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„Wir sollten weniger über Arndt reden“

Debatte über Namenspatron neu entfacht: Heute berät der Senat der Uni „Wir sollten weniger über Arndt reden“

Zu den Fehlern der Initiative aus dem Jahr 2009 „Uni ohne Arndt“ und möglichen Alternativen äußert sich der damalige Sprecher Sebastian Jabbusch in einem Gastbeitrag

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So in etwa sah der Mann aus, dessen Name die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald trägt.

Quelle: Peter Binder

Greifswald. Im Jahr 2009, der letzten Arndt-Debatte, haben wir Fehler gemacht. Da der Akademische Senat der Universität jetzt wieder über Arndt diskutieren will, möchte ich davor warnen, unsere Fehler zu wiederholen.

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Zu den Fehlern der Initiative aus dem Jahr 2009 „Uni ohne Arndt“ und möglichen Alternativen äußert sich der damalige Sprecher Sebastian Jabbusch in einem Gastbeitrag

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Was war passiert? 2009 schlossen sich viele Studenten zur Initiative „Uni ohne Arndt“ zusammen. Bei der ersten Aktion las ich öffentlich vor der alten Mensa als Arndt kostümiert seine Texte im Original vor. Innerhalb von 30 Minuten gingen sieben Anrufe von Bürgern bei der Polizei ein: Wegen Volksverhetzung. Durch die anschließende polizeiliche Räumung wurde ich zum bekannten Gesicht der Initiative.

Doch was waren die Fehler? Unsere Kampagne dauerte ein Jahr lang. Wir durchwühlten Archive, befragten Historiker, führten Lesungen durch und organisierten Debatten. Mit all den Ergebnissen füllten wir Plakate, einen Blog und eine Zeitung. Vom akademischen Anspruch beseelt glaubten wir, dass wir so viele Fakten verbreiten müssten wie möglich, dann würden automatisch alle das Problem selbst erkennen.

Inhaltlich brillierten wir: Den antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Charakter von Arndts Hass-Schriften konnten schlussendlich selbst die Anhänger des Uninamens nicht leugnen. Auf www.uni-ohne-arndt.de sind die Schriften dokumentiert.

Dennoch verloren wir die Debatte insgesamt. Bei jeder Diskussion, mit jedem Plakat und bei jedem „Recht behalten”, spalteten wir die Studierendenschaft in Gewinner und Verlierer. Jeder, der Arndt verteidigte, fühlte sich schnell in die Ecke gedrängt, zum „Verlierer“, wenn nicht gar zum Nazi abgestempelt. Uns eilte schnell der Ruf der notorischen Besserwisser voraus, die sich nur „profilieren wollten“. Die Stimmung innerhalb der Studierendenschaft und der Stadt war aufgeheizt, die Debatte immer aggressiver und die Lager geradezu verfeindet.

Ein weiteres Problem war die Angst vieler Studierenden, dass der eigene Abschluss durch eine Namensänderung der Universität abgewertet würde. Ohne Namenspatron klinge der Name „Universität Greifswald” doch sehr provinziell, so ihr Argument. Die Bürger sahen hingegen die Bekanntheit des Vorpommern in Gefahr und Abwertung. Doch statt über einen Alternativnamen, wollten wir damals verbissen lieber über „ihn” diskutieren. Arndt, Arndt, Arndt – das wollte bald niemand mehr hören. Wenn der Akademische Senat jetzt erneut eine wissenschaftliche Arndt-Debatte anregt, schlägt die Universität den gleichen Weg ein. Sie diskutiert über Arndt, über den eigentlich schon alles gesagt und erforscht ist. Die geplante Urabstimmung spaltet wieder in Arndt-Befürworter und -Gegner. In Gewinner und Verlierer. Ein Konflikt, der nicht nur die Uni, sondern auch die Stadt und die Parteien spaltet.

Der Name wurde der Universität von der NSDAP verliehen. „Nur wenn wir so denken (wie Ernst Moritz Arndt), werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes handeln. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart”, sagte der damals Prof. Dr. Heinrich Laag in seiner Rede bei der feierlichen Namensverleihung 1933. Hermann Göring war Ehrengast. Wie wäre es, wenn wir, die Studenten, Professoren und Bürger uns die Frage stellen, aus welchem Geiste heraus unsere Gegenwart im Jahre 2016 lebt oder besser leben soll?

