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Stadt erlaubt Bilder auf Grabsteinen

Greifswald Stadt erlaubt Bilder auf Grabsteinen

Bisher entschied die Verwaltung willkürlich über das Anbringen von Fotos Verstorbener. Jetzt gilt gleiches Recht für alle. Das ist einem Berliner zu verdanken.

Greifswald. Acht Monate hat Hans-Joachim Lüdemann mit seiner Nichte um ein zehn mal 13 Zentimeter großes Foto gekämpft. Es schmückt den Grabstein seines Bruders und dessen Frau auf dem Neuen Friedhof. Das Stückchen Leder, das das Foto verbarg, kann fallen. Es war angebracht worden, weil die Verwaltung zunächst das Setzen des Steins mit Bild verboten hatte. Und das, obwohl kurz zuvor ein Grabstein mit Keramikfoto erlaubt worden war.

Jetzt freut sich der in Berlin lebende Schriftsteller, der vor 70 Jahren in Greifswald geboren wurde und hier auch studierte: Auf Grabsteinen darf künftig in Greifswald ein Porzellanbild mit den Fotos von Verstorbenen in der genannten Größe angebracht werden. Mit überwältigender Mehrheit hat sich die Bürgerschaft für die dafür nötige Änderung der Gebührensatzung ausgesprochen.

Bislang waren Porzellanbilder ebenso wie Emaillefotos, Fotos in Metallrahmen, das Radieren von Porträts und das Anbringen von Glas und Kunststofftafeln nicht erlaubt.

Bis ins Detail regelt die 30 Seiten starke Satzung wie das Erinnern an Verstorbene zu erfolgen hat. So sind für Grabmale Natursteinmaterialien und Holz, für die Grabausstattungen Naturstein, Metall und Metalllegierungen zugelassen. Verboten sind alle nicht aufgeführten Materialien, Zutaten, Gestaltungs- und Bearbeitungsarten, insbesondere Beton, Glas, Emaille, Aluminium, Kunststoff, Lichtbilder und Ölfarbenanstriche. Oberbürgermeister Arthur König (CDU) hat das Fotoverbot der Friedhofsverwaltung, das am Ende doch gefallen ist, lange verteidigt.

„Meine Nichte und ich sind froh, dass es so gekommen ist“, sagt Lüdemann. Er habe sich immer im Recht gefühlt, da es solche Keramikfotos trotz gegensätzlicher Festlegungen schon auf anderen Greifswalder Grabsteinen gab. „Es muss gleiches Recht für alle gelten“, sagt Lüdemann. „Als Norddeutscher in der Diaspora bin ich nun mal stur.“ Und solche Keramikfotos gebe es heute an vielen Orten.

Wohl ein Einfluss der Russlanddeutschen, denn im Osten Europas werden Verstorbene häufig auf Grabsteinen dargestellt.

„Es wurde Zeit, dass die alte, kleinliche, vormundschaftliche Regelung abgeschafft wird“, kommentiert Peter Multhauf, Bürgerschaftsabgeordneter der Linken. Lüdemann habe in dem im August 2013 begonnenen Schriftwechsel verschiedene Antworten bekommen. „Ich schäme mich für einige“, so Multhauf und zitierte auf der Bürgerschaftssitzung: „Von einem Lichtbild geht weder Trost noch Hoffnung aus, da es lediglich die Wiedergabe einer äußeren Erscheinung zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Das Grabmal, welches mindestens 20 Jahre auf dem Grab, im Friedhof, einem öffentlichen Raum steht, sollte mehr sein als nur Ausdruck momentaner Befindlichkeit.“ Das gewünschte Foto habe „anklagenden Charakter, da es dem Betrachter den Eindruck vermittelt, die verstorbenen Personen seien aus dem vollen Leben herausgerissen worden und bereits in jüngeren Jahren verstorben.“

Lüdemann ließ sich von den Widersprüchen der Verwaltung nicht beeindrucken. Schließlich hatte er doch noch Erfolg.

OB-Stellvertreter Jörg Hochheim (CDU) lenkte ein und veranlasste die Änderung der Friedhofssatzung. Er begründete das damit, das auch auf dem Friedhof gleiches Recht für alle gelten müsse. Das betreffe auch für das Anbringen von Keramikbildern.

Wir waren alle mal jung
Wenn die Stadt jetzt das Anbringen von Fotos erlaubt, dann darf es keine Zensur, keine Vorschriften geben.
Meine Eltern sind über 80 Jahre alt geworden. Als wir Freunde und Familie über ihren Tod informierten, stand die Frage: Mit Bild oder ohne und wenn ja, welches. Wir haben uns jeweils für Fotos entschieden, die Mutter und Vater im besten Alter zeigten. Als es ihnen gut ging und sie das Leben vor sich hatten. Meine Mutter und mein Vater waren auch mal jung, waren nicht immer alt. Sie haben sich um ihre Familie aufopfernd gekümmert. Das ist es, woran wir uns erinnern woll(t)en. Dass sie zum Schluss sehr krank und hilfsbedürftig waren, das gehört zum Leben. Wer sich für ein Bild der Verstorbenen auf einem Grabstein entscheidet, der hat gute Gründe, diese nicht als alte Menschen zu zeigen. Wenn wir ein Foto gewollt hätten, dann hätten wir uns wie Lüdemanns entschieden.

 



Eckhard Oberdörfer

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