahren mitgemacht habe. Das war auch schmerzhaft, was den Personalbestand anging, wir fuhren am Anfang sehr auf Felge. Hochinteressant war das Thema Straßenbeleuchtung, die Nachtabschaltung jeder zweiten Lampe. Was haben wir 2004 diskutiert. Jetzt bin ich sehr froh und stolz, dass wir standhaft geblieben sind. Wären wir es nicht gewesen, würden wir 1,2 Millionen Kilowattstunden pro Jahr mehr verbrauchen. Das sind über 300 000 Euro pro Jahr. Gut geklappt hat auch die Sache mit den Fahrradfahrern. Wir haben in Greifswald viele undisziplinierte Fahrradfahrer, die auf Gehwegen fahren, auf denen wir es nicht zugelassen haben. Üble Unsitten sind das. Im Innenstadtbereich gehören Fahrradfahrer grundsätzlich auf die Fahrbahn. Das war schon lange Rechtsprogramm, dem wir nur gefolgt sind. Für die, die es nicht einsehen, haben wir noch Gehwege fürs Radfahren freigegeben. Ich denke, diese Kompromisslösung mit allen Beteiligten ist gut gelaufen. Wenngleich unsere Fahrradstraße als Fahrradautobahn noch nicht perfekt ist, mitten durch die Innenstadt ist das ja auch schwierig.

OZ: Als Chef des Tiefbau- und Grünflächenamtes eckten Sie oft an, mussten viel Kritik einstecken. Nach außen blieben Sie immer gelassen, etwa nach der Aktion, als Sie alle Werbeaufsteller einsammeln ließen. Da waren sie noch keine 100 Tage im Amt...

Fred Wixforth: Grundsätzlich stehe ich zu solchen Aktionen, weil ich an das Rechtsprogramm glaube. Und die Bürgerschaft merkt in solchen Fällen, sie muss entscheiden, wie sich die Stadt entwickeln soll. Ärgerlich werde ich immer dann, wenn jemand die Bürgerschaft dazu verleiten will, Dinge zu beschließen, für die sie gar nicht zuständig ist, sondern die Verwaltung. Ein Beispiel ist die Ampel in der Beimlerstraße. Wegen der Unfallhäufung waren wir als Stadt in der Pflicht zu handeln, auch wenn das auf Kritik stieß. Seit sie dort steht, gibt es keine Unfälle.

OZ: Was ist mit dem Plan, die Ampel zur Kreuzungsampel auszubauen.

Fred Wixforth: Wenn wir feststellen, dass der Kfz-Verkehr aus der Krullstraße in Größenordnung Probleme mit dem auf der Beimlerstraße bekommt, kann das noch passsieren. Momentan ist das nicht der Fall. Der Grundsatz lautet immer: Nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich.

OZ: Für die Ampel an der Kollwitzschule indes sahen Sie anfangs keinen Bedarf.

Fred Wixforth: Als Straßenverkehrsbehörde haben wir die Ampel schon damals positiver gesehen als manche Politike. Im Prinzip müsste man dort gar nichts machen, wir haben eine wunderbare Aufpflasterung und Tempo 10. Es gibt keine Unfälle. Nur: wenn morgens das Elterntaxi kommt, haben wir ein übles Chaos, aber ein nicht gefährliches Chaos. Doch manche Kinder haben mit dem Queren der Loefflerstraße ein Problem, deshalb geben wir ihnen mit der Ampel nun eine Psychokrücke an die Hand. Gefremdelt haben wir im Vorfeld nur mit der Diskussion, dass da unbedingt etwas gemacht werden muss. Die Situation war eine sichere Situation.

OZ: Regelmäßig mussten Sie Kritik einstecken, weil das Unkraut auf öffentlichen Plätzen wuchert. Warum haben Sie dagegen nicht mehr unternommen?