Ich möchte einen offenen Wettbewerb für einen neuen Namenspatron vorschlagen, an dem sich nicht nur Studierende und Professoren, sondern auch die Bürger der Stadt beteiligen können. Statt uns weiter über Arndt zu streiten, sollten wir uns überlegen, welche historische Persönlichkeit für uns heute die besten Werte verkörpert, die diese Universität und diese Stadt für die Zukunft in die Welt tragen wollen. So wird die Umbenennung nicht nur ein notwendiger Akt, sondern gleich noch ein Symbol demokratischer Mitbestimmung in einer freien Gesellschaft.

Uni, Stadt und private Sponsoren sollten zusammenlegen und ein Preisgeld von mindestens 10000 Euro für diesen Wettbewerb ausschreiben. Dieser Anreiz sollte ausreichen, um gut recherchierte und begründete Vorschläge zu erhalten. Eine Jury, auch mit Vertretern der Bürger, trifft eine Vorauswahl. Die besten fünf Vorschläge gehen in die Uni-Urabstimmung. Auch Arndt könnte im Wettbewerb sein.

So können wir darüber streiten, welche Werte uns „wichtiger” sind und uns heute am „besten repräsentieren”, statt ob A oder B „Recht hat”. Als Symbol, dass mir der Vorschlag ernst ist, biete ich dem Senat an, die ersten 1000 Euro für diesen Wettbewerb zu stiften.

Der Fahrplan

Der Senat der Hochschule wird heute in seiner hochschulöffentlichen Sitzung eine Namenskommission wählen. Sie soll, so der Beschluss des Hochschulparlaments vom September, eine Debatte und eine mögliche Urabstimmung über den Namen Ernst Moritz Arndt vorbereiten. Die Kommission soll aus je einem Professor jeder Fakultät, zwei Mitgliedern aus der Gruppe der Studenten, einem Mitglied aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter und einem Mitglied aus der Gruppe der weiteren Mitarbeiter bestehen. Diese Gruppen ist im Erweiterten Senat vertreten, der aus je zwölf Professoren, Mitarbeitern und Studenten besteht.

Um Ernst Moritz Arndt aus dem Namen der Hochschule zu streichen, müsste der Senat per Beschluss eine Änderung der Grundordnung, das heißt des Paragraphen 1, beschließen. Dort heißt es: „Die Universität in Greifswald trägt den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“.

Die dritte Aktion gegen den Patron

1933 wurde der Universität der Name Ernst Moritz Arndt verliehen. Der wortgewaltige Geschichtsprofessor wurde schon 1856 durch Aufnahme als Vertreter der Philosophischen Fakultät für das Rubenowdenkmal geehrt. Zu diesem Zeitpunkt galt er wegen seines Engagements für die deutsche Einheit und gegen Napoleon als nationale Ikone. Ab 1955 gab es bis 1975 in der DDR die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille des Nationalrates der Nationalen Front der DDR, mit der Leistungen im Kampf um die Sicherung der Friedens gewürdigt werden sollten. Der Bund der Vertriebenen verleiht die Ernst-Moritz-Arndt-Plakette. In der DDR gab es mehrere Konferenzen zum Wirken Arndts, über sein Werk wurden Dissertationen geschrieben.

1992erfolgte die Gründung der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft auf einem Schiff vor der Insel Rügen.

2001begann der erste Sturm gegen das Patronat von Ernst Moritz Arndt, der aber ergebnislos verlief. Kritik am Namen gab es schon vorher. Das Echo auf den Artikel „Der fatale Patron“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Jahre 1998 war sehr groß. 2009 wurde Arndts Patronat erneut in Frage gestellt. Innerhalb der Studentenschaft hatte es in der Zwischenzeit immer wieder Diskussionen gegeben. Überraschend votierte aber im Januar 2010 eine Mehrheit der Kommilitonen in einer Urabstimmung für Arndt.

Auch der Senat der Hochschule stimmte gegen eine Änderung der Grundordnung.

OZ

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