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Greifswald Telenotarzt – schneller Retter über die Datenleitung
Vorpommern Greifswald Telenotarzt – schneller Retter über die Datenleitung
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00:05 05.10.2017
Ein simulierter Einsatz: Die Notfallsanitäter Mirko Giese und Andreas Schössow (v.r.) behandeln nach Anweisung des Telenotarztes, mit dem sie sich über Headsets verständigen, die „Patientin“ Deborah Uebermuth: Sie ist eine Medizinstudentin. Quelle: Fotos: Peter Binder

Notfallpatienten im Landkreis Vorpommern-Greifswald haben seit gestern die Chance, schneller als bisher diagnostiziert und therapiert zu werden.

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Bundesweit einmaliges Projekt ist seit gestern im Landkreis am Start

Möglich macht das der Telenotarzt, der mit dem Notfallsanitäter per Live-Übertragung kommuniziert, sobald dieser mit dem Rettungswagen beim Patienten eintrifft. Fünf neue Vollzeitstellen sollen einen Rund-um-die-Uhr-Einsatz garantieren – sieben Tage die Woche.

Das neue System ist in seiner Komplexität „bundesweit einmalig“, versichert Dr. Lutz Fischer, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Vorpommern-Greifswald. „Seit langem verzeichnen wir im Landkreis steigende Einsatzzahlen beim Rettungsdienst, pro Jahr sind es etwa 23 000, davon die Hälfte mit Notarzt“, sagt Professor Klaus Hahnenkamp, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Unimedizin Greifswald. Das Problem dabei: In manchen Fällen, in denen nicht sofort ein Notarzt mitfahre, müsse einer nachgeordert werden. Dabei vergingen wichtige lebensrettende Minuten, da ein Sanitäter viele Maßnahmen ohne Anweisung durch einen Notarzt nicht beginnen dürfe. In anderen, leichten Fällen indes sei ein Notarzt unter Umständen nicht erforderlich – dafür fehle er dann andernorts.

„Mit dem Start des Telenotarzt-Systems wollen wir einerseits den therapiefreien Intervall verkürzen, andererseits die Notarzteinsätze bei nicht lebensbedrohlich erkrankten Patienten reduzieren“, erläutert Dr. Peter Brinkrolf, Leiter des Projekts „Landrettung“. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine vom Bund mit 5,4 Millionen Euro geförderte Gemeinschaftsinitiative des Landkreises, der Universitätsmedizin Greifswald, der Universität Greifswald und der zeb.business school an der Steinbeis Hochschule Berlin. Ziel dieser Zusammenarbeit sei es, so Hahnenkamp, den Herausforderungen des Rettungsdienstes in unserer sehr dünn besiedelten Region gerecht zu werden. Zwar gebe es 19 Rettungs- und elf Notarztwachen im Kreis. Dennoch seien die Wege oft lang. Zusätzliche Notarztstandorte abseits von Krankenhäusern seien nur schwer zu besetzen.

Deshalb hat seit gestern in unmittelbarer Nähe zu den in Greifswald stationierten Notarzt-Einsatzfahrzeugen am Uniklinikum der Telenotarzt seinen Büroarbeitsplatz: Der Raum ist mit vier Bildschirmen ausgestattet, die ihm alle wichtigen Daten über die vor Ort erhobenen Vitalparameter des Patienten liefern. „Das sind Echtzeitdaten über Blutdruck, Pulsfrequenz und so weiter“, so Brinkrolf. Der Telenotarzt kommuniziere über ein Headset mit dem Rettungspersonal, das per Smartphone auch Fotos schicken kann. So erhalte der Telenotarzt schnell ein Bild vom Patienten, Informationen über die Medikamentenliste betagter Menschen oder anderes mehr. Fünf Mobilfunkantennen, eine Videokamera, ein Patientenmonitor sowie ein Drucker im Rettungswagen machen eine Live-Übertragung möglich. Zwar würden mehrere Mobilfunknetze genutzt, so Brinkrolf, dennoch könne es passieren, dass sich ein Fahrzeug im Funkloch befinde. Dann helfe nur: ein Stück weiter fahren. Kreissozialdezernent Dirk Scheer weiß um dieses Problem und betont daher: „Wir müssen die Digitalisierung im Kreis vorantreiben. Aber das ist ein Prozess. Erst einmal heißt es jetzt: Anfangen! Mit diesem Modell sind wir bundesweit ganz weit vorn.“

Angefangen wurde gestern mit zwei Rettungswagen, die für dieses System ausgestattet wurden und nun in Greifswald beziehungsweise Wusterhusen stationiert sind. Weitere vier sollen folgen: in Karlsburg, Loitz, Mellenthin und ein zweiter in Greifswald. Die Notfallteams auf den Rettungswagen wurden geschult, ebenso wie die Notärzte eine Ausbildung erhielten. Das geschah in Kooperation mit der P3 Telehealthcare GmbH in Aachen, wo das System vor drei Jahren in Betrieb ging. „Zuvor starteten 36 Prozent der Rettungseinsätze mit einem Notarzt, jetzt sind es noch 22 Prozent“, berichtet Geschäftsführer Bernd Valentin von den Erfahrungen.

Da der Bund als Fördergeber sehr genau auf Greifswald schaue, „braucht es auch eine besondere Evaluation des Projektes“, sagt Prof. Joachim Hasebrook von der zeb.business school der Steinbeis Hochschule Berlin. Sie werde deshalb in der Pilotphase untersuchen, wie das Telenotarztsystem funktioniere. Die Uni Greifswald nehme zeitgleich die betriebswirtschaftliche Seite unter die Lupe.

Das Projekt Landrettung

Der Kreis Vorpommern-Greifswald, die Unimedizin, die Universität Greifswald und zeb.business school an der Steinbeis Hochschule Berlin haben sich zum Gemeinschaftsprojekt „Landrettung“ zusammengeschlossen. Dafür gibt es für drei Jahre 5,4 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses der Krankenkassen als „Versorgungsmodell in strukturschwachem oder ländlichem Gebiet“. Ziel: Verbesserung der notfallmedizinischen Versorgung.

Das Projekt hat vier Säulen:

1. Stärkung der Laienreanimation (2017: 3000 Menschen geschult)

2. Smartphone-basierte Alarmierung mobiler Ersthelfer über Landretter- App

3. Einführung Telenotarzt-System

4. Enge Verzahnung von Rettungsdienst, Notaufnahme, ärztlichem Bereitschaftsdienst.

Dieses komplexe System gibt es bundesweit nirgends.

Petra Hase

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