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Greifswald „Wendelstein 7-X ist absolut sicher“
Vorpommern Greifswald „Wendelstein 7-X ist absolut sicher“
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14:03 27.07.2016

Für den Laien sieht der Greifswalder Fusionsreaktor Wendelstein 7-X aus wie ein großes, kaum zu erfassendes Chaos. Überall Metallstreben, Rohre, kreuz und quer und in seltsam gewundenen Formen. „Die Fachzeitschrift Science bezeichnete es mal als ,Han Solos Millenium-Falken’“, erzählt Thomas Klinger, Leiter des Kernfusionsexperiments, gerne. Dass es selbst gestandene Journalisten an ein Raumschiff aus den Star-Wars-Filmen erinnert, will schon etwas heißen.

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Der Tüv Rheinland hat die Anlage unter die Lupe genommen / Beim Blitzlicht musste nachgebessert werden

Man muss aufpassen, dass man sich nicht von der Komplexität verwirren lässt.“Jens-Uwe Schmollack

Da die Maschine aber nicht durchs Weltall fliegt, sondern auf deutschem Boden steht, muss sie vielzählige Sicherheitsbestimmungen einhalten. Der Bautyp „Stellarator“ ist nicht neu, dennoch ist die Anlage in vielen ihrer Komponenten weltweit einmalig. Außerdem gibt es hierzulande zwar das Atomgesetz, die Strahlenschutz-Verordnung und viele weitere Vorschriften. Doch speziell an die Plasma- und Fusionsanlagen, mit denen die Energiegewinnung der Zukunft erforscht werden soll, ist keines dieser Regelwerke angepasst. Wie überprüft man also die Sicherheit?

Jens-Uwe Schmollack und sein Team (im Kern fünf Personen) vom Tüv Rheinland mussten sich erstmal ein ganzes Jahr am Schreibtisch einarbeiten. „Man muss aufpassen, dass man sich nicht von der Komplexität verwirren lässt“, erzählte der Physiker gestern bei der Präsentation seiner dreijährigen Arbeit. Sie ist die Grundlage für die Ende vergangenen Jahres seitens der Behörden ausgestellten Betriebsgenehmigung.

In der Praxis gingen die Kontrolleure dann systemweise vor. An der Anlage selbst, so berichtet Schmollack, habe man zunächst die Komponenten ausfindig machen müssen, die für die Arbeitssicherheit wichtig sind. Sollte die nicht mehr gegeben sein, kommen weitere Systeme ins Spiel, etwa das, das die Räumung der Anlage auslöst. Im Falle eines Falles drückt ein Mitarbeiter im Kontrollzentrum auf einen Knopf „und dann ist überall eine angenehme Frauenstimme zu hören, die zum Verlassen des Gebäudes auffordert“, sagt Thomas Klinger. „Aber wenn ein Elektriker gerade Stöpsel in den Ohren hat, hört er das nicht.“ Also musste auch ein starkes optisches Signal her. Blitzendes Licht wird zusätzlich eingesetzt. Allerdings war das anfangs nicht überall wahrnehmbar. Schmollack und sein Team sorgten dafür, dass es nun auch im hintersten Winkel (und davon gibt es bei Wendelstein 7-X so einige) nicht zu übersehen ist.

Die erste, dreimonatige Experimentierphase von Wendelstein 7-X ist vorbei. Die Maschine wird nun für den späteren Betrieb umgebaut. Dieser soll mit Deuterium und Tritium erfolgen. Die Kernfusion ist eine nukleare Technologie. Zwar sind nur ein bis zwei Gramm Brennstoff im System (bei der Kernspaltung sind es 100 bis 200 Tonnen), trotzdem rückt der Strahlenschutz in den Fokus. Schmollack und seine Kollegen haben errechnet, dass am Zaun des Betriebsgeländes weniger als 0,06 Millisievert messbar wären. Die Strahlenbelastung erreicht die Höchstgrenze von 0,3 Millisievert bei weitem nicht.

„Die zulässigen Grenzwerte für Normalbetrieb und Störungen werden deutlich unterschritten“, so der Prüfer. „Die Anlage ist absolut sicher. Davon bin ich überzeugt.“

Noch hat der Tüv Rheinland einige Zeit in Greifswald zu tun, ein Ende ist aber absehbar. Die Prozesse müssen allerdings auch künftig Anforderungen und Richtlinien für die geforderten Standards erfüllen. Ob der Tüv Rheinland dafür den Zuschlag bekommt? Schmollack würde gerne weitermachen. Immerhin kennt er sich nun sehr gut aus in diesem „Raumschiff“.

Wendelsteins Meilensteine – Die Planungen begannen vor über 35 Jahren

Die Geschichte der Kernfusionsanlage reicht zurück bis ins Jahr 1980. Damals begannen die wissenschaftlichen Vorbereitungen im Max-Planck-Institut (IPP) im bayrischen Garching. Greifswald war zu dem Zeitpunkt als Standort freilich noch nicht im Gespräch. Das Teilinstitut des IPP wurde hier erst 1994 gegründet. In dem Jahr wurde auch der EU-Kommission empfohlen, Wendelstein 7-X zu genehmigen.

Weitere Meilensteine des Projekts:

1996 Eine Vereinbarung des Bundesforschungsministeriums mit den Kultusministerien in Bayern und MV sichert die Finanzierung. Auch die EU hat Geld zugesagt. Am Ende wird die Anlage mehr als eine Milliarde Euro kosten.

1998 Richtfest und Vergabe des Großauftrags zur Herstellung von 50 supraleitenden Magnetspulen.

In den Jahren danach werden die einzelnen Bestandteile getestet, geliefert, und eingebaut. Die Anlage wächst. 2014 wird die Außenhülle verschlossen. Die Betriebsvorbereitungen beginnen. Nach letzten Tests wird im Dezember 2015 das erste Heliumplasma erzeugt. Im Februar 2016 zündet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das erste Wasserstoff-Plasma.

Quelle: www.ipp.mpg.de

Kai Lachmann

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