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Von fehlgeleitetem Aaltransport, Ulbricht-Käppis und Tarnnetzen

Karlshagen Von fehlgeleitetem Aaltransport, Ulbricht-Käppis und Tarnnetzen

Was wurde aus den „Fischerfrauen von Karlshagen“, abgebildet auf einem Bild? / Unser Autor fand zwei der Frauen: Christa Krause und Inge Klatt / Sie hatten einiges zu erzählen

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Ein aktuelles Foto zeigt Inge Klatt (86/links) sowie Christa Krause (75/rechts), wie sie gemeinsam mit ihrem damaligen Chef, Bruno Wüstenberg, (86) in alten Erinnerungen, Fotoalben und Texten von anno dazumal blättern. Fotos (2): Peter Machule

Karlshagen. „Als wir im Juni das Ölbild in der OZ sahen, haben wir uns sofort wiedererkannt“, sagen Christa Krause (75) und Inge Klatt (86). Die beiden Frauen hatten 1967 bei der Fischereiproduktionsgenossenschaft (FPG) angefangen. „In den Jahren 1969/70 absolvierten wir den Abschluss als Fischwerkerin“, weiß Christa Krause noch. Dass sie damals bei der Arbeit vom Maler Gerhard Raschpichler porträtiert wurden, hatte keine von ihnen bemerkt. „Vermutlich entstand das Gemälde Anfang der 1970-er Jahre, als wir noch Tücher ums Haar hatten“, erinnert sich Christa Krause.

Bruno Wüstenberg

war unser

bester Chef.“Christa Krause

Die Anschaffung von neuen Käppis und weißen Arbeitskitteln geschah wohl auch nur, weil sich der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht zum Besuch der NVA-Dienststelle in Peenemünde angesagt hatte und entlang seiner Protokollstrecke womöglich auch einen Abstecher zum Karlshagener Fischereibetrieb unternehmen wollte. „Damals wurden die unansehnlichen Karlshagener Häuserfassaden entlang Ulbrichts Fahrstrecke zum Teil mit Tarnnetzen der Armee abgedeckt“, sagt Bruno Wüstenberg (86), Buchhalter und Geschäftsführer der FPG „Inselfisch“. Er weiß auch noch, dass anlässlich Ulbrichts Besuchs jede Menge Räucheraal in den Zinnowitzer „Roten Oktober“, das heutige Hotel Baltic, geliefert werden sollte. „Vorm Verladen haben wir die betreffenden Kisten mit blauen Kreuzen markiert, doch sie wurden fehlgeleitet. Im Anklamer Bahnhof konnte der Transport aufgehalten werden, es wurde umsortiert, und der Aal gelangte doch noch ins Baltic. Später erfuhren wir, dass Ulbricht den Aal gar nicht angerührt hat.“

Im Februar 1946 wurde der Karlshagener Betrieb als damalige Raiffeisen- und Fischverwertungsgenossenschaft in einem Verbund mit Stralsund und als Vorläufer der späteren FPG gegründet.

„Geschäftsführer war Walter Dietrich, und die ersten Arbeiten begannen im September 1946“. Erst auf den Befehl Nummer 208/46 hin sei jene Firma gegründet und später mehrfach umbenannt worden. „Zur FPG wurden wir in den 1970-er Jahren“, erzählt Wüstenberg.

Als ehemals größte FPG an der DDR-Ostseeküste erlebte der Betrieb im Laufe seines Bestehens Höhen und Tiefen. „Ich war dort von 1967 bis 1994 in der Fischverarbeitung tätig“, erinnert sich Christa Krause. Dann sei ein „großer Mann aus dem Westen“ gekommen und habe gemeint: „Ab morgen brauchen Sie die FPG Inselfisch nicht mehr zu betreten!“

„Ich war darüber endlos wütend und traurig“, blickt sie zurück. Der Karlshagener Fischbetrieb hat letztlich 1996 dichtgemacht. Frau Krause suchte sich neue Arbeit als Raumpflegerin und klagte gegen ihre Entlassung. „Wir hatten seinerzeit Anteile an der Genossenschaft erworben, die sollten nun auf einmal futsch sein. Das ließ ich mir nicht gefallen und erstritt übers Gericht eine Abfindung, viele andere gingen dagegen leer aus“, sagt Christa Krause.

Ihre Kollegin Inge Klatt, die seit 1967 in der Fischverarbeitung tätig war, ging im Wendejahr 1989 in den wohlverdienten Ruhestand und lebt heute mit ihrem Mann Heinz, der früher in der Fischerfassung der FPG arbeitete, in einer Senioreneinrichtung. „In den 1960-er Jahren erlebte die FPG ihre Glanzzeit, später bei ihrer Auflösung wurde viel Schindluder getrieben, und einiges ist mit Sicherheit nicht so gelaufen, wie es hätte sein müssen“, ist auch Wüstenberg überzeugt.

Eines bleibt ihm und seinen damaligen Mitstreitern: Die Erinnerung an eine schöne Zeit, die keiner missen möchte. „Wir haben tolle Feste gefeiert und herrliche Betriebsausflüge in den Spreewald, nach Oberwiesenthal, Moskau, Sankt Petersburg und auf die Krim unternommen. „Dort habe ich im Schwarzen Meer gebadet, doch der Strandsand ist nicht so fein, wie unserer auf Usedom“, sagt Inge Klatt.

„Herr Wüstenberg war unser bester Chef“, erklärt Christa Krause, die bei ihren Besuchen in der Seniorenbegegnungsstätte „Kiek in“ anderen Rentnern häufig über ihre Zeit in der Fischereigenossenschaft erzählt. Eine Begebenheit aus jenen Tagen entlockt ihr noch heute ein fast spitzbübisches Schmunzeln. „Damals bei der Weiberfastnacht haben wir dem Bruno Wüstenberg den Schlips abgeschnitten, das hat für eine Riesengaudi gesorgt“.

Sogar einige scharfe Messer, mit denen sie früher Fische filetierte, konnte Frau Krause retten und nutzt diese noch heute im eigenen Haushalt.

Peter Machule

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