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Ein Paradies für Kinder

Niederhof Ein Paradies für Kinder

Das Strandschloss in Niederhof diente zu DDR-Zeiten als Ferienlager / Heute ist das Gelände in Privatbesitz

Niederhof. Ein Kinderferienlager in einem Naturschutzgebiet? Ja, so etwas gab es tatsächlich. In Niederhof, direkt am Strelasund. Tausende Kinder verbrachten hier zu DDR-Zeiten erlebnisreiche Ferientage. Waren es in den ersten Ferienwochen im Juli immer Schüler, die an einem Schwimmlager teilnahmen, so war der August in zwei Durchgängen den Teilnehmern einer Ferienfreizeit vorbehalten. Elf bis 13 Tage Aufenthalt kosteten die Eltern 12 DDR-Mark. Die Gewerkschaft zahlte den größten Anteil.

Es war die Lage des Niederhofer Strandschlosses, die den Rat des Kreises Grimmen in den 1960er-Jahren faszinierte. Die Abteilung Volksbildung war der Rechtsträger und Gerhard Lepel gehörte zu den ersten Leitern. Auf dem weitläufigen Gelände wurde eine Baracke gebaut, Küche und Speisesaal für die bis zu 80 Teilnehmer entstanden. Auch drei Bungalows wurden auf dem Gelände errichtet. Einer dieser Bungalows diente einem besonderen Zweck: Anfang der 1970-er Jahre wurde nämlich begonnen, das Schloss umzubauen. Dort wohnte viele Jahre der pensionierte Fischer Heinrich Kraeft mit seiner Frau Margarete. Also erhielt einer der Bungalows eine winterfeste Einkleidung und wurde die Wohnung der Kraefts.

Im Schloss entstand eine Küche, ein Speisesaal sowie Zwei- und Vierbettzimmer. Sogar eine Sauna wurde eingerichtet. Es gab eine herrliche Dachterrasse mit Blick auf den Strelasund. Diskos gab es hier und Mitte der 1980er-Jahre sogar die westlich angehauchten Wahlen zur „Miss und Mister Niederhof“, ein besonderes Gaudi für die Kinder.

„Als ich am 1. Mai 1973 hier als Hausmeister anfing, hatten die Maler gerade die letzten Arbeiten nach dem Umbau abgeschlossen“, erinnert sich Werner Knoblauch (88), der noch heute in Niederhof lebt. Herrscherin über die Küche war Gisela Pötter aus Brandshagen. Aus Grammendorf kam Ernst Hartmann als neuer Leiter an den Strelasund und sorgte mit Ehefrau Margot viele Jahre für das Wohl der Ferienkinder. Es sei nicht leicht gewesen, etwas Besonderes auf den Tisch zu bringen. Oft halfen nur Beziehungen wie zum Beispiel zur Gärtnerei in Bremerhagen, wo Herbert Schütte Tomaten zur Verfügung stellte. Oder zu einem Fischerbetrieb in Stralsund, von dem es auch schon mal geräucherten Heilbutt gab. Ansonsten vermissten die Kinder nichts: Es gab Ausflüge auf die Insel Rügen, Neptun- und Sportfeste und Nachtwanderungen. Am Badestrand lag ein Ponton für die Rettungschwimmer im Wasser, der von der Volkswerft Stralsund angefertigt wurde.

Anfang der 1980er-Jahre begann der Ferienaustausch mit dem VEB BMK Erfurt/Ausbau Gotha. Die Kinder aus Grimmen fuhren nach Thüringen, die Gothaer kamen nach Niederhof. „Niemals werde ich diese tolle Zeit vergessen. Viele Jahre kamen wir hierher und oft treffe ich heute noch Menschen, die von der Niederhofer Zeit schwärmen“, erzählt Helga Reinz, damals Betreuerin aus Gotha.

Gern erinnert sie sich auch an den alten Fischer Heinrich Kraeft, der sich inmitten der Kinder wohl fühlte. Wenn er Geburtstag hatte, wurde bei seinem Sohn Herbert in Stahlbrode gefeiert und eine Abordnung aus Niederhof überbrachte die Glückwünsche. „Herr Scholz, ich wasche meine Hände nicht mehr. Meine Mutti soll das riechen“, sagte einmal Andreas Roth aus Jena nach einem Besuch in Stahlbrode zum Lagerleiter. Warum? Der Junge hatte zum ersten Mal in seinem Leben einen geräucherten Aal gegessen.

Heinrich Kraeft blieb immer viele Monate in Niederhof, auch nachdem seine Ehefrau verstorben war. „Ich gehe nach Stahlbrode, wenn die Wasserleitung zufriert und komme wieder wenn sie aufgetaut ist“, erzählt der Senior.

1986 gab es einen weiteren Ferienaustausch mit dem Chemiekombinat Police (Pölitz) aus Polen. Die Kinder aus der DDR fuhren ins firmeneigene Heim nach Brzozki. „Es war einfach nur schön. Es entstanden viele Freundschaften, die zum Teil heute noch bestehen“, erinnert sich Krystyna Matkowska, die mit Ehemann Michael dabei war. Beide brachten viel Schwung mit. So wurde oft getanzt und gesungen.

Niederhof — das war für die Kinder auch der Park mit den vielen Kormoranen, Reihern und anderen Tieren sowie dem jüdischen Friedhof. Nach der Wende ging es mit dem Ferienlager nur zögerlich weiter.

Einmal kamen noch Kinder aus einer Partnerstadt Grimmens aus dem Landkreis Osterholz-Scharmbeck. Nach 1993 gab es das Kinderferienlager — letzter Leiter war Paul-Ernst Färber aus Grimmen — nicht mehr. Einige Zeit kamen noch Schulklassen aus der Region in den Ferien für ein, zwei Tage, dann war endgültig Schluss.

Jetzt ist das Gelände in Privatbesitz, ein Gästehaus steht darauf. Die drei Bungalows wurden abgerissen. „Sehr, sehr bedauerlich, dass man sich von dieser wunderschönen Einrichtung als Landkreis überhaupt getrennt hat“, findet Angela Lenuweit Merseburger, die ebenfalls in Niederhof als Betreuerin tätigt war. „Warum nicht mal in Nostalgie schwelgen und ein Treffen mit ehemaligen Teilnehmern organisieren““, so ihre Idee. Vielleicht klappt es ja, denn Zeitzeugen gebe es genug.

Von Walter Scholz

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