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Wundheilung 2.0 in den Startlöchern

Greifswald Wundheilung 2.0 in den Startlöchern

Das Greifswalder Plasma-Patch, das die Therapie revolutionieren soll, braucht nur noch die Zulassung

Greifswald. Es ist bereit zum Einsatz, doch es steckt noch in der Warteschleife: das Plasma-Patch, eine High-Tech-Wundauflage der Greifswalder Firma Coldplasmatech.

 

OZ-Bild

Carsten Mahrenholz mit einem ersten Plasma-Patch aus der Serienproduktion.

Quelle: Foto: Sybille Marx

Weltweit soll dieses Produkt die Behandlung schwerer Wunden revolutionieren, kurz vor Weihnachten ging es serienreif vom Band, erzählt Biologe und Chemiker Carsten Mahrenholz, einer der Firmengründer. Einziges Problem: Die Zulassung als Medizinprodukt nach der EU-Richtlinie steht noch aus. „Und keiner kann uns sagen, wann sie kommt“, seufzt Mahrenholz. „Wir haben die Anträge vor über einem Jahr abgegeben.“

Der Kreis der Menschen, die von der Greifswalder Entwicklung profitieren könnte, ist gigantisch. Allein in Deutschland leiden rund 4,2 Millionen Menschen an einer chronischen Wunde. Weitere rund 800000 haben laut Mahrenholz Wunden, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind. Für beides gilt das Plasmapatch der Greifswalder Forscher als Zaubermittel: Das kalte Plasma, das es in die Wunde bringt, soll binnen Sekunden Bakterien und Keime abtöten, die Zellteilung und damit die Wundheilung anregen (siehe Infokasten). Noch dazu ist die Auflage kinderleicht zu bedienen – mit einem einzigen Schalter.

Immerhin, auch wenn die Zulassung auf sich warten lässt: Die Hürden der Serienproduktion sind inzwischen genommen. Drei verschiedene Firmen in der Nähe von München haben in den vergangenen Monaten im Auftrag von Coldplasmatech getüftelt, um alle Materialien und Fertigungsschritte für das Plasma-Pflaster aufeinander abzustimmen. „Erleichterung“ spüre er darüber, dass dieser Schritt nun geschafft sei, sagt Mahrenholz. „Viele Firmen brauchen drei Jahre, bis sie den Sprung vom Prototypen zum Serienprodukt geschafft haben. Bei uns hat es nur eineinhalb Jahre gedauert.“

Und nicht nur die Greifswalder Entwickler glauben daran, dass ihr Produkt die Wundbehandlung revolutionieren wird, auch finanzstarke Partner tun es. Das Bundesforschungs- und das Wirtschaftsministerium haben in den vergangenen Jahren mehrere 100 000 Euro Fördermittel für die Entwicklung bis zur Produktreife gegeben. Drei Investoren sind mit rund 800000 Euro Kapital in die Firma eingestiegen, obwohl Mahrenholz und seine inzwischen sieben Kollegen noch nicht einen Cent mit ihrem Produkt verdient haben. Die Innovations-Plattform der Bundeswehr steht mit Coldplasmatech in engem Austausch. Und es hagelt Auszeichnungen: „Wir haben über 100000 Euro Preisgelder bekommen“, erzählt Mahrenholz.

Am 5. Februar nun wieder Lorbeeren: In Berlin soll Carsten Mahrenholz bei einer Veranstaltung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und dem Siemens Historical Institute von Coldplasmatech erzählen – als „Visionär“, der in der Ankündigung mit Firmen-Gründer Siemens verglichen wird.

Die ausstehende EU-Zulassung wirkt da wie ein Störkörper – und lässt sich doch nicht umgehen: Bevor das Plasma-Patch auf den Markt darf, muss das Institut Medcert in Hamburg anhand eingereichter Nachweise bestätigen, dass das Patch in Serienproduktion die nötige Qualität hat,dass es verträglich und auch wirksam ist. Das Problem: „Die EU-Richtlinie für Medizinprodukte hat sich letztes Jahr geändert, und im Zuge dessen wurden Zertifizierungsstellen geschlossen“, erklärt Carsten Mahrenholz. Bei den verblieben Stellen stapelten sich nun die Anträge.

Ist das Okay erstmal da, soll alles schnell gehen: „Dann können Krankenhäuser und Ärzte das Produkt sofort bestellen, und die stehen auch schon Schlange“, sagt Mahrenholz. Die Finanzierung über die Krankenkassen ist in Aussicht. „Wir freuen uns, wenn endlich Patienten damit versorgt werden. Bei uns rufen inzwischen jede Woche zwei, drei an und fragen, ob es das Patch schon gibt“. Er und seine Kollegen tüfteln derweil schon an Weiterentwicklungen. „Das muss man als Startup-Unternehmen auch“, sagt Mahrenholz. „Man darf nie stehen bleiben.“

Wie kaltes Plasma Wunden heilt

Wenn kaltes Plasma als Gasschicht bis zum Grund einer Wunde vordringt, tötet es Bakterien und multiresistente Keime, regt zur Zellteilung und damit zur Wundheilung an. Das hat bereits die Greifswalder Firma Neoplas GmbH nachgewiesen, eine Tochter des Leibnitz Instituts INP. Basierend auf Forschungsergebnissen des INP brachte sie 2013 ihren „Plasma-Pen“ auf den Markt, das deutschlandweit erste Medizinprodukt, das mit kaltem Plasma arbeitet. Während dieser Stift jedoch vor allem für die Behandlung von kleinen Wunden geeignet ist, soll das Plasma-Pflaster von Coldplasmatech eine großflächige Behandlung schwer heilender Wunden möglich machen. Auch Coldplasmatech ist eine INP-Ausgründung.

Sybille Marx

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