Fred Wixforth: Es ist kein Unkraut, es sind Wildkräuter. Ich kann nicht einerseits klagen, dass Bienen sterben und andererseits wie ein Berserker alle Wachstumsformen beseitigen, damit ich überall den Golfrasen habe. Ich habe nichts gegen den Golfrasen am richtigen Ort zur richtigen Zeit, zum Beispiel in den Credneranlagen oder am Rubenowplatz. Da wird auch regelmäßig gemäht. Wenn wir an bestimmten Stellen, wo es nicht so wichtig ist, wachsen lassen, dann können wir die geringen Ressourcen an anderer Stelle, die uns wirklich wichtig sind, konzentrieren und geben am Ende auch nicht so viel Geld aus.

OZ: Und das Unkraut auf Gehwegen?

Fred Wixforth: Das ist eine Frage des Gemeinwesens. Wir haben in unserer Straßenreinigungssatzung geregelt, dass dafür grundsätzlich der Anlieger zuständig ist. Aber auch da wollen wir nicht zu sehr am Rad drehen. Man kann sich daran stören, dass der Beifuß 1,50 Meter hoch ragt – oder eben auch nicht.

OZ: Sie haben sich dafür stark gemacht, Anlieger für die Straßenreinigung mehr in die Pflicht nehmen. Ist die Satzung für Sie nun okay?

Fred Wixforth: So, wie wir es jetzt austariert haben, ist es in Ordnung, auch hinsichtlich der Bauhofkapazität. Professionell, wo es nötig ist, in der Regel an Hauptverkehrsstraßen. Aber dort, wo es die Anlieger machen können, sollen sie es auch bitte machen. Mit dem Vorteil, sie müssen dann auch nicht die Straßenreinigungsgebühren bezahlen. Wenn einer auf eine blitzsaubere Straße vor der Haustür wert legt, dann soll er meinetwegen jeden Tag dort entlangfegen.

OZ: Auch die Müllproblematik kocht regelmäßig hoch, liegt in Ihrem Verantwortungsbereich. Wie stehen Sie dazu?

Fred Wixforth: Deutschland ist Verpackungsmüll-Europameister, wobei Greifswald insgesamt recht sauber ist. Aber nehmen wir mal den Museumshafen: Sie kommen, sie feiern und sie hinterlassen ihren Dreck. Ich fahre jeden Morgen dort entlang und jeden Morgen sind meine Mitarbeiter vom Bauhof da und räumen anderen Leuten den Dreck hinterher. 3,5 Arbeitskräfte sind dort und anderswo nur mit dem Müllsammeln beschäftigt, obwohl sie eigentlich für’s Heckeschneiden und Rasenmähen angestellt sind, es sind nämlich Gärtner.

OZ: Häufig kam der Wunsch nach mehr Blumen auf öffentlichen Flächen, etwa am Bahnhof. Andere Städte machen es Greifswald vor.

Fred Wixforth: Hochbeete sind kritisch, wenn ich knappe Ressourcen habe, die neigen zum vermüllen, es sei denn, ich kann einen Gartenwächter tagtäglich daneben stellen. Das geht aber nicht, denn es ist nicht finanzierbar. Hingegen sind die Ampeln und Kaskaden eine gute Lösung, weils sie auch saisongenau sind. Der Bahnhof ist für mich okay, über Geschmack soll man nicht streiten. Am ZOB haben wir übrigens ein Hochbeet, sieht aber nicht gut aus, wegen mangelnder Pflege.

OZ: Wie steht es denn um die Patenschaften für Grünflächen?

Fred Wixforth: In diesem Jahr sind sie wirklich gut angelaufen. Ich bin da auch frech genug: Wenn jemand nach Vater Staat oder der Kommune schreit, sage ich: wir sind doch alle die Kommune, mach mal selber, wenn dir deine Umgebung am Herzen liegt.

OZ: Wie sehen Sie als Geschäftsführer der Greifswalder Parkraumbewirtschaftungsgesellschaft die Stellplatzsituation in der Innenstadt?

