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Grimmen 90 Jahre in der Manege: Zirkus-Omi feiert in Grimmen
Vorpommern Grimmen 90 Jahre in der Manege: Zirkus-Omi feiert in Grimmen
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14:32 30.08.2018
90 Jahre Zirkusleben: Isolde Ortmann erlebte den Weltkrieg in der Manege. Quelle: Carolin Riemer
Grimmen

Seit fast 90 Jahren spielt sich das Leben von Isolde Ortmann im Zirkus ab. Die zierliche Frau, die noch heute alle „Mäuschen“ nennen, wurde am 3. September 1928 in einem Wohnwagen bei Tauscha (Sachsen) geboren. Ihren runden Geburtstag wird die Frau, die seit ihrer Geburt nicht eine einzige Nacht in einem Haus oder in einer Wohnung schlief, in Grimmen feiern. Sie wuchs im Zirkus „Frank“ ihrer Eltern auf, erlebte den Zweiten Weltkrieg am Rande der Manege und sagt heute: „Wenn ich noch einmal geboren werden würde, ich würde mir immer wieder ein Leben im Zirkus wünschen.“

Reklame brauchte kein Zirkus

Isolde Ortmann kam als achtes von 13 Kindern zur Welt. Damals trugen die Zirkusse noch keine Fantasienamen, sondern wurden nach den Familien benannt. Es gab weder elektrischen Strom noch fließendes Wasser in den fünf Meter langen Wohnwagen. Und natürlich wurden diese von Pferden gezogen. Jeden Tag spielte der Zirkus „Frank“ in einem anderen Ort. Vormittags besuchten die Kinder die Schulen, jeden Tag eine andere. Nachmittags eilten sie dem Zirkus der Eltern zu Fuß hinterher, wenn dieser bereits das Nachbardorf erreicht hatte.

Im Sommer bauten sie das Leinen- Zelt oft nicht auf, sondern zeigten ihre Künste auf der freien Wiese oder auf Marktplätzen. „Reklame mussten wir nicht machen“, sagt sie wehmütig. Wenn ein Zirkus in die Stadt kam, war das Sensation genug. Isolde und ihre Schwestern ritten in ihren Kostümen und auf Pferden durch das Dorf, der Vater spielte Trompete und auf einer Tafel am Rathaus wurden die Vorstellungszeiten verkündet. Das reichte aus. Die Vorstellungen waren fast immer ausverkauft. Die kleine Isolde steht schon als kleines Kind in der Manege. Sie beginnt mit Akrobatik, später entdeckt sie das Kunstreiten für sich. Ihr Vater dressiert Hirsche, Kamele und Lamas. Sogar Affen sind in diesen Zeiten noch im Zirkus erlaubt. Isolde Ortmann erinnert sich sogar noch an Liliputaner, die so mancher Zirkus als Besonderheit vorführte. Sie reisten durch Schlesien, Pommern und Ostpreußen. „Aber dann kam Hitler“, sagt sie und ihre dunklen Augen blicken nachdenklich.

„Aber dann kam Hitler“

Sie ist elf Jahre alt, als der Krieg beginnt. Der Zirkus spielt weiter, aber plötzlich dürfen sie keine Juden und keine Polen mehr in die Vorstellungen lassen. Die Familie beschließt heimlich am Einlass „nicht so genau hinzusehen“ und spielt damit mit ihrem Leben. „Besonders meine Tante hatte große Angst vor Strafen“, erinnert sie sich. Lange Zeit verstecken sie einen von den Nazis verfolgten Roma bei sich. „Er war während eines KZ-Transports geflohen und stand mit blutigen Füßen bei uns auf dem Platz. Papa sagte, dass er bei uns bleiben könne und zwischen all den Artisten nicht auffalle.“ Jahre später sieht sie Heini, den Roma, wieder: „Er war verheiratet und wurde Vater. Er war so dankbar.“

Die Zirkusfamilie muss eine arische Abstammung vorlegen, damit sie weiter auftreten darf. Durch die Ahnenforschung erfahren sie, dass die Wurzeln der Familie bis ins Jahr 1820 eng mit dem Zirkus verbunden sind. Isolde Ortmann ist die sechste Generation, die in ihrer Familie im Zirkus lebt. Nur ein Jahr lang, als Vater und Cousins im Krieg kämpfen sollen, fallen die Vorstellungen aus. In diesem Jahr lebt der restliche Teil der Familie in Vogelberg bei Berlin. Das bedeutet: Ein Jahr lang Schule in Vogelberg. Es sind keine guten Erinnerungen. Die Lehrer wollen Isolde, obwohl sie fast zwölf Jahre alt ist, in die zweite Klasse stecken. „Sie sagten, dass ich nichts kann, weil ich aus dem Zirkus komme.“ Doch die Meinung revidiert das Mädchen. Rebellisch verlässt sie die zweite Klasse und setzt sich in das Klassenzimmer der Gleichaltrigen. Dort überzeugt sie mit ihren Rechenkünsten. Mathe liebt Isolde Ortmann noch heute. Bis vor zwei Jahren kassierte sie die Gäste des Zirkus Barlay ab.

Nur ein Enkelkind liebt nicht mehr im Zirkus

Doch auch wenn die Technik moderner wurde, sagt sie: „Die Zeiten heute sind für Zirkusse schwerer als damals. Sogar schwerer als in den Kriegszeiten.“ Weniger Zuschauer und die Meinung, dass Tiere im Zirkus gequält werden, machen den Artisten das Leben schwer. „Früher war der Platz voller Kinder, wenn wir in die Stadt reisten. Heute haben sie andere Interessen.“ Sechs Kinder bekam die noch 89-Jährige. Alle leben im Zirkus. Fünf Zirkusse haben ihre Nachfahren gegründet. Von 17 Enkel- und 22 Urenkelkindern lebt nur eine nicht mehr im Zirkus, sondern erlernte in Rostock den Beruf der Veranstaltungskauffrau. Doch wenn ihre Oma „Mäuschen“ Geburtstag hat, kommen sie alle zum Feiern nach Grimmen. 150 Gäste werden erwartet. Und das sind noch längst nicht alle Familienmitglieder. In der Trebelstadt gastiert der Zirkus aufgrund des runden Geburtstages extra lange bis zum 9. September.

Carolin Riemer

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