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„Sie war und ist eine Heldin“

Greifswald „Sie war und ist eine Heldin“

Die Greifswalderin Mathilde Böckelmann hat 1945 eine Jüdin gerettet / Israel zeichnet sie aus

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Durfe sich 1945 bei Mathilde Böckelmann (Bild) in Pustow verstecken: die Jüdin Miriam Brudermann. Ihre Retterin lebt nicht mehr. FOTOS: Stefan Sauer, dpa

Greifswald. 1945 im Dorf Pustow bei Greifswald, noch im Chaos des Zweiten Weltkriegs: Mathilde Böckelmann, Mutter von zwei Kindern, wird von Freunden vor eine höchst heikle Entscheidung gestellt: Versteckt sie ein 15-jähriges jüdisches Mädchen aus der Eifel, das Schutz braucht vor den Nazis?

OZ-Bild

Die Greifswalderin Mathilde Böckelmann hat 1945 eine Jüdin gerettet / Israel zeichnet sie aus

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Ja, sagt Mathilde Böckelmann damals, obwohl sie sich und ihre Familie damit in Gefahr bringt, und eben dieses Ja rettet Miriam Fernbach das Leben, rettet eine ganze Welt. So erklären es am gestrigen Mittwochnachmittag im Greifswalder Jahn-Gymnasium Vertreter Israels, Landeschef Erwin Sellering (SPD) und die Gerettete selbst, heute 86 Jahre alt. Sie alle sind angereist, weil Mathilde Böckelmann, die 1907 in Greifswald geboren wurde und 1978 starb, von Israel posthum geehrt wird, mit dem Titel: „Gerechte unter den Völkern“.

Täter, Kollaborateure oder Mitläufer seien die meisten Deutschen gewesen, betont der israelische Botschafter, Yakof Hadas-Handelsmann vor den Jahn-Schülern. Mathilde Böckelmann habe zu einer kleinen Minderheit gehört. „Sie war nicht nur eine Heldin ihrer Zeit, sie mahnt uns heute auch, nie Angriffe auf die Würde von Menschen zuzulassen.“ Darum stehe ihr Name nun in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem auf der Mauer der Gerechten.

„Endlich“, meint Miriam Fernbach, die heute Brudermann heißt. Schüler der Europaschule Rövershagen waren im Zuge eines Geschichtsprojekts auf ihr Schicksal und das von Mathilde Böckelmann aufmerksam geworden, hatten begonnen zu recherchieren. Zwei Jahre dauerte es, bis sie Verwandte von Mathilde Böckelmann fanden. Die Tochter Christa Heptner nimmt nun in Greifswald die Urkunde entgegen.

Warum ihre Oma damals so mutig entschied – Enkelin Frauke Weidner sagt vor den Schülern, sie würde es selbst so gerne fragen. „Als meine Omi starb, war ich leider erst fünf.“ Sie erinnere sich nur noch an das Gefühl, bei ihr willkommen zu sein, an den Geschmack von verquirltem Ei mit Zucker, an eine schicke Kurzhaarperücke, die sie oft aufsetzen durfte. Die Schüler aus Rövershagen hätten diesen Erinnerungen eine neue hinzugefügt, eine, aus der sie viel lernen könne: „Kein Umstand kann zu bedrohlich sein, als dass ich nicht die Möglichkeit hätte, mich für das Gute zu entscheiden.“

Als Mathilde Böckelmann 1945 ihr mutiges Ja aussprach, hatte das jüdische Mädchen Miriam schon schwere Jahre hinter sich. 1938 war der Vater für Monate ins KZ Sachsenhausen gesteckt worden, 1941 begannen die Deportationen in Deutschland und der Familie war klar: Wir müssen raus, raus aus Nazideutschland. Als angeblicher Arier geht der Vater damals nach Magdeburg, die Mutter versteckt sich in der Eifel, die zwölf-jährige Miriam taucht bei Familien in Berlin und Kaulsdorf unter, muss dort hart arbeiten, Schweine hüten, schwere Töpfe schrubben. Erst in Pustow, wo sie als 15-Jährige ankommt, wird ihr Leben wieder etwas leichter. „Ich wurde als Haustochter aufgenommen“, erzählt sie. Bis zum Ende des Zweitens Weltkriegs, fünf Monate lang, bleibt sie bei Familie Böckelmann, hilft im Haus, geht nicht zur Schule. „Ich hatte viel Angst“, sagt sie. Trotzdem: „In Pustow konnte ich umherstreifen. Das war eine gute Zeit für mich, und sie ging vorbei wie der Wind.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandert Miriam Fernbach nach Israel aus, wird Krankenschwester und heiratet. Drei Kinder bekommt sie, sechs Enkel hat sie heute, zwei Urenkelinnen inzwischen auch. Sandra Witte von der israelischen Botschaft sagt: „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gäbe es sie alle nicht, wenn Mathilde Böckelmann damals anders entschieden hätte.“

Die Auszeichnung

Seit 1953 verleiht Israel die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ an nichtjüdische Menschen, die in der NS-Zeit nachweislich Leben und Besitz riskiert haben, um Juden zu retten.

Mehrere tausend Menschen aus 51 Ländern haben diesen Titel inzwischen erhalten, darunter der Greifswalder Industrielle Berthold Beitz und 586 weitere Deutsche.

Ihre Namen stehen in der berühmten Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem auf der sogenannten Mauer der Gerechten, nachzulesen für Besucher aus aller Welt.

Sybille Marx und Michael Schißler

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