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WVG-Chef: Wohnen im Alter soll bezahlbar sein

Greifswald WVG-Chef: Wohnen im Alter soll bezahlbar sein

Seit Wochen wird hitzig über die geplante Gründung eines Sozial- und Pflegedienstes in der Hand der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Greifswald (WVG) diskutiert. Die OZ sprach über das Vorhaben mit dem Geschäftsführer Klaus-Peter Adomeit.

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Klaus-Peter Adomeit, Geschäftsführer der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Greifswald (WVG), spricht über die geplante Gründung eines Sozial- und Pflegedienstes.

Quelle: Peter Binder

Greifswald. Ostsee-Zeitung: Sie mussten viel Kritik einstecken für Ihre Pläne, einen Sozial- und Pflegedienst zu gründen. Was hat Sie an der Kritik am meisten überrascht?

Klaus-Peter Adomeit: Wenn man mit neuen Ideen auf den Markt geht, hat man nicht nur Freunde. Das ist mir bewusst geworden. Unglücklich fand ich in der Diskussion, dass es nicht um inhaltliche Dinge ging, sondern darum, dass es die WVG ist, die ein solches Vorhaben umsetzen möchte.

OZ: Damit ist gemeint, dass die WVG ein kommunales Wohnungsunternehmen ist.

Adomeit: Ja, der Vorwurf lautet, dass die WVG in den Pflegemarkt hineingeht, was für ein Wohnungsunternehmen kein reguläres Betätigungsfeld ist und dass die WVG versucht, die bereits existierenden Firmen zu verdrängen. Man hat sich dabei nicht die Mühe gemacht, sich mit dem Vorhaben auseinanderzusetzen. Sophi soll deutlich mehr sein als ein Pflegedienst. Die soziale Betreuung ist zentral im Konzept. Wir sehen Sophi als einen Bestandteil des Wohnens. Unsere Mieter sollen so lange wie möglich selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden wohnen können.

OZ: Die Pflegedienstunternehmen befürchten, dass Sie bestimmte Leistungen günstiger anbieten, als das derzeit am hiesigen Markt üblich ist. Wollen Sie tatsächlich billiger sein?

Adomeit: Wir werden die Leistungen, die Mieter in Anspruch nehmen, genauso nach dem Pflegestärkungsgesetz berechnen wie jeder andere Pflegedienst. Anders wird bei uns sein, dass die Servicepauschale beim Betreuten Wohnen wegfällt.

OZ: Ist Betreutes Wohnen geplant?

Adomeit: Vorrangig geht es um die ambulante Pflege. Aber dort, wo wir es ermöglichen können und die Mieter es wollen, werden wir Betreutes Wohnen anbieten. Der Bedarf wird steigen. Einerseits wollen die Menschen in ihrer gewohnten Umgebung in ihren eigenen vier Wänden bleiben, aber sie möchten auch am Gemeinschaftsleben teilnehmen, zum Beispiel Karten spielen, mit Gleichgesinnten einen schönen Nachmittag verbringen.

OZ: Wie soll das konkret aussehen? Müssen in einem Haus mehrere Mieter Interesse haben?

Adomeit: Wir haben das bereits in drei oder vier Objekten umgesetzt. Es wird gut angenommen. Bei der Wohnform Betreutes Wohnen ist ein Gemeinschaftsraum fester Bestandteil. Darüber hinaus gibt es weitere Räumlichkeiten, beispielsweise für ein Pflegebad. Gerade ältere Menschen haben in ihren Wohnungen häufiger eine Dusche, weil das für sie praktischer ist. Trotzdem möchten sie einmal pro Woche vielleicht gerne ein Bad nehmen.

OZ: In solchen Fällen entfällt dann die Servicepauschale. Es wird also für die Mieter tatsächlich günstiger als bei anderen Anbietern.

Adomeit: Die WVG will ihren Beitrag dazu leisten, Wohnen im Alter bezahlbarer zu machen. Das ist eine unserer Hauptaufgaben als kommunales Unternehmen. Wir haben in Greifswald ja auch die Arbeitsgruppe „Bezahlbares Wohnen“. Das Interesse an bezahlbaren Wohnungen, auch nach Sozialwohnungen, steht dort ganz oben auf der Agenda. Wir nehmen diese Aufgabe ganz bewusst wahr.

