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Greifswald Wenn die Sau durchs Dorf rennt
Vorpommern Greifswald Wenn die Sau durchs Dorf rennt
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12:05 16.03.2019
Wildschweine nähern sich immer mehr dem Menschen – wie hier auf Usedom. Quelle: Radek Jagielski
Greifswald

Es war Ende September, als eine Rotte Wildschweine im Greifswalder Volksstadion buchstäblich wilde Sau spielte. Die Tiere wühlten den Rasen des Westplatzes auf und machten zwei Böschungen nieder, wie Stadtsprecherin Andrea Reimann berichtet.

Das Greifswalder Volksstadion ist umgeben von Wohnvierteln. Und es ist nicht der einzige Ort in Greifswald, den Wildschweine in diesem Jahr aufsuchten und verwüsteten. Im Ortsteil Ladebow etwa sind die Spuren der Tiere nicht zu übersehen, sagt Bernd Lieschefsky, Vorsitzender der Ortsteilvertretung. Die große Sorge der Anwohner: dass die Kinder auf den Schulwegen in Gefahr geraten könnten. „Auf diesen Wegen und vor den Garagen in Ladebow sind deutliche Wildschweingrabungen im Boden zu finden“, berichtet Lieschefsky. Seit etwa zwei Jahren rücken die Wildschweine immer wieder in den Ort vor. Gerade vor einigen Wochen habe er erneut eines gesichtet, so Lieschefsky, der Handlungsbedarf seitens der Kommune sieht. „Wir müssen schauen, wo unsere Prioritäten liegen. Liegen sie zu Lasten der Natur oder der Kinder?“

Die Hansestadt Greifswald weiß schon länger um das aufwühlende Problem. „Prinzipiell kann man aber sagen, dass die Schäden im Vergleich zum Vorjahr wesentlich geringer geworden sind“, sagt Sprecherin Andrea Reimann. Zum einen liege das an der Bejagung. „Zum anderen hat es vielleicht auch genützt, dass wir die Bürger mit einem Faltblatt und einer Internetseite darüber aufgeklärt haben, was man tun kann, um die Wildschweine nicht ins Stadtgebiet zu locken.“

Hohe Anzahl an Wildschweinen ist flächendeckendes Problem

Die hohe Anzahl an Wildschweinen sei nahezu ein flächendeckendes Problem in Vorpommern-Greifswald, sagt indes Achim Froitzheim, Sprecher des Landkreises. „Am Stadtrand von Greifswald, in Ladebow und an der polnischen Grenze zu Swinemünde macht sich die Problematik besonders bemerkbar, da hier dichte menschliche Besiedlung und eine hohe Anzahl von Wildschweinen zusammenkommen“, erklärt Froitzheim.

Der Landkreis hält jährlich ein Symposium zur Bejagung des Schwarzwildes ab und hat eine entsprechende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. „Lebendfallen, alternative Jagdmethoden, bessere Vernetzung aller Betroffenen und wissenschaftliche Beratung waren nur einige der Arbeitsfelder, der sich die Gruppe über Monate und Jahre gewidmet hat“, so Froitzheim.

Auch im nordöstlichen Teil der Insel Rügen sind die Tiere des Öfteren in den Gemeinden anzutreffen, sagt Thomas Nießen, Vorsitzender des Jagdverbandes Rügen. „Betroffen sind dabei Sellin, die Insel Hiddensee und Binz. In Sassnitz dagegen sind es eher Damwild und Rehe, die bis in die Vorgärten spaziere“, so Nießen. Von einer Wildschweinplage würde er aber noch nicht sprechen. In Sellin pflügten allerdings Wildschweine am vergangenen Wochenende die Wiese vor dem Hotel Bernstein um. Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz, relativiert indes: Vereinzelt seien bereits Wildschweine im Ostseebad gesichtet worden. Allerdings sei das kein großes Problem. „Wahrscheinlich sind die Tiere mehr im Norden von Rügen anzutreffen, da es dort mehr Landwirtschaft gibt.“

Reichlich Nahrung und Schutz für die Tiere

Dass die Tiere immer weiter in die Nähe von Menschen rücken, hat laut Jäger Nießen mehrere Gründe. Zum einen gebe es in den Dörfern und Städten reichlich Nahrungsangebot. Die Tiere fressen sowohl Fallobst und Feldfrüchte als auch Aas, Gartenabfälle und Würmer. Das alles finden sie sehr leicht in Gärten oder auf Grünflächen. Außerdem würden Städte und Gemeinden den Tieren genügend Schutz bieten. „Es ist fast schon ein Phänomen, dass sie nun den urbanen Raum als ihr Habitat nutzen“, sagt Nießen. Abschuss in Städten ist nicht erlaubt Doch wie kann man verhindern, dass Wildschweine sich den Menschen nähern? „Vor allem sollten die Tiere unter keinen Umständen gefüttert werden“, sagt Olaf Manzke.

Der Sprecher des Landkreises Vorpommern-Rügen weiß um die Problematik zwischen Anwohnern und Tieren. Dennoch: Viele Möglichkeiten, die Wildschweine von Kommunen fern zu halten, gebe es nicht, so Manzke. In den Städten sei es nicht erlaubt, die Tiere einfach zu erschießen. Giftfallen können nicht ausgelegt werden, da die Gefahr zu groß wäre, dass Kinder oder Hunde mit diesen in Kontakt kommen. In der Hansestadt Stralsund wurden bislang nur vereinzelt Wildschweine gesichtet – nach OZ-Informationen beispielsweise im Ortsteil Grünhufe. „Die Betonung liegt auf Einzelfällen“, sagt Peter Koslik, Pressesprecher der Stadt. Beschwerden von Anwohnern und Gegenmaßnahmen gebe es bisher nicht. „Denn zu Greifswald ist das hier in Stralsund kein Vergleich“, so Koslik weiter.

In diesem Jahr wurden in ganz Mecklenburg-Vorpommern knapp 86 000 Wildschweine erschossen. Noch nie zuvor wurden so viele Tiere seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1972 erlegt. Grund für die hohe Zahl war das Schwarzwildmaßnahmenpaket, das eine mögliche Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest, die vor allem in Osteuropa grassiert, in MV verhindern sollte (die OZ berichtete). Das, sagt Nießen vom Jagdverband Rügen, sei immer noch Thema. Gerade an der polnischen Grenze sei die Gefahr, dass sich die Tiere mit dem Virus infizieren können, sehr hoch. Und stecken sich Wildschweine an, stelle dies wiederum für Hausschweine eine große Gefahr dar.

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