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Tausende Euro für Greifswalder Ärzte

Greifswald Tausende Euro für Greifswalder Ärzte

Transparent oder anrüchig? Pharmafirmen legen Zahlungen an Mediziner offen / Unimedizin profitiert am stärksten

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Das Universitätsklinikum Greifswald wurde von zahlreichen Pharmafirmen finanziell bedacht.

Quelle: UMG

Greifswald. Die Liste ist lang: Mindestens 88 Greifswalder Ärzte und medizinische Einrichtungen haben 2015 Zahlungen von Unternehmen aus der Pharmabranche in zum Teil bemerkenswerter Höhe erhalten. Geld gab es in Form von Honoraren, Erstattungen von Reisekosten, für Spesen, Tagungsgebühren oder als Sponsoring. Wer genau wie viel von welchen Firmen bekommen hat, das ist in einer Datenbank des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv im Internet und auf Spiegel Online seit einigen Wochen nachzulesen. Die Angaben stammen von 54 Pharmafirmen, um für mehr Transparenz zu sorgen. Allerdings hat weniger als ein Drittel der Ärzte einer Veröffentlichung zugestimmt.

In Greifswald gingen die meisten Gelder an die Universitätsmedizin und die dort tätigen Ärzte. Den höchsten Betrag – 15532 Euro – erhielt Prof. Alexander Mustea, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (siehe Info-Kasten). Persönlich äußern möchte sich Mustea dazu nicht und verweist auf die Öffentlichkeitsarbeit der Unimedizin. Von dort heißt es allgemein: „Natürlich ist bei der Zusammenarbeit von Industrie und Ärzten streng darauf zu achten, dass fragwürdige Zahlungen im Einzelfall möglichst ausgeschlossen werden. Hierzu gibt es Regularien.“

Was sind das für Regularien? Und haben Zahlungen schon einmal dagegen verstoßen? Prof. Max Baur, Vorstandsvorsitzender der Unimedizin, erklärt, dass jede Nebentätigkeit, jedes Sponsoring und jeder Forschungsauftrag dem Vorstand zur Kenntnisnahme und Genehmigung vorgelegt werden müsse. Seit er dort ist, also seit etwa einem Jahr, wurde noch nichts abgelehnt. „Wenn es sich dabei um eine Nebentätigkeit handelt, wollen wir wissen, wie viele Stunden sie umfasst, ob die Bezahlung adäquat ist und ob ein Interessenskonflikt bestehen könnte.“ Baur nennt ein Beispiel: „Wenn jemand – ein häufig genannter Verdacht – nur noch teurere Medikamente der Firma einsetzen würde, von der er Geld bekommen hat, verstößt das nicht nur gegen die ärztliche Ethik, sondern auch gegen die ökonomischen Interessen der Universitätsmedizin, die diese zusätzlichen Kosten aus ihren Mitteln begleichen müsste.“

Sind Ärzte gegen die Interessen der zahlenden Firmen immun? „Ich fühle mich nicht in meiner Unabhängigkeit meiner Arbeit als Wissenschaftler oder als Arzt beeinflusst“, erklärt Prof. Andreas Greinacher, Facharzt für Transfusionsmedizin am Uniklinikum. Er erhielt 2015 mehr als 9000 Euro. Bei der Zusammenarbeit mit Pharmafirmen gehe es entweder darum, ärztliche Kollegen weiterzubilden oder um „die Unterstützung bei der Entwicklung lebensrettender Medikamente“. Greinacher fühlt sich unabhängig, da der Schwerpunkt bei ihm nie auf einem einzelnen Medikament liege, sondern darauf, „darzulegen, welche Untersuchungen bei Patienten mit Blutgerinnungsstörungen sinnvoll sind“ und wie die medikamentöse Behandlung sicherer gemacht werden kann.

Dennoch lasse sich laut Vorstand Baur eine Beeinflussung nie komplett ausschließen. „Menschliches Fehlverhalten kann es immer geben.“ Aber: „Wenn respektable Großunternehmen wie Roche oder Bayer nicht mit Grundlagenwissenschaftlern zusammenarbeiteten, würden sie etwas falsch machen.“

Die Unimedizin warb 2015 rund 20 Millionen Euro Drittmittel zumeist von der öffentlichen Hand ein. Dennoch soll die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen noch ausgeweitet werden, etwa im Bereich klinischer Studien. Diese müssen angefertigt werden, bevor ein Medikament eine Marktzulassung bekommt.