OZ: Die Greifswalder Pflegeunternehmen befürchten weiterhin, dass Sie das Personal besser entlohnen könnten, als das derzeit in der Region der Fall ist. Offenbar zahlen viele Pflegedienste zwar mehr als den Mindestlohn, aber weniger als Tarif. Werden Sie nach Tarif zahlen?

Adomeit: Tarif ist Standard. Die Pflege am Menschen ist eine sehr wichtige und auch anstrengende Arbeit. Ich möchte, dass die Mitarbeiter Freude an ihrem Job haben und dazu gehört auch eine gute Entlohnung. Darüber hinaus wollen wir Aus- und Weiterbildung ermöglichen und damit die Chance bieten, Verantwortung zu übernehmen.

OZ: Sie wollen für Ihre Mieter günstige Leistungen anbieten und das Personal gut bezahlen. Nun müssen Sie als Unternehmer vor allem wirtschaftlich agieren. Wie rechnet sich das?

Adomeit: Wir beschäftigen uns seit einigen Jahren mit dem Projekt. Auch der Aufsichtsrat ist beteiligt und eine Unternehmensberatung, die spezialisiert auf dem Pflegemarkt ist. Wir haben entsprechend untersucht, welche Leistungen nach dem Pflegestärkungsgesetz für bestimmte Pflegestufen und Aufgaben vorgesehen sind. Wir geben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Betreuung der Kunden ausreichend Zeit, sie sollen dabei nicht auf die Uhr gucken müssen. Wenn der Mieter eine Leistung nachfragt, soll er auch die Möglichkeit haben, ausreichend versorgt zu werden.

OZ: Wie wollen Sie das machen, wenn bestimmte Leistungen nach zeitlich knapp bemessenen Fallpauschalen im Gesetz vorgesehen sind?

Adomeit: Das Pflegestärkungsgesetz ist ein Bundesgesetz. Es wurde im vergangenen Jahr sehr intensiv diskutiert. In den Begleitkommentierungen wurde analysiert, welche Renditen im Pflegesektor erwartet werden können. Laut diesen Untersuchungen wurden Renditeerwartungen zwischen zwölf und 18 Prozent geweckt. Ich unterstelle nicht, dass die Greifswalder Pflegedienste diese Rendite haben. Wie hoch sie ist, hat bisher kein Unternehmen offengelegt. Wir haben das für die Sophi im Businessplan getan. Die Rendite der WVG-Unternehmensgruppe wird sich weiterhin zwischen vier und sechs Prozent bewegen. Das ist das, was die Kommunalverfassung als Rendite für kommunale Unternehmen vorsieht. Als WVG haben wir eine soziale Verantwortung. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil der Menschen, der von Altersarmut betroffen ist mit 24,6 Prozent fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

OZ: Das Besondere an Ihrem Konzept ist, dass Sie die Gewinne, die Sie im Pflegebereich erwirtschaften, komplett in den Sozialbereich investieren wollen.

Adomeit: Wenn Sie von Gewinnen sprechen, erweckt das den Eindruck, wir würden Riesenbeträge erwirtschaften. Sophi hat zwei Felder, den Sozial- und den Pflegedienst. Wir möchten Sozialmanagement, Betreuungs- und Sozialleistungen anbieten sowie Hilfsleistungen. Wenn ich ein mietrechtliches Problem habe, gehe ich zur WVG. Habe ich aber ein zwischenmenschliches Problem, weil der Nachbar drei Hunde hat oder er morgens um 4 Uhr schon laut Musik hört, dann kommt der Mieter seltener zu WVG, sondern holt eher die Polizei. Auch für solche Probleme wollen wir gerne ein Hilfsanker sein. Die Plattenbaugebiete müssen eine neue Perspektive bekommen. Insofern bin ich dankbar, dass sich die Bürgerschaft dafür ausgesprochen hat, das Stadtteilmanagement in Schönwalde II zu stärken. Dort ist mittlerweile die Caritas wieder aktiv. Wir wollen das Quartiersmanagement in Schönwalde I als ergänzende Maßnahme umsetzen. Die Überschüsse aus dem Pflegesektor wollen wir dort reinvestieren. Es geht also nicht darum, die Gewinne der WVG zu steigern, sondern wir möchten damit Sozialleistungen für hilfebedürftige Menschen anbieten.