Fred Wixforth: Da fehlen für die Bewohner tatsächlich Stellplätze. Und es werden noch mehr fehlen, wenn die Parkflächen A8 und A9 an der Roßmühlenstraße wegfallen. Grundsätzlich bin ich aber mitleidlos, denn keiner hat einen Anspruch auf einen Parkplatz. Anspruchsdenken mag ich nicht. Aber als Stadt wollen wir, dass das Wohnen in der Innenstadt attraktiv bleibt. Für viele Leute gehört der haustürnahe Parkplatz dazu. Unsere Idee ist, dass wir im Ringbereich noch mehr Stellplätze schaffen, um Besucher abzufangen und damit den Parksuchverkehr in der Innenstadt vermeiden. Dann könnten wir zusätzliche Kapazitäten für Bewohner ausweisen.

OZ: Der Wiecker Poller hat Ihrem Amt in all den Jahren viel Arbeit beschert. Immer wieder versuchten Autofahrer, die Brücke illegal zu passieren und verunfallten. Hat Sie das genervt?

Fred Wixforth: Natürlich, auch dort haben sich Gelassenheit und Standhaftigkeit ausgezahlt. Wir haben einen robusten Poller gefunden, er wird noch angefahren, aber er hält! Jede Überfahrt kostet grundsätzlich 50 Cent, so landen wie bei verlässlichen Einnahmen von 60 000 Euro pro Jahr. Mit dem System schützen wir die Brücke sowie Fußgänger und Radfahrer. Deshalb war es richtig, in dieses teure System zu investieren.

OZ: Bis zuletzt begleitete Sie das Thema Hafengebühren, regelmäßig ernteten Sie für die Verwaltungsvorlage Gegenwind. Nun liegt ein neuer Satzungsentwurf vor. Sind Sie damit zufrieden?

Fred Wixforth: Ich bin zumindest gespannt, wie die Bürgerschaft jetzt entscheidet. Wenn uns bestimmte Kreise vorwarfen, die Gebühren seien schlecht kalkuliert, bekam ich Bauchschmerzen. Denn wir kalkulieren grundsätzlich kostendeckend und schlagen dann die Gebührensätze vor. Seit Jahren ist es so, dass wir für Wieck, also für den touristischen Teil, kostendeckende und für den Seehafen Ladebow nicht nicht kostendeckende Gebührensätze vorgeschlagen haben. Doch zuletzt hatte die Bürgerschaft damit ein Problem. Wir sollten einen Ansatz finden, der die Sportförderung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, betrifft. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen. Die, die wir fördern wollen, fördern wir nun bewusst mit einem anderen Instrument, der Sportfördersatzung.

OZ: Herr Wixforth, was werden sie in guter Erinnerung behalten?

Fred Wixforth: Greifswald insgesamt hat sehr viel Spaß gemacht. Die Aufgabe war herausfordernd, jeden Tag etwas Neues, auch wenn immer wieder etwas hochkochte und man dachte, haste doch längst ausdiskutiert, wie das Monster von Loch Ness. Greifswald kann sich wirklich sehen lassen, hat sich wunderbar entwickelt in den über zwei Jahrzehnten, die ich hier bin. Hier ist viel Geld reingeflossen, aber das liegt natürlich auch den Bürgern. Es gibt zwar immer die fünf bis zehn Prozent, die rücksichtslos auch gegenüber anderen sind. Aber alle anderen machen ihre Sache gut, auch als Gemeinwesen.

Hase Petra

Der Künstler Ruppe Koselleck hat es irgendwo im Stadtgebiet versteckt. Dem Finder winken rund 50 Euro.

31.08.2018

„Karriere Kompakt“ bietet über 40 Ausstellern der Region eine Plattform/ Arbeitslosenquote verbleibt im Kreis mit 8,8 Prozent auf Tiefststand

31.08.2018

Die Szene trifft sich in Greifswald, um die Besten zu ermitteln, aber das Treffen dient auch dem Austausch über die Arbeits- bedingungen – und die sind nicht immer rosig.

31.08.2018