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Ausgemehmelt! St. Jakobi bekommt einen Orgel-Neubau

Stralsund Ausgemehmelt! St. Jakobi bekommt einen Orgel-Neubau

Obwohl jahrelang Spenden für die Restaurierung der Mehmel-Orgel gesammelt worden sind, soll das Instrument fast vollständig ersetzt werden.

Stralsund. In der Stralsunder Kulturkirche St. Jakobi haben gestern die Arbeiten zur Restaurierung des Gehäuses der historischen Mehmel-Orgel begonnen. Das Instrument selbst soll nach Angaben von Kirchenmusikdirektor Frank Dittmer beinahe vollständig durch einen Neubau ersetzt werden.

Unter den insgesamt 3000 Pfeifen würden sich lediglich 200 in der neuen Orgel befinden, die der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel (1827-1888) zwischen 1870 und 1877 in seiner Werkstatt angefertigt hat. Teile der vorhandenen Mechanik Mehmels sollen ausgebaut und in der Kirche eingelagert werden. Grund dafür ist nach offizieller Lesart der hohe Zerstörungsgrad des Instrumentes.

Der im Vergleich zur Mehmel-Orgel kleinere Neubau soll im Jahr 2020 fertiggestellt sein und Schätzungen des Stralsunder Sanierungsträgers SES zufolge 2,85 Millionen Euro kosten. Ein Großteil der Summe wird mit Hilfe von Fördermitteln finanziert, ein kleinerer Teil soll aus Spenden bezahlt werden.

Damit dürfte nun eine kontroverse Debatte einsetzen. Denn: Bislang war von allen Seiten gegenüber Spendern, Stiftungen sowie den Fördermittelgebern der öffentlichen Hand stets betont worden, dass das Geld in die Restaurierung der Mehmel-Orgel fließen würde. Allein Hansestadt und Bundesregierung wollen jeweils eine Million Euro in das Vorhaben investieren.

Die Pläne sind aber von einer eigens eingesetzten Orgelkommission zur Begutachtung des Zustandes der Mehmel-Orgel überraschend verworfen worden. Stattdessen befürwortet die Runde, der vor allem Kirchenmusiker, aber keine aktiven Orgelbauer angehören, einen fast vollständigen Neubau. Darin sollen neben den rund 200 Holzpfeifen aus der Mehmelwerkstatt auch Einzelteile untergebracht werden, die von Jakobi-Orgeln aus der Zeit zuvor stammen. 1732 war Orgelbauer Christian Gottlieb Richter (Stettin) mit einem Neubau beauftragt worden, der um 1780 von Ernst Julius Marx (Berlin) erweitert worden ist.

Kirchenmusikdirektor Dittmer spricht angesichts dieser drei Orgeln, die das neue Instrument bereichern sollen, von einer Orgel, die wie eine historische Klammer zu verstehen sei. Dittmer: „In der Fachwelt werden wir nicht mehr von einer Mehmel-Orgel sprechen.“ Wie der Volksmund sie nenne, sei eine andere Sache.

Dieter Bartels vom Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ ist mit den Neubauplänen alles andere als einverstanden. Aus seiner Sicht müsse so viel wie möglich von Mehmel erhalten und wieder eingebaut werden. Das Komitee sammelt seit Jahren Spenden für eine Restaurierung der Mehmel-Orgel, nicht aber für ein neues Instrument.

Laut Bartels habe Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) bereits festgelegt, dass die Orgel dennoch weiter den Namen Mehmel-Orgel tragen werde. Ob sich die Menschen daran halten, dürfte aber kaum in der Macht Badrows stehen. Frank Dittmer würde das neue Instrument künftig indes lieber als Jakobi-Orgel bezeichnen.

Der Orgelbauer Eckehard Lüdke, der auch die Mehmel-Orgel kennt, spricht von einem „Etikettenschwindel“. Das Ganze sei „eine nicht wieder gutzumachende Beseitigung der Orgelsubstanz Mehmels unter Verwendung mehrerer Millionen Euro an Steuergeldern und somit skandalös“. Die Orgel müsse erhalten und „nicht endgültig zerstört“ werden. Das Instrument war vor allem während des Zweiten Weltkrieges stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Nach Ansicht der Orgelbaufirma Eule in Bautzen sei eine Rekonstruktion der Mehmel-Orgel nach wie vor möglich und lohnenswert, heißt es in einem entsprechenden Schreiben. Diese Haltung sei auch der SES als Sanierungsträger mitgeteilt worden. Die Firma hatte im Jahr 2000 eine Bestandsaufnahme der Orgel vorgelegt und war schon darin zu dem gleichen Ergebnis gekommen. „Diese Untersuchung ist inzwischen 17 Jahre alt“, kontert Dittmer. Angesichts der 140-jährigen Geschichte der Orgel ist dies ein Wimpernschlag, möchte man meinen.

Benjamin Fischer

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