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Greifswald Weiterarbeiten — so lange es noch geht

In Greifswald gibt es noch drei Schuhmacher. Ihr Handwerk ist vom Aussterben bedroht.

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Fräsen, schleifen, kleben: An der Ausputzmaschine erledigt Ronald Meier die gröberen Schuhreparaturen.

Quelle: Cem Güler

Greifswald. Wer den kleinen Laden im Greifswalder Schönwaldecenter betritt, fühlt sich, als gehe er durch eine Zeitmaschine 30 Jahre zurück. Es ist ziemlich dunkel und in der Luft liegt der Geruch von Schuhcreme und altem Leder. Hinter der Ladentheke stehen eiserne Maschinen mit verschiedenen mechanisch betriebenen Fräsen und Bürsten.

An einem dieser Geräte schleift Ronald Meier gerade an einem Stiefelabsatz. Ihm gehört der Schuhmacherbetrieb, in dem er seit 15 Jahren kaputte Sohlen, durchgelaufene Hacken und verschlissene Schäfte repariert. Doch von Tag zu Tag wächst die Ungewissheit, wie lange er in dem Einkaufszentrum im Greifswalder Osten noch bleiben wird. „Ich habe etwa 20 Aufträge pro Tag. Bei meinen Preisen müssten es fast doppelt so viel sein, damit ich gut über die Runden komme.“ Sein größtes Problem sei dabei die Ungewissheit. Manchmal stünden seine Maschinen still, während er an anderen Tagen der Arbeit kaum hinterherkomme.

Vor 28 Jahren hat er seinen Beruf bei Schuhmacher Hans Kaapke in Greifswald gelernt. Er habe seine Wahl nie bereut. Meier ist 45. Er geht gebückt, beiläufig erzählt er, dass er als Kind an Rheuma erkrankt sei. Die blaue Schürze ist staubig und voller Schuhcreme. Sein Gesicht ist schmal, die Wangenknochen kantig. Freundlich begrüßt er die Kollegen aus den Ladenlokalen nebenan oder nimmt Aufträge entgegen.

Der Schuhmacherberuf gehört zum bedrohten Handwerk. „Bundesweit ist die Zahl der Betriebe gesunken, in Mecklenburg-Vorpommern sind nur noch 45 Schuhmacher registriert“, schildert Gudrun Hohberger von der Kreishandwerkerschaft Vorpommern-Greifswald. Von diesen 45 Werkstätten, haben drei ihren Sitz in Greifswald. Wenn die Stadt knapp 60 000 Einwohner hat, so muss es in ihr mindestens 120 000 Schuhe geben. Doch während die Bevölkerungszahlen vor Ort steigen, geht der Bedarf an Reparaturen zurück. „Die Kunden überlegen es sich doch zweimal, ob sie sich eine Sohle für 14 Euro machen lassen oder ein neues Paar zum gleichen Preis kaufen“, erläutert Ronald Meier das Problem. Deswegen hat er sich Dinge einfallen lassen, um die Ausgaben zu senken. Die Gummibeschläge für die Absätze schneidet er aus großen Platten selbst zu, anstatt sie fertig zu kaufen. „Um die Preise für die Kunden niedrig zu halten“, erklärt er. „Falls das alles nicht mehr helfen sollte, weiß ich nicht, wie es weitergeht. Die Zeiten sind unbeständig.“

Die Moderne kündigt sich bereits in den verwendeten Materialien an: Während hier die Textilien schadstoffgeprüft werden, ist das bei Schuhen aus Fernost nicht immer der Fall. Meier muss aber trotzdem die Absätze fräsen, wenn er sie neu beschlägt. „Ich bin mir nicht sicher, ob der Staub, den ich da einatme so gut ist.“ Ohnehin sei es nicht einfach, heutige Modelle zu reparieren. Meier deutet auf einen weißen Markenturnschuh mit durchgelaufener Sohle: „Was kann man da noch machen“, sagt er kopfschüttelnd. Für die Reparatur lässt er sich dann aber meistens doch etwas einfallen. Schuhe würden durch die Ausbesserungen der Handwerker generell robuster. Während bei Massenware die Absätze nur gesteckt werden, setzen Schuhmacher beim Ausbessern Holzdübel ein.

Manchmal wünscht sich Ronald Meier andere Dinge machen zu können, als nur Absätze zu reparieren. Doch er ist über jede Arbeit froh. „Schuhmacher müssen kreativ sein“, erzählt er. Seit der Auftragseinbrüche Anfang der 1990er repariert er auch Schlüssel oder nimmt kleinere Ausbesserungsarbeiten an Ledertaschen vor. „Wenn ich meine Stammkunden aus den umliegenden Blocks auch noch verliere, dann sieht es schlecht aus“, sagt Meier. Und tatsächlich, die Gefahr besteht. Sie ist einige Ladentüren weiter: Auf der gegenüberliegenden Seite des Schönwaldecenters wirbt ein Schuhdiscounter mit schwarzen Absatzschuhen — für 19,99 Euro.

Ich weiß nicht, was ich in Zukunft mal machen sollte, wenn es nicht mehr weitergeht.“Ronald Meier (45)

Cem Güler

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