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Greifswald Wenn Erwachsene schreiben lernen

21000 Analphabeten gibt es im Landkreis / Vier lassen sich aktuell in der Volkshochschule Greifswald helfen

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Mit Übungen auf Grundschulniveau wird den Analphabeten das Lesen und Schreiben näher gebracht. Lehrerin Schmeling setzt vor allem auf Rechtschreibung und Verständnis.

Quelle: Ann-Christin Schneider

Greifswald. Der 55-jährige Frank (Name geändert) schaut auf sein Arbeitsblatt, auf dem verschiedene Kleidungsstücke abgebildet sind. Er muss sich nun für die richtige Schreibweise entscheiden: Ist es ein Mantel oder ein Mantal? Heißt es Rock oder Ruck? Obwohl diese Aufgaben viele Grundschüler lösen könnten, sind sie für Frank schwer. Er ist Analphabet und arbeitet mit seinen Mitstreitern im Grundbildungskurs der Kreisvolkshochschule in Greifswald an seinen Problemen mit dem Lesen und Schreiben.

Noch immer ist Analphabetismus ein Tabuthema“Marion Buhl vom

Landesverband der

Volkshochschulen in MV

„Meine Familie waren Bauern, da musste ich auch schon mit fünf Jahren mithelfen“, erklärt der Arbeitslose, der 35 Jahre lang als Schlosser gearbeitet hat. Deshalb habe er es selten zur Schule geschafft. Als dann auch noch seine Eltern verstarben und er ins Heim kam, machte er dicht. „Mir ist das egal geworden.“ Somit habe er nie richtig Lesen und Schreiben gelernt.

Damit gehört er zu den rund 150000 Analphabeten in Mecklenburg-Vorpommern, die der Volkshochschulverband des Landes 2013 gezählt hat. 21000 davon gibt es allein im Kreis Vorpommern-Greifswald, sagt Marion Buhl, Fachbereichsleiterin für die Grundbildung im Landesverband. „Es fällt diesen Menschen oft schwer, zuzugeben, dass sie Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben“, so Buhl weiter. Doch gerade Freunde und Verwandte seien wichtig für die Betroffenen, weiß Ute Boback-Askri, Leiterin der Volkshochschule Greifswald. „Wie sollen sie sonst von Hilfsangeboten erfahren? Denn Plakate oder Flyer können sie ja nicht lesen“, erklärt sie. Deswegen hätten die Volkshochschulen auch engen Kontakt zu Jobcentern und anderen Behörden, um an die Analphabeten heranzukommen. „Analphabetismus ist schließlich noch immer ein Tabuthema“, resümiert Buhl vom Landesverband.

So auch für Frank. Viele Jahre schummelte er sich mit seiner Schwäche durchs Leben. „Es gibt schon Tricks“, erklärt der 55-Jährige. „Zum Beispiel, dass man seine Brille vergessen hat.“ Eine Bekannte hilft ihm beim Ausfüllen von Formularen und dem Lesen von Briefen. „Ohne sie würde ich auf der Strecke bleiben“, gibt er zu und ist dankbar für die Unterstützung.

Seit zwei Jahren nimmt er nun schon an dem Seminar von Renate Schmeling teil. Die 66-Jährige war vor ihrer Rente Lehrerin für Deutsch und Französisch. Nun unterrichtet sie schon seit 2009 Analphabeten. „Jeder bekommt individuelle Arbeitsmittel“, sagt Schmeling. „Manche können besser Lesen, andere wiederum besser Schreiben, da suche ich immer spezielle Bücher und Kopien heraus.“ Ihr gehe es vor allem um die Rechtschreibung und um das verstehende Lesen. Dazu werden Themen und Texte für Erwachsene ausgesucht, die sich mit Alltagsproblemen bei der Post, der Bank, bei Behörden oder beim Einkauf ergeben.

So sitzt auch Torsten gerade an Verständnisfragen zu Nahrungsmitteln. Obst, Getreide- oder Milchprodukte kann er mittlerweile schon gut zuordnen. „Schon in der Schule hatte ich Probleme, so dass ich auf die Hilfsschule geschickt wurde. Aber selbst da konnten mir die Lehrer nicht helfen“, beschreibt der 31-Jährige seine Situation. Durch seine Lese-Rechtschreib-Schwäche hätte er auch keine Ausbildung machen können, nun arbeitet er in der Greifenwerkstatt und stellt Schläuche für Boote der Greifswalder Firma Hanseyachts her.

Auch den Führerschein konnten beide problemlos machen. „Die Lese-Rechtschreib-Schwäche muss nur von der Führerscheinstelle bestätigt werden und ein Antrag auf eine Audioprüfung gestellt werden“, erklärt der Abteilungsleiter für Fahrerlaubniswesen der Dekra Neubrandenburg, Wolfgang Schulz. Dann würden bei der Theorieprüfung den Betroffenen die Fragen vorgelesen.

Die kleinen Erfolge machen Frank und Torsten selbstbewusster, so dass sie nun offen mit ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche umgehen. Sie ermuntern sogar andere Betroffene, sich auch helfen zu lassen.

„Es gibt in meinem Freundeskreis viele mit ähnlichen Problemen, die sich noch verstecken“, sagt Torsten. „Man sollte sich aber nicht darauf ausruhen, dass andere einem helfen“, appelliert er.

60 Prozent der Analphabeten sind Männer

150000   Personen in       MV sind sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, dass einzelne Wörter und Sätze verstanden werden, aber kleine Texte sie überfordern. 21000 davon leben im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Deutschlandweit geht der Volkshochschulverband sogar von 7,5 Millionen Analphabeten aus. Das sind 14 Prozent der 18- bis 64-Jährigen. Hinzu kommen weitere 13,3 Millionen Deutsche, die Mängel beim Lesen und Schreiben aufweisen.

Laut einer Studie der Universität Hamburg von 2011 sind 57 Prozent der Analphabeten erwerbstätig. 60 Prozent sind Männer.

Der Volkshochschulverband MV bietet insgesamt 200 Kurse für 1500 Teilnehmer an bis zu zwölf Standorten in der Grundausbildung an.

Von Ann-Christin Schneider

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