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Verdi: „Stundenlöhne sind im Keller“

Greifswald Verdi: „Stundenlöhne sind im Keller“

Die Studie des Pestel-Instituts über die steigende Zahl an Multi-Jobbern sorgt für eine neue Lohndebatte.

Greifswald. Die Debatte über Löhne in der Region ist neu entfacht: In der Greifswalder Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sorgt für Zündstoff, dass immer mehr Beschäftigte in der Region einen Zweitjob brauchen. Das hat eine Studie des Pestel-Instituts ergeben, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde. Demnach hatten knapp 4000 Einwohner des Landkreises Vorpommern-Greifswald 2012 eine Zweitbeschäftigung.

Die Studie wurde im Auftrag der Gewerkschaften Verdi und Nahrung-Gaststätten-Genuss (NGG) erstellt und ergibt, dass die Zahl all jener, die neben einem Hauptjob einen weiteren Minijob haben, von 2003 bis heute um 122 Prozent gestiegen ist, sich also mehr als verdoppelt hat. „Aus der puren Lust an einer 55- bis 60-Stunden-Woche übernimmt keiner einen Minijob“, sagt Bernd Gembus. Er ist der Geschäftsführer von Verdi-Neubrandenburg, zu dem Greifswald gehört. „Da werden Stundenlöhne gezahlt, die im Keller sind“, schätzt er ein. „Andererseits steigen die Lebenshaltungskosten.“ Gerade beim Wohnen drehe sich die Preisspirale immer weiter nach oben. In der Hansestadt sind die Mietpreise außerdem traditionell hoch. Dazu kämen stark steigende Nebenkosten. Besonders schlecht dran seien Dienstleistungsberufe wie Friseure, Kellner oder Bewacher. Die Gewerkschaft sieht sich durch die Studie in ihrer Forderung nach einem Mindestlohn bestätigt.

Volker Schulz, der Regionalvorsitzende des DGB Vorpommern, erinnert daran, dass der geforderte Mindestlohn von 8,50 Euro auch im Interesse der Unternehmen sei. „Gute Häuser, die gutes Personal wollen, zahlen gute Gehälter“, sagt er mit Blick auf die Tourismuswirtschaft. Für Marian Kummerow (Die Linke), den Vorsitzenden des Sozialausschusses der Bürgerschaft, ist die Studie ein Anlass, noch einmal Anlauf für eine kommunale Arbeitsplatzinitiative zu nehmen. Ziel sollte die Schaffung von Arbeitsplätzen sein, von denen die Betroffenen ohne Zweitjob leben können.

Arbeitgeber, Gewerkschaften, die Agentur für Arbeit und Verwaltungen sollten auf jeden Fall mit dabei sein, meint Kummerow. Als erster Schritt wäre ein Runder Tisch zur Ideenfindung denkbar. Zweitens benötige Vorpommern-Greifswald qualitätsvolle Wirtschafts- und Tourismuskonzepte.

Laut Statistik der Agentur für Arbeit sind in Vorpommern-Greifswald vergleichsweise viele ältere Arbeitnehmer geringfügig beschäftigt, wie es im Amtsdeutsch heißt. Ein Drittel aller 400-Euro-Jobber gehört der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen an. In Deutschland liegt dieser Anteil im Durchschnitt bei einem Viertel. Generell nimmt die Vollzeitbeschäftigung ab. Seit 2003 stieg die Zahl der Minijobs um ein Drittel. „Der enorme Anstieg ist sicher mit auf die Hartz-Reformen zurückzuführen“, schätzt Matthias Günter, der Verantwortliche der Pestel-Studie, ein. „Die wollte ja, koste was es wolle, mehr Minijobs schaffen.“ Für die Studie im Auftrag der beiden Gewerkschaften hat er alle diejenigen Arbeitnehmer herausgerechnet, die nur einen Mini- und keinen Vollzeitjob haben. In ganz Deutschland gab es im vergangenen Jahr 2,6 Millionen Multi-Jobber, also Menschen, die mit dem Einkommen aus ihrem Vollzeit-Arbeitsverhältnis nicht auskamen. Denn für viele Beschäftigte gab es im letzten Jahrzehnt nur Lohnerhöhungen unterhalb der Preissteigerungsrate.

Dabei gibt es im Westen sogar mehr Multi-Jobber als im Osten. Günther führt das nicht zuletzt auf ein geringeres Angebot an 400-Euro-Jobs in den neuen Ländern zurück.

In Vorpommern-Rügen gibt es die meisten Multijobber
2003gab es in MV im heutigen Kreis Vorpommern-Rügen prozentual die meisten Multijobber (2,2 Prozent, 1945 insgesamt), Vorpommern-Greifswald lag mit 1,9 Prozent (1765) auf Rang fünf.

2012waren in Vorpommern- Rügen 4,6 Prozent (4082 insgesamt, Rang 1) der Beschäftigten Multijobber), in Vorpommern-Greifswald waren es 4,3 Prozent (insgesamt 3914, Rang 3).

Eckhard Oberdörfer

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Rund 4000 Menschen in der Region gehen neben ihrer regulären Arbeit einem Zweitjob nach.

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