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Der lange Weg nach der Pleite: Aus dem Tal geradelt

Langendorf Der lange Weg nach der Pleite: Aus dem Tal geradelt

Nach der Insolvenz seines Autohauses im März 2014 fand Dr. Reinhard Klette „Entschleunigung“ auf dem Fahrrad / Jetzt bietet er geführte Touren an

Langendorf. Es war der wohl schwierigste Gang seines Lebens. Reinhard Klette erinnert sich noch ganz genau, es war der 23. Dezember 2013 um 14 Uhr, als er beim Amtsgericht Insolvenz anmelden musste. 24 Jahre lang hatte der heute 65-Jährige das Peugeot-Autohaus im Gewerbegebiet Am Langendorfer Berg geführt, sich in Stralsund und über die Grenzen der Hansestadt hinaus einen Namen gemacht. „Wir hatten einen guten Ruf“, sagt Reinhard Klette. Zum 1. März 2014 stand schließlich fest: Das war’s. Jetzt, etwa eineinhalb Jahre später, hat Reinhard Klette das Tal fast durchschritten. Das Insolvenzverfahren ist zwar noch nicht ganz abgeschlossen. Doch auf dem Weg sind Teilerfolge erzielt worden, die helfen, die Vergangenheit abzuhaken. „Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal relativ emotionslos an dem Gebäude vorbeigehen kann“, sagt Reinhard Klette. Doch er kann.

Seine Leidenschaft hilft ihm dabei. „Meine Frau hat gesagt, entschleunigen ist, was du jetzt machen musst“, sagt Reinhard Klette. Und weil nur Haus, Hof und Familie dafür dann doch nicht ausreichen, fand der Rentner neue Ruhe in seiner Leidenschaft. Klette schwang sich auf sein 1943er Diamantfahrrad und fuhr los. Im Herbst 2014 war es eine zweiwöchige Tour von Berlin nach Thüringen – Klette ist gebürtiger Thüringer – und über Stettin zurück nach Stralsund. Im Frühjahr 2015 fuhr er etwa 2000 Kilometer in drei Wochen durch Deutschland, unter anderem von der Werra-Quelle bis zur Werra-Mündung.

Diese beiden Touren halfen ihm, wieder nach vorne zu schauen.

Eine wichtige Etappe – um im Bild zu bleiben – wurde im Oktober 2014 abgeschlossen. Klette hatte gegen Peugeot geklagt. „Derjenige, der an der Insolvenz beteiligt war, sollte auch an den Konsequenzen beteiligt werden.“ Das Verfahren endete mit einem Vergleich, durch den der 65-Jährige auch finanziell etwas besser aus der Situation herauskam. Zum Hintergrund: Hauptursache für die Insolvenz waren hohe Zinsen der Peugeot-Bank. Klette musste Neuwagen sofort bezahlen, sie deshalb über die Bank zwischenfinanzieren, bis die Wagen verkauft waren. Doch das Neuwagen-Geschäft brach 2014 ein.

Auf dem Fahrrad radelte Reinhard Klette aus dem Tal hinaus. Doch nur für sich durch die Gegend zu fahren, war nicht genug. Kontaktfreudig, geschäftstüchtig und heimatverbunden wollte er auch andere an seiner Leidenschaft teilhaben lassen. Seit Mai dieses Jahres bietet Klette geführte Radtouren durch die Region an, die mehr sind als einfach nur von A nach B zu fahren. „Ziel ist es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, nette Leute kennenzulernen, und das alles bei einem gemütlichen Tempo.“ Mehr Kultur als Sport, so das Credo. Deshalb nutzt Reinhard Klette seine Kontakte aus der Vergangenenheit, organisiert Führungen, verbindet Radfahren mit anderen Aktivitäten. So stand die Radtour am vergangenen Wochenende unter dem Motto Radeln und Paddeln, in Kooperation mit dem Jugendhaus Graureiher in Nehringen. „Ich möchte Wissen über die Region und die Liebe zur Heimat vermitteln“, sagt Reinhard Klette.

Eigentlich war nur eine Tour pro Monat geplant gewesen. Doch aufgrund der hohen Nachfrage wurden daraus vier allein in diesem Monat. Drei Touren stehen in diesem Jahr noch auf dem Programm, unter anderem eine Lyonel-Feininger-Rundtour auf Usedom, die auf 56 Kilometern an 40 Stationen dem Schaffen des Künstlers auf der Insel folgt. Klette plant, auch im kommenden Jahr wieder ehrenamtlich Radtouren anzubieten.

Im Schnitt etwa 20 Radbegeisterte folgen dem ehemaligen Mathematik- und Geografielehrer auf seinen Wegen, zumeist sind es Einheimische. „Es wäre schön, wenn auch mehr Urlauber mitmachen“, sagt Klette. Doch es sei schwierig, sich auf dem touristischen Markt in der Region bekanntzumachen. Unter der Woche ist er mit der Nach- und Vorbereitung der Touren beschäftigt.

2017, so hofft der 65-Jährige, soll das Insolvenzverfahren abgeschlossen sein. Für das Autohaus im Gewerbegebiet Am Langendorfer Berg sei mittlerweile ein Käufer gefunden worden. Auch Mietinteressenten gebe es bereits. Und so ganz loslassen kann Reinhard Klette dann doch nicht. „Ich versuche, die Gespräche positiv zu begleiten“, sagt er. Das Ziel: Dort wieder einen Anlaufpunkt für Peugeot-Kunden zu haben. Dann wäre auch die letzte Etappe geschafft.

Robert Niemeyer

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