OZ: Rein praktisch soll dann in Ihrem geplanten Geschäftssitz in der Heinrich-Hertz-Straße eine Person arbeiten, die für all diese Dinge Ansprechpartner ist?

Adomeit: Die Sozial- und die Pflegedienstmitarbeiter sollen als Team arbeiten, weil beide Kontakt zum Mieter haben. Ich glaube, dass diese Kombination wichtig ist. Wenn ich eine pflegebedürftige Person habe und feststelle, es gibt auch noch andere Probleme, kann sofort ein Sozialarbeiter informiert werden, der hilft. Es soll Mietertreffs und Kaffeenachmittage geben, ebenso feste Öffnungszeiten im Büro. Wir organisieren kulturelle Veranstaltungen. Daraus entsteht der Mehrwert für die Quartiere.

OZ: Wie viele Sozialarbeiter soll es geben?

Adomeit: Bis 2025 werden wir 25 Mitarbeiter haben. Davon werden sieben dem Sozialdienst angehören und zirka 18 dem Pflegedienst. Nach dem Businessplan wollen wir zirka 95 Personen betreuen. Wenn der Bedarf steigen sollte, können wir perspektivisch aufstocken.

OZ: Sie haben im Namen Sophi die Hilfsdienstleistungen extra ausgewiesen. Können Sie sagen, was sich genau dahinter verbirgt?

Adomeit: Wenn jemand in den Ferien eine Betreuung für die Kinder sucht, können wir hier Angebote organisieren. Beispielsweise gibt es den Verein Ferienkinder, mit dem wir kooperieren. Die Trägervereine, die heute schon da sind, machen aus meiner Sicht eine sehr gute Arbeit. Wir wollen sie nicht vom Markt verdrängen, wir wollen Bindegliedpartner werden. Die Caritas mit der Schuldnerberatung und der Telefonseelsorge ist seit Jahren unsere Partner. Wir wollen auch Hilfe anbieten, wenn jemand drei Wochen zur Kur fährt und jemanden sucht, der in der Zeit nach seiner Wohnung schaut, den Briefkasten leert, die Blumen gießt.

OZ: Die Diakonie wirft Ihnen vor, nicht an echter Netzwerkarbeit interessiert zu sein.

Adomeit: Ich finde die Kritik schwer nachvollziehbar. Wir arbeiten seit Jahren unter anderem mit der AWO und der Caritas und vielen anderen Vereinen und Institutionen eng zusammen und sind Partner.

OZ: Sophi soll helfen, die Fluktuationsrate bei den WVG-Mietern zu senken. Ein Prozent geringere Fluktuation bedeutet laut Businessplan eine Einsparung von 270 000 Euro.

Adomeit: Wir wollen das Geld nicht einsparen, sondern in Instandhaltung investieren. Die Fluktuation hängt damit zusammen, dass sich die Lebensumstände der Menschen ändern. Alte Menschen ziehen beispielsweise aus, weil die Wohnung für sie nur noch schwer nutzbar ist – vielleicht fehlt ein Aufzug in dem Aufgang oder die Türen sind zu schmal, um mit einem Rollator gut durch zu kommen. Wir wollen den Mietern bei der Lösungssuche helfen, beispielsweise könnte eine Badewanne durch eine Dusche ersetzt werden.

OZ: Heißt das, dass der Umbau von Badewanne auf Dusche für den Mieter kostenneutral erfolgen kann?

Adomeit: Jeder Mieter hat die Möglichkeit, von der Krankenkasse Zuschüsse zu bekommen, damit in der Wohnung bestimmte Dinge umgebaut werden können. Das könnte bspw. eine Pflegedusche sein oder auch ein anderes Hilfsmittel. Sophi will die Mieter vor Ort beraten, um passgenaue individuelle Lösungen zu finden. Das ist ein ergänzendes Angebot zu der kommunalen Beratungsstelle in der Steinbecker Straße und der Musterwohnung in der Makarenkostraße. Es geht auch darum, Lösungen zu finden, wenn ein Umbau sehr viel Geld kosten würde. Denn den können sich viele nicht leisten. Ziel ist es, zu vermeiden, dass jemand im hohen Alter noch umziehen muss.

Von Degrassi, Katharina

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