Neben Geld für klinische Studien zahlen Pharmafirmen auch für äußerst umstrittene Anwendungsbeobachtungen. Diese bezeichnet Arzneimittelprüfer Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln, allerdings pauschal als „wissenschaftlich wertlos“. Spiegel Online sagte er: „Sie liefern uns keine Infos über den Nutzen und die Wirksamkeit eines Medikaments. Deshalb schauen wir sie uns auch gar nicht an.“

Und was erhoffen sich Bayer und Co. von solchen Zahlungen? „Die Unterstützung von mehreren Fortbildungsveranstaltungen der Universitätsmedizin Greifswald durch Bayer war immer mit einer konkreten, angemessenen Gegenleistung in Form von Imagewerbung für die Firma Bayer verbunden“, teilt Sprecher Helmut Schäfers mit.

Auch niedergelassene Ärzte haben Gelder im niedrigen vierstelligen Bereich erhalten. „Bei mir ging es um eine Reise zu einem Fachkongress“, sagt eine Ärztin. Hätte die Firma die Reise nicht bezahlt, wäre sie nicht gefahren. „Aber deswegen fühle ich mich ihr gegenüber zu nichts verpflichtet.“

Die größten Empfänger in Greifswald von Zahlungen von Pharmafirmen 2015

1 Universitätsmedizin Greifswald     144 122 Euro, darunter mehr als 77000 Euro für Sponsoring, unter anderem von der Bayer AG (14 700 Euro) und Roche Pharma AG (11 879 Euro) sowie 40000 Euro für Honorare von Boehringer Ingelheim Pharma.  

Zu den größten Einzelempfängern in der Unimedizin gehören Alexander Mustea mit 15532 Euro (davon 11857 Euro von Roche Pharma u.a. für Reisekosten und Honorare),

Ralf Ewert 14.798 Euro (davon 12 000 Euro für Honorare verschiedener Firmen) und Andreas Greinacher mit 9138 Euro (davon rund 8000 Euro von Bristol-

Myers Squibb für Honorare). Hinzu kommen 21 Mediziner , die Zahlungen von mehr als 1000 Euro erhalten haben, und 21 weitere Mediziner , die weniger als 1000 Euro bekamen.

2 BioCon Valley GmbH, 11 785 Euro für Sponsoring (u.a. 7500 Euro von Pfizer Pharma)

3 Anke Herrmann , Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten 3397 Euro (davon 2888 Euro für Reise- und Tagungskosten von AbbVie)

4 Petra Kessler-Zumpe , Fachärztin für Urologie, 3390 Euro (Honorare und Spesen von Lilly Pharma)

5 Stephanie Winkler , Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten 1455 Euro (Reise - und Tagungskosten von Novartis)

6 Christoph Sowada , Rechtsprofessor an der Uni Greifswald 1051 Euro (Honorar und Spesen von der Firma Amgen GmbH)  

7 Odebrechtstiftung: Fachkrankenhaus für Psychiatrie , 1000 Euro (Sponsoring von Janssen-Cilag)

Evangelisches Krankenhaus Bethanien 800 Euro (Sponsoring von Lilly Pharma und Lundbeck GmbH)

Jens Langosch 777 Euro (Honorar und Reisekosten von Lundbeck GmbH)  

8 Gesellschaft für Nervenheilkunde Mecklenburg-Vorpommern e.V. 1000 Euro (Sponsoring von der Bayer AG)

9 Ernst-Moritz-Arndt-Universität 892 Euro (Sponsoring Merck KGaA)

10 Grypsnet-Ärztenetz e.V. 800 Euro (Sponsoring von UCB Pharma GmbH)

11 Burkhardt Meyer 750 Euro (Honorar von der Novartis Pharma GmbH)

12 Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz und Palliativmedizin MV 750 Euro (Sponsoring Janssen-Cilag GmbH)

• https://correctiv.org

Kai Lachmann

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